Olli Schulz Und Der Hund Marie - Das Beige Album - Cover
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Olli Schulz Und Der Hund Marie Das Beige Album


  • Label: Grand Hotel van Cleef /INDIGO
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Etwas ausgelaugt steht Olli Schulz am 1. Juni vor einer Vielzahl Freunden und Fans, um das Showcase im Hamburger Knust als würdigen Abschluss eines langen Interviewtages zu feiern. Der Funke springt nicht komplett über, aber sympathisch wie immer macht er überflüssige Ansagen, verspielt sich ab und an und ist wieder der perfekte Entertainer. Dazwischen singt er Lieder, die mal lustig, mal ernst klingen, aber alle eins gemeinsam haben: die mal versteckte, mal offene Melancholie.

1½ Jahre nach seinem Debüt „Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir die Beine“ ist Olli Schulz mit seinem Hund Marie endgültig angekommen, so wie er es auf „Jetzt bist du gut“ besingt. Auch auf „Das beige Album“ reichen sich die lustigen und die traurigen Lieder die Hand und niemals hat man das Gefühl, dass irgendeine dieser Fraktionen unangebracht ist, denn wie schon beim Debütalbum kann es vorkommen, dass das lustige auch das traurige Lied ist. „Bettmensch“ gehört zu dieser Sorte und ist ein Paradebeispiel für Schulz’ Talent negative Dinge positiv zu benennen. Es wird die tragische Geschichte eines Nichtsnutzes erzählt, der sich aber damit abgefunden hat. Ohne den moralischen Zeigefinger und einer Weltverbesserungsmime singt der Hamburger Geschichten aus dem Leben. Der große Unterschied zum Debütalbum ist das Offensichtliche: Ganz im Zeichen von „Weil die Zeit sich so beeilt“ vom letzten Album, stehen die Songs des neuen Albums. Wenn etwas traurig ist, wird es traurig dargestellt, wenn es lustig ist, wird es heiter dargestellt, das war auf dem ersten Album nicht der Fall („Küss mich schnell bevor du platzt“).

Mit „Der Film beginnt“ hat Olli Schulz eine sehr traurige Nummer als Opener gewählt und läutet damit ein sehr trauriges und herzzerreißendes Album ein. „Spooky Girlfriend“ beschreibt eine grauenhafte Beziehung, in der sich beide nicht lieben („Ich weiß nicht ob wir jemals glücklich waren“). Doch diese Geschichte um eine Beziehung ohne Liebe hat auch sein Gegenstück: „Schon lange was defekt“ handelt davon, dass es am schmerzhaftesten ist, wenn man eine Beziehung beendet, obwohl man sich noch liebt. Das Stück gilt als Inspiration für Kettcars „48 Stunden“. „Dann schlägt dein Herz“, die zunächst belanglose Single, die, wie damals „Der Moment“, immer bedeutsamer wird, ist ein Indie-Song, wie er aus dem Lehrbuch kommen könnte. Wie ein Herzschlag schlägt die Bassdrum durch den 2 Minuten langen Song. Dieser wird an Genialität allerdings nur von der Hookline von „Bettmensch“ geschlagen. Das Gegenstück zu dem Song über den Nichtsnutz findet sich in „Keine Zeit zu bluten“: „Ich bin ausgebildet worden, um den Quatsch hier Stand zu halten und den kleinen goldenen Orden könnt ihr gern behalten.“

Auch dieses Mal haben sich Hund und Hundebesitzer wieder Gaststars ins Studio eingeladen. Auf der letzten Platte durfte Olli ein Date mit der attraktiven Nora Tschirner verbringen. Nun gibt es als Einleitung zu „Bettmensch“ „Das allerletzte Date“ mit Farin Urlaub. Aber auch ein Gastmusiker konnte verpflichtet werden. Heinz Strunk hat sein Studio Braun verlassen, um die virtuose Querflöte auf „Klappskalli“ einzuspielen. Der Harburger ist dabei in seinem Element, erzählt er doch in seinem Buch „Fleisch ist mein Gemüse“ von seiner Jugend in Tanzkappellen jenseits der Geschmacksgrenze. Aber der Humor ist nicht ganz ausgeblieben, trotz der tristen beigen Farbe: „Die Ankunft der Marsianer“ ist eine Kritik gegen alle, die das Leben als langweilig ansehen und ständig einen neuen Kick brauchen. Dabei gelingt es Olli Schulz eine der besten Zeilen für eine deutschsprachige Platte zu verfassen: „Hamburg City, hartes Pflaster, Baby reich den Kapodaster und ich spiel dir dann ein Lied, das dich richtig runterzieht.“ Dagegen erzählt „Human Of The Week“ eine wahre Geschichte aus Ollis Leben. Der Song berichtet von einer Zeitschrift, in der Olli aufgrund seiner ersten Platte zum „Mensch der Woche“ tituliert wurde. Er habe darauf wochenlang nur noch allen zugesungen „I am the human of the week“. Daraus entstand das Lied im simpelsten Langenscheidt-Englisch. Lustig, aber wiederum auch melancholisch wird der Sänger an anderer Stelle von einem „Affenbär“ verfolgt und möchte dieses Tier nie mehr missen. Was Olli damit meint, bleibt wohl auf ewig sein Geheimnis. Ebenso wie das Gefühl, wenn man „das perfekte Lied“ schreibt (Hidden Track), denn das hat er bereits auf dem ersten Album als Opener verwendet. Deshalb ist es nun Zeit, dass er sich weiterentwickelt und das ist Olli Schulz vollkommen gelungen.

Anspieltipps:

  • Die Ankunft der Marsianer
  • Bettmensch
  • Schon lange was defekt
  • Affenbär
  • Keine Zeit zu Bluten
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