ClickClickDecker - Wer Hat Angst Vor... - Cover
Große Ansicht

ClickClickDecker Wer Hat Angst Vor...


  • Label: Meerwert/BROKEN SILENCE
  • Laufzeit: 47 Minuten
Artikel teilen:
8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

„Wo ist der Ausgang aus dieser Stadt, die niemals pennt, du liebst ihn unsterblich, obwohl ihr euch nicht kennt“.

Als im Jahr 2002 der Kitsch-Schlager wieder an Popularität gewann, veröffentlichte die Band Virigina Jetzt! ihr Debütalbum „Wer hat Angst vor...“. Erst 3 Jahre später und beim langsamen Abgesang dieser immer wieder kurz auftauchenden Modeerscheinung, traut sich jemand eine selbstsichere Antwort zu geben: „Ich habe keine Angst vor...“ von ClickClickDecker, einem Berliner, der nun in Hamburg lebt.

Seine Wahlheimat hört man Kevin Hamann (so der Name in seinem Personalausweis) an jedem Wort an, denn ClickClickDecker klingt so, als würde dein bester Freund beiläufig erzählen, er hätte einen neuen Song geschrieben und würde ihn kurz darauf mit leicht verstimmter Gitarre vortragen, während du die Augen schließen musst, weil dieser Song so wunderbar und doch so einfach ist. Genauso ist jeder einzelne Song auf „Ich habe keine Angst vor...“, nur diesmal ist die Gitarre auch gestimmt. Lieder ganz im Zeichen von Justin Balk, Niels Frevert und Bernd Begemann.

Vor seinem offiziellen Debüt veröffentlichte ClickClickDecker, dessen Name übrigens auf dem Wedding Present-Song „Click click“ beruht, seine Songs auf Tapes und CD-Rs. Auf seiner Homepage kann man noch einiges aus den vergangenen Tagen hören, als er noch elektronischer war und er noch auf Englisch sang. „Ich habe keine Angst vor...“ sei nun das „Best of“ der letzten vier Jahre, aber tatsächlich sind nur zwei Songs auf dem Album, die schon vorher veröffentlicht wurden: u.a. das grandiose „Mit ohne“, das ursprünglich auf der Gitarre geschrieben wurde, wird heute mit großer Bandbesetzung (inkl. Bläsern) dargeboten, prägt sich aber genauso klipp und klar ein. Dabei entstehen so unbeschreiblich gute Texte, die man unbedingt auswendig lernen möchte, um sie z.B. auf Autobahnbrücken zu schreiben.

Der Opener „Erste Schritte“ ist der Soundtrack für alle, die vom einfachen Schüler zum Studenten ranwachsen: „Das was du gestern belächelt hast, findest du jetzt Kunst und klingst studentisch dabei.“ Ein solches Gespür für melancholische Texte, die oberflächlich lustig zu sein scheinen, hatte man eigentlich nur Olli Schulz zugetraut. Und genau deshalb kommt ClickClickDecker mit immer neuen lyrischen Überraschungen um die Ecke: „Vielleicht hol ich dich ab – heute ist Sperrmüll“ singt er mit Klavier und Klangfläche in „Bitte nicht nachmachen“ und gibt zum Schluss noch den Ratschlag: „Was hältst du von Suizid? Ich hab gehört das soll helfen“. Da macht auch das leicht schwächelnde „Unbekannt nicht zu sprechen“ mit seiner Fußballmetaphorik nichts aus – vermutlich ein inspirativer Überrest seiner Split-LP mit der Fußballband Lattekohlertor.

Nach der Hälfte der Wortflut à la „Ich kenne meine Schwächen, doch leider auch deine“, zieht ClickClickDecker die notwenige Konsequenz und liefert mit „Es gibt wichtigeres im Leben als dein Leben, lass uns über Politik reden“ ein Instrumentalstück ab, das als Pause fungiert, so dass er danach mit „In Altona trank ich mal einen guten Kaffee“ einen weiteren Hit des Albums liefern kann. Mit „Du fühlst dich an wie Abschied“ (ebenfalls auf der 7“-LP) liefert Hamann ein wunderbares Trennungslied, gegen das Nils Freverts „Wann kommst du vorbei“ wie ein kitschiger Schlager wirkt („Es gibt noch so viel zu sagen, zu erleben, zu durchstehen, spuck aus was dich bedrückt, dich zermürbt, vielleicht zerreißt. Ich kauf dir ein paar Kleider – dann sieht die Welt schon wieder besser aus – oder auch nicht.“).

Gott sei Dank hat Kevin Hamann Berlin-Pankow bereits mit acht Jahren verlassen, sonst wäre er vermutlich in der Pseudo-Musik-Stadt dem Charme einer Mieze verfallen und könnte nun nicht so selbstsicher über die Häuser der Stadt auf dem Album-Cover von „Wer Hat Angst Vor...,“ gucken und dabei mit einem einzigartigen Blick sagen: „Wo ist der Ausgang aus dieser Stadt, die niemals pennt, du liebst ihn unsterblich, obwohl ihr euch nicht kennt“ („Ich beneide dich um deinen Sternenhimmel“).

Anspieltipps:

  • Mit ohne
  • Erste Schritte
  • Bitte nicht nachmachen
  • Du fühlst dich an wie Abschied
  • Ich beneide dich um deinen Sternenhimmel
Neue Kritiken im Genre „Singer/Songwriter“
7/10

The Search For Everything
  • 2017    
Diskutiere über „ClickClickDecker“
comments powered by Disqus