Johnny Liebling - Goldene Zeiten - Cover
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Johnny Liebling Goldene Zeiten


  • Label: Boutique/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

J.L - Johnny Liebling sind Chris Kiel (Gesang, Tasten), Ralph Beulshausen (Gesang, Trompete, Melodica, Scratching), Rüdiger Hensen (Schlagzeug), Kim Kiesling (Kontrabaß) und Martin Ferkl (Gitarren). Chris Kiel hatte vor einier Zeit bereits einen Major-Deal an der Angel, dieser wurde allerdings nie veröffentlicht. Johnny Liebling gab es Jahre her bereits in ähnlicher Form unter dem Namen Lovekrauts. Kiel wirkte am aktuellen Album "Hochverrat" von Der Fall Böse als Sänger und Songwriter mit. Die Jungs von Der Fall Böse treten auch zu gern zusammen mit ihren bösen Buddies von JL live auf, was der Geschichte ihren besonderen Kick verleiht. Zur Album-Präsentation von "Goldene Zeiten" in der Hamburger Prinzenbar brachte sich z. B. auch Lesley Farfisa der "bösen Jungs" bei JL als zweiter Tastenmann ein, der sogar einem Akkordeon die farbenfrohsten, bösesten Polka-Jazz-Klänge entlockte. Ein perfekter, sehr wohlklingender Teufels-Mix.

Johnny Liebling muss man als eine Combo bezeichnen, die sich nicht wirklich stilisieren lässt, verarbeiten die Jungs doch Swing-, Jazz-, Polka-, Herzschmerz-Schlager- und französische Chanson-Elemente in ihren Werken. Geprägt werden ihre geistreichen Nummern vor allem durch den "Bukowski"-Style, der sich wie ein flammender Glühwurmfaden durch alle Songs hindurch strickt. Johnny Liebling tragen schnieke Maffia-Anzüge mit viel zu großen goldenen Manschettenknöpfen und weißen, frisch gebügelten Hemden darunter, schwarze Lederhandschuhe zum Melodicaspielen, wedeln sich mit weißen Seidentaschentüchern den Schweiß von der Stirn, tragen das Brusthaar (wahrscheinlich frisch gefönt) offen und machen einen enorm "bösen" 30er-Jahre-Eindruck, der es in sich hat, sie einmalig macht.

Johnny Liebling haben den Mut zu etwas ganz neuem qua Outfit, Image, Überzeugung und vor allem Texten und Musik. So etwas hat die Nation noch nicht erlebt. Johnny Liebling sind spannend, fast schon ein komplettes Musical, wenn man sie live erleben darf. Die Lieblinge reißen mit, laden zum Swingen und Jammen ein, geben ihr Leben für die Musik und strahlen etwas aus, was selten dargeboten wird: 100 % sich selbst. Die Wahl der Instrumente ist schon eine interessante Zusammenstellung des JL-Menüplans: Kontrabaß, Samba-Schlagzeug, Plastik-Melodica aus dem Spielwarenladen, Keyboards, E-Piano, Orgel, E-Gitarre, Konzertklampfe, Scratch-"Werkzeuge", Trompete, Akkordeon ... Ein-zweideutige textliche Geschichten, die von den beiden Gesangs-Frontmännern Chris und Ralph wundervoll maffiös dargeboten werden, und diese zwei Herren sprechen nicht nur mit ihrem Mund, Mimik und Gestik sagen mehr als 1.000 Worte. Vermutlich versprühen Johnny Liebling diese wahnsinns Ausstrahlung, weil sie wie eh und je Musik aus Berufung und Passion machen, weil sie verdammten Spaß dran haben, nicht weil ihnen jemand sagt, dass es so sein muss, wie es sein muss. Eine künstlerische Freiheit, die man vielen anderen Combos durchaus nur wünschen kann.

Wir haben es hier mit einer Combo zu tun, die an sich gar keine CD-Pressung nötig hat. Johnny Liebling sind eine absolute Live-Band. Wenn Chris auf der Bühne sich einen Drink eingießt, die 20. Kippe ansteckt und dann mit herrlich "versoffener" Blues-Stimme den Jazz ansingt, schmilzt man hemmungslos dahin. Da geht anders nix mehr. Wenn Chris richtig auf Drehzahl kommt, und das kommt er sehr schnell, dann bewegt er sich teils Derwisch artig auf der Bühne und presst seine musikalischen Emotionen aus jeder einzelnen Pore heraus, vor allem, wenn er "den Adler" gibt. Ralph Beulshausen steht ihm allerdings keinesfalls nach. Man fragt sich, welcher von beiden der bösere Buddie, der wahre Pate ist. JL machen süchtig, vertonen und verkörper pure Leidenschaft, lassen den Zuhörer brennen, bis er nicht mehr kann, fünf Musiker, die für ihre Passion wahrscheinlich auch sterben würden. Ganz nach dem JL-Motto: "Es ist niemals zu spät, wenn man weiß, wie`s geht." Die Lieblinge sind Hamburg, sind der Kiez, sind die Reeperbahn. Wohl keine Band hat dieses St. Pauli-Gefühl je besser vermitteln können.

