Tommy Lee - Tommyland: The Ride - Cover
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Tommy Lee Tommyland: The Ride


  • Label: Steamhammer/SPV
  • Laufzeit: 39 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Mann ist fertig mit der Plattenindustrie. Anders lässt sich die Botschaft auf der Rückseite des Albums „Tommyland: The Ride” nicht deuten: „I would like to personally thank all the major labels for having absolutely nothing to do with the recording, production and distribution of this record.“ Oh weia, da ist wohl jemand beleidigt. Und dieser Jemand ist kein geringer als Mötley-Crüe-Drummer Tommy Lee, dessen Zorn das Major-Label MCA Records trifft, das offenbar nicht genug dafür getan hat, um sein Soloalbum „Never A Dull Moment“ aus dem Jahr 2002 (drei Jahre zuvor erschien bereits das vergleichbar erfolglose „Methods Of Mayhem“-Projekt) zu einem Renner zu machen. Dabei war die Mischung aus Rock, Rap-Metal und Electronica durchaus hitparadentauglich, aber irgendwie wollten die Menschen da draußen zu dieser Zeit keine Musik von Tommy Lee kaufen. Sein Privat-Porno mit Ex-Frau Pamela Anderson war dagegen ein Mega-Hit...

„Tommyland: The Ride” erschien in den USA bereits Anfang August auf Lees eigenem Label TL Education Services Inc., begleitet von einer Buchveröffentlichung gleichen Titels und der Reality-TV-Show „Tommy Lee goes to College, Tommyland: The Ride“. In der Show, die in Europa im November ausgestrahlt werden soll, stellt Tommy Lee natürlich mehrere Songs der Scheibe vor. Als Geschäftsmann war der 43-Jährige eben schon immer ein Schlitzohr, denn mit dieser massiven, bezahlten (!) Werbung für sein Album, braucht er für den Vertrieb auch kein Major-Label. Geschickt eingefädelt...

Da dieser Trick allerdings nur in den USA zu funktionieren scheint, hat sich Tommy Lee für den Europa-Release mit dem Steamhammer-Label (SPV) zusammengetan, welches das Album Ende November bei uns in die Läden bringt. Produziert wurde „Tommyland: The Ride“ vom Meister persönlich in Zusammenarbeit mit Scott Humphrey (Mötley Crüe, Monster Magnet, Andrew W.K., Rob Zombie). Dazu wuchert die CD geradezu mit namhaften Gaststars: Chad Kroeger von Nickelback, Carl Bell von Fuel, Derick Whibley von Sum 41, Butch Walker (Ex-Marvelous 3), Joel Madden von Good Charlotte, Andrew McMahon von Something Corporate und Nick Carter von den Backstreet Boys (!). Genützt hat es leider nichts...

Nachdem Tommy Lee in den 80er Jahren zusammen mit den Sleazerockern von Mötley Crüe über 40 Millionen Tonträger verkauft hat, macht er auf seinem zweiten Solo-Trip auf älterer Herr, der sich in zahnlose Rock/Pop-Songs verstrickt, die absolut keinen schlafenden Hund wecken können. So ist der Opener „Good times”, der zusammen mit Multiinstrumentalist und Produzent Butch Walker eingespielt wurde, der auch auf dem letzten Album von Avril Lavigne zu hören war und Platten von Wakefield, American Hi-Fi und The Donnas produzierte, noch eine ganz nette Angelegenheit. Die Akustische schrammelt, die Drums bollern und die E-Gitarre wird nur dezent eingesetzt. Da freut sich jeder College-Radiosender. Track Nummer zwei, „Hello, again“, klaut sich ein paar Harmonien bei David Bowie und ist exakt die eingängige Hymne, die man nach dem Opener erwartet hat. „Watch you lose“ ist belangloser Mittelklasserock, der an Nickelback erinnert, womit wir auch schon beim nächsten Thema wären. Denn Chad-Kroeger-Songs klingen auch immer gleich.

Sein „Trying to be me“ ist eine vollfette Radiorockhymne, die genauso zu Bon Jovi passen würde. Nur sind die Gitarren beim Kanadier etwas präsenter, was den schwachen Song auch nicht rettet. Noch mieser geriet die Kollaboration mit Fuel-Gitarrist Carl Bell („Sister Mary“), der mit Herrn Lee offenbar die Melodiekunst der Beatles zitieren will. Das kann ja nur schief gehen. Trotzdem, es ist schon interessant, was Tommy Lee für ein musikalisches Chamäleon ist. Fast jeder Track, den er zusammen mit einem berühmten Kollegen einspielte, klingt exakt nach dessen musikalischer Heimat. So ist „Tired“ natürlich perfekter Pop-Punk á la Good Charlotte, den Joel Madden mit seinen charakteristischen Vocals entsprechend aufpoliert. „Say goodbye“ bedient sich zwar einer E-Gitarre, doch das Melodiegerüst gemahnt doch sehr stark an das Oeuvre der Backstreet Boys. Schön, dass Nick Carter dem Song seine Stimme leiht. So wird Tommy Lees kalkulierte Musik besser entlarvt.

Die überwiegende Anzahl der Songs auf „Tommyland: The Ride“ klingt erschreckend beliebig und konstruiert. Hier versucht sich ein alternder Rockstar mit pseudo-modernen Songs an eine jugendliche Käuferschicht heranzulügen, die den Namen Tommy Lee wahrscheinlich gar nicht kennt. Im Vergleich dazu war der Vorgänger „Never A Dull Moment“ ein echtes Innovationswunder. Was dieses Werk dagegen zu bedeuten hat, mag sich dem Hörer nicht wirklich erschließen.

Anspieltipps:

  • Tired
  • Good times
  • Makin’ me crazy
  • Hello, again (Acoustic)
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