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Madsen Madsen


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 38 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn Madsen nach dem zweiten, spätestens dritten Album nicht Headliner von „Rock am Ring“ sind, war dieser spontane Anflug an Überheblichkeit nur ein vorschnelles Urteil.

Wer dieser Tage Thees Uhlmann, Mitbegründer der Plattenfirma Grand Hotel van Cleef, durch das Wendland wandern sieht, der muss damit rechnen, dass der Frontmann von Tomte nicht unbedingt politische Interessen in dem atomaren Zwischenlagergebiet hegt. Vielmehr ist er einfach nur auf der Suche nach Inspiration, denn aus dem Wendland kommt auch eine neue junge Band, die das Interesse von Uhlmann geweckt hat: Madsen.

Madsen besteht aus den Brüdern Madsen (Sebastian, 23 – Gesang/Gitarre, Johannes, 26 – Gitarre, Sascha, 21 – Schlagzeug), sowie Niko (23, Bass) und Folli (29, Orgel). Bereits die erste Single sorgte in der Alternativ-Szene für Erregung: „Die Perfektion“, eigentlich nur ein überdurchschnittlicher Song, der sich aber nicht so schnell aus den Gehörgängen verabschiedet, wurde von allen gängigen Formaten der TV-Sender, die die Alternative-Flagge hochhalten, gepusht. Zwar befand sich auf der Single mit „Shoppen gehen“ ein erschreckend schwacher Song, der die Erwartungshaltung auf das Album mächtig runterzog. Doch auch Kritiker können sich bei ihren Urteilen mal täuschen, denn Madsen liefern ein überdurchschnittlich gutes Debütalbum ab, das da ansetzt, wo die Sportfreunde Stiller zur Hälfte ihres zweiten Albums aufgehört haben.

„Die Perfektion“ verrät das musikalische Konzept der Gruppe: deutschsprachiger Rock ohne Soundexperimente, dafür mit einem verzerrten Gesang, der oft an das Geschreie von Nu-Metal-Bands erinnert. Kein Wunder, schließlich spielte die Band vor zwei Jahren noch Crossover unter dem Namen „Hörstuaz“. Doch damit kann sich heute keiner der Jungs mehr identifizieren. Die übrig gebliebenen Reste sind nun in „Panik“ oder „Lüg mich an“ zu hören. Auch „Wohin“ kommt ohne typische Nu-Metal-Riffs nicht aus, während „Vielleicht“, der erste Madsen-Song überhaupt, und „Immer mehr“ auch ohne diese Komponenten ganz gute Rocksongs sind. Schon fast unzugänglich kommt in Liedern wie „Unsichtbar“ eine wohlklingende Orgel vorbei. Unzugänglich, weil man an die Synthesizer-Sounds der Sportis oder den Helden gewöhnt ist. Auch „Immer wieder“ genießt den Luxus, dass sich mal nichts in den Vordergrund spielen muss, um außergewöhnlich zu klingen.

Zwar hat man spätestens ab dem neunten Track, „Lüg mich an“, durchschaut, wie es musikalisch weitergeht, doch dem setzt Songschreiber Sebastian schöne Texte um verloren geglaubte Beziehungen entgegen: „Gib mir Liebe, gib mir Hass, gib mir Sehnsucht, gib mir Kraft, verfolg mich, betäub mich, gib mir alles, was du hast – Bitte lüg mich an“. Gelegentliche Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Verse sind da schnell vergessen, besonders wenn Mitsingrefrains wie bei „Mein Therapeut & ich“ aus der Masse herausragen. Auch die Ballade „Im Dunkeln“ erfindet mit seiner einfachen, klaren Rhetorik eine Atmosphäre wie unter einem Sternenzelt. Das absolute Highlight ist „Diese Kinder“ mit geradlinigen Riffs, einer kritisch-hinterfragten Schwarz-Weiß-Malerei und einem Gesang in den Strophen, dessen Melodie sofort zum Mitsingen animiert. Der Sound klingt dabei so dreckig und rau, dass man Madsen mit ihren eigenen Waffen anschreien möchte – „Haltet euch von diesen Kindern fern!“.

Eins ist klar, wenn Madsen nach dem zweiten, spätestens dritten Album nicht Headliner von „Rock am Ring“ sind, war auch dieser spontane Anflug an Überheblichkeit nur ein vorschnelles Urteil. Aber ein gerechtfertigtes!

Anspieltipps:

  • Wohin
  • Im Dunkeln
  • Diese Kinder
  • Lüg mich an
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