Tom Cunningham - A Beautiful Lie - Cover
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Tom Cunningham A Beautiful Lie


  • Label: Dunefish/Edel
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Der waschechte Amerikaner Tom Cunningham, geboren an einem 25. Juni in Bronxville, New York, kam in den 70er Jahren nach Berlin, wahrscheinlich nicht mit der Absicht im Koffer, die hiesige Singer-/Songwriter-Szene mächtig ans Rennen zu bekommen, aber vollbracht hat er es trotzdem. Cunningham war damals mit seinem Kumpel Jesse Ballard unterwegs nach Berlin, um dort als Duo mit dem logischen Namen "Tom & James" Fuß zu fassen, was aber die RAF-Zeit beinahe verhindert hätte. Seither lebt er pendelnd in Berlin und Nashville.

Kaum in Berlin angekommen musizierte er mit hier bereits renommierten Künstler zusammen oder spielte für sie im Studio deren Alben ein, vergaß dabei aber nie seinen eigenen Traum, der da war, in Berlin das amerikanische "Songwriters In The Round" einzuführen, eine Singer-/Songwriter-Runde, zu der er auch heute noch je drei Kollegen in seine Runde bittet und noch einen fünften Stuhl für einen spontanen Gast anbietet. Die einzelnen Künstler stellen eigene Songs akustisch performt vor, die anwesenden anderen Musiker improvisieren und spielen mit, so dass meistens recht frische, neue Varianten entstehen. Im Jahre 2000 wurde die Idee geboren, "Songwriters In The Round" zu importieren, seit 2003 ist Tom mit diesem "Programm" auf Tour, was zwischen Berlin, München und Hamburg immer wieder wechselt. Hier begegnet der Zuhörer auf jeden Fall keinen gecasteten Teeniemodels mit zuviel Make-up im Gesicht, hier trifft man auf Künstler, die für ihre Musik leben, die Musik im Blut haben, die Leidenschaft in Bauch und Herz noch pulsiert, genau wie bei Cunningham selbst.

Der Wahl-Nashviller Tom Cunningham, der in seiner Jugend auch eineinhalb Jahre in Griechenland lebte, arbeitete mit so ziemlich jedem Liedermacher Deutschlands zusammen, u. a. produzierte, komponierte, musizierte, textete oder arrangierte er für Musiker bzw. mit Musikern wie z. B. Hannes Wader, Peter Maffay, Albert Hammond, Peter Alexander, Juliane Werding, Stefan Waggershausen, Veronika Fischer, Udo Jürgens, Heinz Rudolf Kunze, Karat, Keimzeit, Romy Haag, Queen Yahna, Princess, Roby Bauer, Rick de Lisle, City, The Teens, Gunter Gabriel, Shannan, Kimberley Dahme, Werner Lämmerhirt, Country Delight, Stephanie Forryan usw. Was wirklich spezial im Curriculum Vitae des Tom Cunningham ist: er war einer der ersten, die eine sagenhafte Pionierarbeit auf dem DDR-Musik-Sektor leisteten. Er prägte das DDR-Soulbild maßgeblich durch seine amerikanisch-westlichen Einflüsse und Ratschläge.

Seine erste Band gründete Cunningham, der Psychologie studierte, aber seine Dissertation nie abgeliefert hat, noch in den USA, da war er erst 14 Jahre alt, aber schon ein jemand, dem der Rock`n`Roll im Blut herum pulsierte. Es folgte Foresight, die weiter aus seinem Landesgenossen Wayne Grajeda bestand. Mit Beginn der 80er Jahre kamen auch die ersten eigenen Platten von Tom Cunningham ans Licht: "Have a little faith in the kid", "Comin` back for more", "Blitz: The game" und "Tom Cunningham & The Broadcasters: Germany". In den 90er Jahren folgten Alben wie "Lost in Thailand", "What if?", "... a little time", "Denn du bist da" (seine einzige deutsche CD) und jetzt eben "A beautiful lie". "What if?" kann man durchaus als Tom`s farbenfrohste Platte bezeichnen. Auf keiner anderen CD verbindet er so viele Stile, Möglichkeiten und musikalische Ausdrucksweisen wie auf dem 1996er Album. Weil die Studioarbeit für "What if?" seine derzeit erfolgreichste in Nashville/Tennessee war, schuf er sich so die Möglichkeit, einige Jahre in der "Music City" Nashville zu leben und vor allem: zu wirken. Und weil ihn sein Berlin noch immer nicht losließ, rief er von Nashville aus "The Nashville Insider", eine Radio-Produktion für den Sender Freies Berlin ins Leben, um den Daheimgebliebenen Berlinern das musikalische Geschehen Nashvilles aus erster Hand nahe zu bringen, den roten Faden am Glühen zu halten, bis er wieder nach Berlin ging. Warum Nashville? Tom sagte einmal darüber: "Irgendwann wurde mir klar: Ich muss nach Nashville ziehen. Dort bebt die Stadt vor lauter Musik, man kann viel lernen, und ich habe dort viele Autoren kennengelernt, mit denen ich Songs geschrieben habe." Ein Mann der Taten - immer auf der Suche?!

