Helloween - Keeper Of The Seven Keys: The Legacy - Cover
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Helloween Keeper Of The Seven Keys: The Legacy


  • Label: Steamhammer/SPV
  • Laufzeit: 78 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Helloween-Album, das an die legendäre Keeper-Saga anknüpfen soll, zu rezensieren, ist keine leichte Aufgabe. Das Erbe der beiden Vorgängerwerke aus den Jahren 1987 und 1988 wiegt schwer. Die Erwartungen schienen unerfüllbar zu sein. Wie viele Bands vor und nach ihnen trägt die 1985 in Hamburg geformte Heavy Metal - Kapelle bis heute die Bürde ihrer Klassiker. Und obgleich sie zwischenzeitlich konstant gute und so gar herausragende Alben wie das brachial-düstere Millennium-Meisterwerk „The Dark Ride“ schufen, versuchen die Kürbisköpfe bis heute erfolglos an die kultigen Keeper anzuschließen. Bis heute?

Natürlich verbreitete sich die Nachricht, dass man sich an einer Fortsetzung dieser Metal-Meilensteine versucht, wie ein Lauffeuer. Gleichzeitig mehrten sich die kritischen Stimmen. Niemals sei es möglich den Erfolg zu wiederholen. Weder in qualitativer noch kommerzieller Hinsicht. Schon mal gar nicht nach so langer Zeit. Und keinesfalls in dieser Besetzung. Ohne Micheal Kiske und Kai Hansen sind Helloween ja sowieso nicht mehr das, was sie mal waren. Sagt man jedenfalls. Aber lassen wir mal die Vorurteile im Schrank und gehen völlig unbefleckt an die Sache ran. Wir greifen uns den Hocker, der da drüber in der Ecke steht und machen es uns auf ihm bequem. Nehmen einen kräftigen Schluck Rotwein zu uns und atmen anschließend tief durch. Wir wischen uns den Angstschweiß von der Stirn, legen mit zittrigen Händen die erste CD in den Spieler und drücken Play.

Und werden sofort vom Schemel geblasen. Mit „The king for a 1000 years“ haben Helloween nicht weniger als den besten Opener des Jahres am Start. Frenetisches Riffing, umgarnt von fetten Chören und einem formidabelen Mitsing-Refrain, unterbrochen von feenhaften Frauengesängen, die durch waghalsige Gitarrensoli abgelöst werden. Dieses 14-Minuten-Monster bietet die gesamte Palette epochaler Musik auf. Schlichtweg grandios! Ein wohl überlegte Entscheidung, dieses herausragende Epos am Anfang zu platzieren. Spektakulärer könnte der Vorhang nicht aufgehen. Augenblicklich ist jeder Anflug von Zweifel wie weggewischt, verstummen die kritischen Stimmen da hinten auf den billigen Plätzen. Das Schreiben von Epen scheint inzwischen sowieso (wieder) eine Paradedisziplin der Band zu sein, wie sich im Verlauf des Albums noch herausstellen soll. Oft fällt eine Vorentscheidung bei der abschließenden Bewertung eines Albums schon mit den ersten Tönen. Die Erfahrung lehrt, dass viele Alben, die sich bereits zu Beginn keinerlei Blöße geben, am Ende als Sieger vom Platz gehen. Zumindest diese Aufgabe hat der neue Keeper schon mal mit Bravour gemeistert.

Wohl wissend, dass zwei Killer selten zusammen kommen, bereiten wir uns auf „Invisible man“ vor. Eingeleitet durch ein exzellentes Bass-Intro überzeugt auch dieses siebenminütige Beinah-Epos mit tollem Bang-Your-Head-Riffing und einem Refrain, der dem des Vorläufers in Nichts nachsteht. Fast schon progressiv wird’s zwischendrin, wenn das Tempo gedrosselt wird und der Song einen neuen Anlauf nimmt. Die Bridge sorgt vor Allem bei Minute 4:30 für einen fast schon musicalähnlichen Charakter. Sehr angenehm fällt auch das diffuse Piano-Thema auf, das dem Song das gewisse Etwas verleiht. Wir verzeichnen gut gelaunt den zweiten Volltreffer. Nach diesem beängstigend guten Einstieg geht es mit „Born on judgement day“ Gott sei Dank erstmals in etwas gewöhnlichere, sehr traditionelle Power Metal-Gefilde. Wiederum haben wir es hier mit einem schönen Refrain und ausgezeichneter Arbeit an den Instrumenten zu tun. Ingesamt aber nicht vergleichbar mit dem außergewöhnlichen Material, das man bisher auf die Ohren bekam.

Und als hätten Helloween den leisen Anflug erster kritischer Bemerkungen spitzbekommen lassen sie mit „Pleasure drone“ bereits das dritte Highlight auf den Hörer los. Kraftvoll peitschen die Klampfen das Teil in Richtung des vielleicht besten Refrains der CD. Im Anschluss schaut für drei Minuten „Mrs. God“ vorbei. Die vorab ausgekoppelte Single lädt zum permanenten Schmunzeln ein. Ein typischer Helloween-Kracher voller Ironie, der allerdings im Vergleich zum Rest der ersten CD etwas aus dem Rahmen fällt, was man jedoch nicht unbedingt negativ auffassen sollte. Im Gegenteil: etwas Abwechslung hat noch niemandem geschadet.

