Alexander Hacke - Sanctuary - Cover
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Alexander Hacke Sanctuary


  • Label: Koolarrow Records/INDIGO
  • Laufzeit: 54 Minuten
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Alexander Hacke - Sanctuary
10 1 8/10 Unsere Wertung Legende
4.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Hallo Frank, solltest Du dieses Werk experimenteller Rockmusik auf einer Deiner Wolken da oben im Musikerhimmel hören, wirst Du sicherlich an die 60er und 70er Jahre zurückdenken. ‚200 Motels’ und ‚Uncle Meat’ lassen grüßen. Gib die Hoffnung nicht auf!“ Mit diesem kurzen Gedenken an den großen Frank Zappa versucht der Rezensent den Einstieg in die schwierige Materie des Musikstils eines Alexander Hacke zu finden.

Alexander Hacke ist in diesem Genre kein Unbekannter mehr. Der 1965 geborene Berliner stieg 1980 bei den Einstürzenden Neubauten ein, nachdem er sich einen Synthesizer angeschafft hatte (man beachte, dass er da erst 15 Jahre alt war!). Mit dieser Formation wurde Untergangsmusik im Hinblick auf den für 1984 erwarteten Weltuntergang gemacht. Das Jahr 1984 kam - und wie wir mittlerweile wissen, blieb der Weltuntergang aus. Dies war für Alexander Hacke das Signal voraus zu blicken und musikalisch weiterzuarbeiten. Mit ihm an der Gitarre wurden 1986 drei LPs der Gruppe Crime And The City Solution eingespielt. Ein Jahr später begleiteten die Einstürzenden Neubauten musikalisch das Theaterstück „Andi“. In den Neunzigern komponierte Hacke diverse Filmmusiken, kehrte aber immer wieder in den Schoß der Neubauten zurück, die seinen künstlerischen Heimathafen darstellen. Mittlerweile kann diese Formation auf 25 Jahre bewegte Musikgeschichte stolz sein.

Mitte Mai erscheint nun das neue Soloalbum „Sanctuary“ von Alexander Hacke. Wie in diesem Genre üblich, versucht der Künstler auf anderen musikalischen Wegen seine Sicht der Dinge darzustellen. A-rhythmische Klänge, unterlegt mit gesprochenen und gesungenen Texten sind der normale Durchschnitt. Richtig in den Bereich experimenteller Musik geht es dann, wenn den Instrumenten Klänge entlockt werden, die man ihnen gar nicht zutraut. „Instrumente“ können dabei auch Gießkannen, Stahlrohre oder Gartenschläuche sein. Diese instrumentale Zusammensetzung stellt den Hörer ein ums andere Mal auf die geschmackliche Probe und erfordert die totale Öffnung für Ungewohntes. Bestes Beispiel ist der Titel „Per Sempre Butterfly“, bei dem, neben orientalischen Trommeln und orchestraler Hintergrundmusik, Gaststar Gianna Nannini auf Italienisch singt.

Gleich zu Beginn des Werkes legt Hacke mit suspekten Tönen und Wasserplanschen im Titel „Minnie and me“ los. Mit „Sister“ folgt ein Track in bester Frank-Zappa-Manier. Der Text wird zu Drumbeats und sägenden Gitarren von einer Frau gesprochen, als leite diese eine Gymnastikstunde. „Love me love my dog“ wird von gefälligen Schlagzeugrhythmen getragen, die von Gitarren und Synthies begleitet werden. Dazu sondert Hacke einen Sprechgesang wie dereinst Captain Beefheart ab. Der schärfste Track des Albums heißt „Sonntag“ und handelt vom Dasein des Individuums in der großen Stadt und der sonntäglichen Langeweile (Interpretation des Kritikers). Das Titelstück „Sanctuary“ beginnt mit getragenen Synthieklängen im Stile Pink Floyds („Ummagumma“) und wird ebenfalls durch das Schlagzeug, das wiederum in Synthiebeats übergeht, geprägt. Es lebt von der monotonen Wiederholung eben dieser Beats, die so ausdruckslos klingen, dass es schon wieder interessant wirkt. Gimmick dieses Stückes ist eine Synthesizer-Pieps-Stimme, die scheinbar unmotiviert auftaucht und wieder verschwindet. Dieser Song hat es wirklich verdient, das Titelstück zu sein. Vor allem die Länge (ca. 13 Minuten) gibt dem Künstler den erforderlichen Raum, seine ganze Kreativität auszuleben und sich entsprechend zu positionieren.

„Yours truly“ weckt einen dann mit Trompete und Weckerklingeln aus dem vorangegangenen Rhythmus. Hier kommt erneut die volle Experimentierfreudigkeit des Künstlers zum Tragen. Dies gilt nicht für das darauf folgende Stück „Seven“, das zuerst Anleihen am Heavy Metal aufweist, aber dann mit indisch anmutenden Trommeln aufwartet. Ein weiterer Titel mit Überlänge ist „Sugarpie“. Auch hier sind Parallelen zu Captain Beefheart erkennbar, z.B. das Gitarrenspiel und die Art und Weise des Sprechgesangs. Das große Album-Finale „Brush/Throat“ bedient sich letztendlich bei den australischen Ureinwohnern, gepaart mit sphärischen Synthieklängen, als ob in den Orbit abgehoben werden soll. Dies ist Spitze, Herr Hacke!

Fazit: Dieses Album ist nur etwas für Musikfreaks, die mit dieser Art der intelligenten Musik und deren Gestaltung etwas anfangen können. Der für diese Musikart zugängliche Hörerkreis wird allerdings sehr begrenzt sein.

Anspieltipps:

  • Sister
  • Sonntag
  • Sugarpie
  • Sanctuary
  • Per Sempre Butterfly
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