Interessant ist auch, dass Tom Cunningham ein deutschsprachiges Country-Blues-Soul-Jazz-Album aufnahm. Das war 1999. Aufgenommen wurde wieder in Nashville, was sicherlich auch eine Besonderheit darstellt. Die Studiomusiker stammten allesamt aus den Staaten. Es ist schon ein komisches Erlebnis, Cunningham Deutsch singen zu hören, wenn man seine muttersprachlichen Werke kennt, die seinem Stil sicherlich mehr Nähboden geben, als die deutsche Sprache. Seine deutschen Nummern erinnern ein wenig zu sehr an diesen Frauenliebling von einem südafrikanischen Howard Carpendale, nur sind Tom`s Texte wesentlich fruchtender und aussagender. Leider bekommen deutsche Texte, die in einen Mantel aus Soul und Country gesteckt werden, gleich einen unangenehmen Schlagerstempel aufgedrückt, den sie an sich gar nicht verdienen. Erwähnenswert ist aber auf jeden Fall, dass der Song "Happy Birthday" aus diesem Werk dér Renner-Hit schlechthin war, nämlich der Soundtrack für die TV-Serie "Happy Birthday", die hier in Deutschland Ewigkeiten im Abendprogramm lief.

Das Publikum verehrt Tom Cunningham heute wohl am liebsten, wenn er mit seiner alten Martin auftritt und nichts als seine herzerwärmende Soul-Stimme im Gepäck hat. Das ist Cunningham pur, dann gibt er alles, seinen Soul, seinen Blues, seine Gefühle, seine Ideen. Seine Songs tragen nicht nur (Lebens)Weisheiten zum Volk, seine Lieder sind das Leben, vor allem sind sie ehrlich und auf den Punkt. Cunningham besitzt das unglaubliche, unbezahlbare Talent, seine Texte immer mehr als passend musikalisch zu ummalen, einzuwickeln, zu verpacken.

"A Beautiful Lie" wurde mal eben wieder auf zwei Kontinenten aufgenommen, selbstverständlich mit internationaler Besetzung, wie könnte er es uns anders servieren? Tom Cunningham verarbeitete wieder seine in Europa und den Staaten gesammelten Ideen, Emotionen, Klangfolgen. A perfect Mischung! "A Beautiful Lie" hat viele Elemente von "What if?" im Angebot: die Einflüsse pendeln locker, teils raffiniert miteinander kombiniert, zwischen Jazz, Pop, Rock, Blues, Country, Soul und wer weiß, was noch. Die Scheibe ist bunt, abwechslungsreich gefüttert, mehr als hörbar, sie hat Groove und spiegelt Emotionen zurück, die von Purheit und Ehrlichkeit strotzen. Die textliche Themen-Couleur pendelt sich irgendwo zwischen Herzschmerz und himmelhochjauzend ein. Das musikalische Happy-End bestimmt auf jeden Fall der "Kunde" am anderen Ende der Speakers. Tom beschreibt witzige, traurige, nachdenkliche Momente des Lebens, der Liebe, erzählt von Trennungen, Vorurteilen, Versöhnung, Arbeitslosigkeit, man könnte auch sagen, Tom ist die Vox Populi der Gegenwart.

