Pearl Jam - Pearl Jam - Cover
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Pearl Jam Pearl Jam


  • Label: J Records/SonyBMG
  • Laufzeit: 50 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Band legt mit ihrer achten Produktion zwar ein solides bis gutes Album vor, das aber niemanden vom Hocker hauen wird.

Ein neues Pearl-Jam-Album! Hui, wer hätte das gedacht!? Irgendwie kribbelt es noch immer, wenn die fünf Herren mit frischem Material herüberwachsen, obwohl die Zuneigung zu den Grunge-Heroen aus Seattle trotz inniger Liebe und einer kompletten Regalreihe mit offiziellen Bootlegs in den letzten Jahren immer mehr abgekühlt ist. Dabei zeigte die Formkurve mit „Riot Act“ (2002) zuletzt wieder nach oben. Doch dann zeichnete sich das lang diskutierte Vertragsende mit Epic/Sony Music ab, das mit der Veröffentlichung einer Live-DVD („Live At The Garden“), einer Doppel-Live-CD („Benaroya Hall, October 22nd 2003“), einer Raritätensammlung („Lost Dogs“) und einer „Best Of“-Platte („Rearviewmirror: Greatest Hits 1991-2003“) wie Kaugummi in die Länge gezogen wurde. Ein Ausverkauf der ganz groben Sorte, der aber durchaus geschäftsüblich ist.

Das verrückte Ende der Geschichte: Eddie Vedder (Gesang, Gitarre), Jeff Ament (Bass), Stone Gossard (Gitarre), Mike McCready (Gitarre) und Matt Cameron (Drums) unterschrieben beim BMG-Label J Records (geführt von Business-Legende Clive Davis) einen neuen Deal und fanden sich nach der Fusion von Sony Music und der Bertelsmann Music Group (BMG) quasi unter demselben Vertriebsdach wie früher (SonyBMG) wieder. Dumm gelaufen. Nichtsdestotrotz stellt das achte Studioalbum für die Band einen richtungsweisenden Neuanfang dar. Dafür spricht zum einen der simple Titel („Pearl Jam“) und die Aussage, es nach rund 60 Millionen verkauften CDs noch einmal wissen zu wollen.

Ohne den Druck einer Deadline und unter der Anleitung von Adam Kasper (Weezer, Foo Fighters, Queen Of The Stone Age, Soundgarden, Nirvana) stellt sich die Band mit dem Veröffentlichungsdatum Ende April (Europa)/Anfang Mai (Nordamerika) einer extremen Konkurrenz. Denn fast zeitgleich buhlen unter anderem neue Alben von Tool, Bruce Springsteen, Snow Patrol, The Goo Goo Dolls, Jewel, Taking Back Sunday und Mark Knopfler in den Auslagen der Plattenläden um die Gunst der Plattenkäufer. Egal! Pearl Jam sind nach mehr als einem halben Jahr im Studio hochmotiviert, auch wenn es schwer werden dürfte, an Großtaten wie „Ten“ (1991) und „Vs.“ (1993) anzuknüpfen. Denn angesichts der hohen Erwartungen, macht sich nach dem Genuss von „Pearl Jam“ schon ein wenig Ernüchterung breit. So bleiben nach den ersten Durchläufen nur wenige Songs hängen. Etwa der mittelschnell groovende Hit „Marker in the sand“ (bester Song des Albums!), der durch eine ungewöhnlich eingängige Melodie und scharfe Riffs auffällt, und die grandiose Rockballade „Come back“.

Dazu gibt es eine Hand voll schroffer Rocksongs. Einer davon ist der Opener „Life wasted“, ein anderer „Comatose“, ein schneller Punkrocksong im „Vitology“-Stil. Auch „Big wave“ und die Singleauskopplung „World wide suicide“ brettern mit einer Mischung aus vertrackten Grooves und harten Gitarren druckvoll aus den Boxen. Doch der richtige Kick fehlt einfach. Zudem wird es im Album-Mittelteil arg beliebig. So holt sich „Parachutes“ die rhythmische Inspiration irgendwo zwischen Jack Johnson und den Beatles ab, entpuppt sich aber trotz Wurlitzer und schönen Harmonien als etwas flügellahme Ballade. Das poppige „Unemployment“ ist inhaltlich wesentlich interessanter als musikalisch (es geht um das Thema Arbeitslosigkeit), um es freundlich auszudrücken, und „Gone“ greift in die altbekannte Schublade von „Off he goes“ und „Daughter“, ohne auch nur in die Nähe der Qualität der beiden Klassiker zu kommen. Dabei ist der Song gar nicht mal schlecht. Nur muss es sich an seinen schier unerreichbaren Vorgängern messen, woran er letztendlich scheitert.

Eine Klasse besser ist da schon die bluesige Ballade „Come back“. Gitarren und Orgel heulen wehmütig mit Eddie Vedder bis zum großen Finale um die Wette. Pathetisch und doch wunderschön. Das finale „Inside job“ lässt das Album dann bedächtig ausklingen. Der Text von Mike McCready befasst sich mit der Möglichkeit, unabhängig vom großen Chaos aus sich heraus Kraft zu schöpfen. Es erzählt von Hoffnung, Wut, Stolz und Scham und dem berühmten Licht am Ende des Tunnels. Eben jenes lässt „Pearl Jam“ nur stellenweise aufblitzen.

Die Band legt mit ihrer achten Produktion zwar ein solides bis gutes Album vor, das aber niemanden vom Hocker hauen wird. Dazu haben die Herren aus Seattle in ihrer Vergangenheit ganz andere Kaliber rausgehauen. Dennoch lässt sich auf „Pearl Jam“ sehr gut aufbauen. Die Experimentierphase scheinen die Fünf jedenfalls beendet zu haben. Bleibt nur zu hoffen, dass auf das nächste Album nicht wieder vier Jahre gewartet werden muss.

Anspieltipps:

  • Big wave
  • Life wasted
  • Come back
  • Severed hand
  • Marker in the sand
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