Das Ende des ersten Teils markiert das schnelle „Silent Rain“. Ich würde es ungefähr auf demselben Niveau wie „Born on judgement day“ ansiedeln. Beide Songs sind auf diesem Album nicht unbedingt herausragend, wären es aber auf dem letzten Album „Rabbit Don’t Come Easy“ (2003) gewesen. Das war also CD Numero 1. Lassen wir sie noch mal Revue passieren: wir haben gerade drei der besten Helloween-Lieder aller Zeiten gehört. Ein Ausfall war weit und breit nicht zu entdecken. Die Erwartungen wurden entgegen aller Erwartungen bisher mehr als erfüllt. Gespannt harren wir der Dinge, die noch kommen mögen…

Mit „Occasion avenue“ bestätigt sich, was ich weiter oben bereits zu den Epen dieses Albums schrieb. Zunächst legen wir alle Nüchternheit und Zurückhaltung ab… Wahnsinn! Dieser Song ist wahrscheinlich die Krönung all dessen, was Helloween jemals zusammenkomponiert haben. Obwohl nicht ganz so abwechslungsreich wie das Eröffnungsepos der ersten CD, bleibt dieses Wunderwerk wohl noch lange nachdem man die Platte tot gehört hat im Gedächtnis verankert. Jeder, der am Album „The Dark Ride“ (2000) seine Freude hatte, wird hier einen „Ohrgasmus“ bekommen. „Light the universe“ ist dem ersten Eindruck nach keine besonders herausragende Ballade, aber sie gewinnt durch die Kooperation mit der Sängerin Candice Night (Blackmore’s Night) enorm. „Do you know what you’re fighting for“ klingt dann genauso, wie es der Titel vermuten lässt. Abermals lädt ein epischer Refrain zum mitstampfen, mitgrölen und mitbangen ein.

Ein weiteres Highlight stellt „Come alive“ dar, das sich als zweite Singleauskoppelung anbieten würde, da es ganz in der Tradition von „Mrs. God“ steht. Es folgen die drei Lieder, die meiner Meinung nach die Höchstwertung verhindern. Nicht weil sie schlecht wären; das sind sie beileibe nicht, aber sie vermögen mich irgendwie nicht so zu beeindrucken, wie das bisher der Fall war. „Shade in the shadow“ zieht beinah unbemerkt vorbei. „Get it up“ kann da schon besser auf sich aufmerksam machen, aber ebenfalls keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und mit „My life for one more day“ haben es Helloween leider versäumt einen dem Einstieg würden bombastischen Abgang aufs Parkett zu legen.

Widmen wir uns den drei zentralen Fragen, die sich zum Abschluss dieser Kritik unweigerlich stellen: Ist „Keeper Of The Seven Keys – The Legacy” ein würdiger Erbe der alt-ehrwürdigen Keeper-Saga? Schwierig zu beantwortende Frage, da die ersten beiden Teile aus einer völlig anderen Zeit stammen. Heutzutage kann man ja auch keine Filme mehr machen, die den Charme der 70er und 80er versprühen. Und genauso verhält es sich mit der Musik. Ich würde diese Frage dennoch mit einem vorsichtigen Ja beantworten!

Wurde mit „Keeper Of The Seven Keys – The Legacy“ das beste Helloween-Album seit den ruhmreichen Tagen der Keeper-Saga geschaffen? Gemessen daran, dass hier nicht nur fast ausnahmslos erstklassige Songs, welche alle Trademarks der Band repräsentieren, vertreten ist, sondern die Doppel-CD darüber hinaus einen großen Gegenwert fürs Geld bietet, lässt diese Frage nur eine bejahende Antwort zu.

Kann man dem Werk folglich guten Gewissens die Höchstwertung verpassen? Nicht ganz! Hätte man bessere Auslese betrieben, die schwächeren Momente (die sich vor Allem in der zweiten Hälfte bemerkbar machen) weggelassen und dafür nur eine Single-Disk-Variante herausgebracht, bliebe einem nichts anderes übrig. So aber wurde der Status des uneingeschränkten Meisterwerks mit Kultstatus um Haaresbreite verfehlt. Wobei natürlich erst der Langzeittest zeigen wird, auf welche Resonanz das Werk innerhalb der Fangemeinde stößt und ob ihm ein Platz in der Ahnengalerie vergönnt ist. Ungeachtet dessen gelingt Helloween das Kunststück sämtliche Kritiker Lügen zu strafen und mit dem besten Power-Metal-Album des Jahres den großen Erwartungsgehalt bei weitem zu übertreffen. Zugreifen, Leute!

Anspieltipps:

  • Come alive
  • Pleasure drone
  • The invisible man
  • Do you know what you’re fighting for
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