Der Titelsong "A Beautiful Lie" behandelt die schönen Lügen der Liebe, die so schön sind, dass sie weinen muss. Eine Pop-Ballade der Extraklasse, im Refrain qua Background leicht Backstreet Boys-angehaucht. "Rough mix" ist das einzige Duett auf diesem Album, zusammen gesungen mit Kim Parent, dér Country-Stimme schlechthin, so dass dieser Song auch deutlich Country-geprägt ist, was perfekt zu den Stimmen von Tom und Kim passt, die sich hier so richtig herrlich gemeinsam plattsingen und anschmachten. Die dritte Nummer ist "Meet me halfway", eine tiefgründige Soul-Ballade, mit der Cunningham alles aus sich heraus holt, was geht. Hier geht`s um Trennung und Versöhnung und "Angebote" hierzu. Die Hookline gibt Gänsehaut. "Too busy" ist ein Song mit sprechender E-Gitarre, die hier Sound und Emotionales bestimmt. Der Text handelt von Zuständen, in denen man hinschaut, aber nichts sieht, hinhört, aber nichts hört bzw. versteht, am Leben ist, aber nicht lebt. Vielleicht sollten wir alle einmal etwas genauer hinschauen und hinhören und ergründen, was eigentlich abgeht?!

Absoluten Hit-Charakter hat "Love you again", ein typischer Pop-Song mit Ohrwurm-Refrain und typischer Piano-Gitarren-Begleitung. "Not giving up" ist wieder eine Ballade, die wohl mehr Emotionen nicht hervorrufen kann. Ein Mutmacher. Die Stimme von Cunningham passt sich perfekt an wie ein handgemachter, italienischer Schuh. Dann hätten wir noch Tom Knopfler, eh Mark Cunningham (oder so): "A cautionary tale", die absolute Kracher-Nummer auf diesem Album, E-Gitarren-bestimmt, Knopfler-mäßig gezupft und verdammt rhythmisch eingesetzt. Die Hammond-Orgel im Hintergrund macht die Sache rund, den Song zur Auster des Albums. Naja, nicht nur Knopfler "passiert" dem Zuhörer, man begegnet auch Elvis und Michael Jackson, von denen die Lyrics handeln. Aufgrund dieses Songs sollte man Tom Cunningham den Beinahmen "Minnesänger" verleihen.

"Crying" ist eine Mitschunkel-Komposition, die niemandem mehr aus dem Kopf gehen wird. Einfach gestrickt, aber trotzdem wundervoll gefühlvoll und tiefgängig dargeboten. Ein gewaltig beat-trächtiger Mix aus Hammond-Orgel und E-Gitarre wird in "Repeat Offender" präsentiert, der rockigsten Nummer auf "A Beautiful Lie", leichte Prince-Einflüsse, was den souligen Sound angeht, sind irgendwie nicht ganz zu verleugnen. "She knows" geht in Richtung "Mitschnipps-Nummer", die uns das Nashville-Feeling auf jeden Fall sehr nahe bringt, wenn dafür auch ein wenig zu wenig Country dabei ist. Ein Feuerwerk von einem Refrain. "Whistling in the dark" hat bluesig-jazzige Elemente und einen wahnsinnig flotten Flow, der zu einem reißenden Fluß wird, als es im Refrain zur Sache geht. Das Leben ist eine Reise, und Cunningham macht uns Licht: "Travel Light", ein musikalischer Wegweiser, den uns ein nur mit Konzertklampfe bewaffneter Cunningham auftischt. Wundervoll straight und roh gestrickt. Es wird Tag auf der Autobahn des Lebens.

"A Beautiful Lie" ist eines der schönsten Alben von Tom Cunningham, allerdings nicht das beste, denn das wird "What if?" wohl bei den meisten immer bleiben. Cunningham hat sich musikalisch sehr entwickelt, ist reifer geworden, vielfältiger, bunter, tiefgründiger, experimentierfreudiger, auch war er all dies immer schon irgendwie in recht auffallender Chargierung. "A Beautiful Lie" ist qua Inhalten, Songideen und deren Umsetzungen neu, auch erkennt man nach dem ersten Ton, dass Tom Cunningham die Fäden zieht. "A Beautiful Lie" ist auf jeden Fall ein Werk, welches man sich anschaffen sollte. Man kann beim Abspielen wunderbar chillen, entspannen, Emotionen freien Lauf lassen, mitschnippsen, mitsingen, tanzen, weinen, essen, lachen, lieben, ein qualitativ sehr hochwertiges Alltags-Werk. Durch die Countryeinflüsse ist diese Scheibe selbstverständlich eine dér Aufnahmen, die man unweigerlich immer im Handschuhfach seines Autos aufbewahren sollte, um sie auf öden Landstraßen oder nicht enden wollenden Autobahnen immer griffbereit zu haben.

Take me home, Cunningham!

Anspieltipps:

  • Love You Again
  • A Cautionary Tale
  • Too Busy
  • Whistling In The Dark
  • Rough Mix
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