Johnny Liebling arbeiteten auch mit Fremdmaterial wie z. B. mit dem von Tobias Gruben (Die Erde), der "Heroin" beisteuerte. "Karl" ist die Übersetzung eines Textes von Tom Waits, die Heiner Pudelko (Interzone) lieferte. "Champions" ist - wie könnte es anders sein - ein original-vert(hr)onter Bukowski-Text. Immer wieder erwähnen Kiel und Beulshausen in ihren Ansagen Kinski, Hemingway, den Paten von Mario Puszo. Dann wäre da noch eine liebes-säuselnde französische Dame auf "Vampire" oder Lalah, die sich an einem Duett mit Chris auf "Quelle" versucht. Der aus Jamaika stammende Running Waters steuerte einen gottväterlichen Patois auf "Prinzen" bei. Die Gästeliste ist lang und vor allem bemerkenswert gut.

Schiebt man eine Johnny Liebling-Scheibe in den Player, beginnen die ersten Takte von "Goldene Zeiten", überkommt einen auch recht schnell der hemmungslose Appetit auf ein kleines, aber feines Gläschen Eierlikör. Wird es im Laufe des Album leidenschaftlicher, verlangt man nach einem bis zum Rand gefüllten Sprudelglas Wodka, um sich unbekümmert wie ein Derwisch im Kreis zu drehen und das Glas über die Schulter an die Wand zu kacheln. Damit soll nicht gesagt sein, dass JL den Alkoholismus fördern, aber eine enthemmte Stimmung lässt einen diesen Wahnsinns-Sound doch schneller aufsaugen, denn man muss sich schon eben auf eine wilde Polka-Party gefasst machen. "Goldene Zeiten" ist absolut kein Album, welches sich für einen entspannten Feierabend auf der heimischen Couch eignet. Denn dort wird man keine fünf Minuten verweilen können, man wird mitgerissen, motiviert, aufgerüttelt. Und zu spät ist es für die angedachte Ruhephase. Es ist Johnny Liebling-Stündchen.

Nummern wie "30 Sommer", die russische Tanzorgien auf den Plan ruft, "Goldene Zeiten", die in einem Ferrari mit `nem Tarnanstrich vorbeifuhren und nur unendliche Weiten hinterließen, "Prinzen", "Champions", in denen einer Hure abgeschnittene Ohren geschenkt werden, obwohl die bekanntlich doch nur Geld will oder z. B. "Zu hause" laden unweigerlich zum Swingen, Singen, sich biegen und Bewegen ein. Da geht anders so rein gar nichts mehr. Der Zuhörer geht mit auf die Suche nach der Eins im Beat und dem Hook im Lied. "Tp.P.B." ist eine der zwei Instrumental-Nummer auf "Goldene Zeiten", aber dadurch nicht weniger schön. Sie hat etwas leicht Requiem-haftiges und verkörpert einen einzigartigen Jazz-Stil. "Abre los ojos" könnte der neue Soundtrack einer ganz gemeinen Tatort-Serie werden. Ein Song, der einem heftige Kälteschauer über den Rücken jagt, einem beinahe eine satte Paranoia beibringt. "Heroin" ist einfach als wundervolle Swing-Droge zu bezeichnen. Der Text hat es doppelt in sich. Hier unbedingt einmal genau hinhören. Die Instrumentierung ist pefekt gesetzt und umgesetzt. Musik und Textgut bilden eine untrennbare Einheit, was Beulshausen und Kiel mehr als deutlich rüberbringen. Zwei Bühnenschauspieler mit enormen Gesangsqualitäten.

Die Goldenen Zeiten sind für viele Bands bereits verblüht, für Johnny Liebling gehen die zarten Jazz-Knospen erst noch auf, spätestens mit der Veröffentlichung von ihrem zweiten Album "Goldene Zeiten", das einen enormen Reifeprozess widerspiegelt, wenn man das Erstlingswerk "Dope Jazz" betrachtet, welches auch schon den Charakter von Heroin in Notenform hatte, welches diese Jungs ihrer Kundschaft gewohnweg intravenös verabreichen. "Goldene Zeiten" ist als absolutes Meisterwerk zu bezeichnen. Spannend wird der Verkaufsverlauf, da Johnny Liebling doch etwas total Neues wagen. Sie bringen ein Album heraus, welches man - wenn man es erst einmal gehört hat - nie wieder missen möchte. Bleibt zu hoffen, dass viele CD-Käufer Mut zum Neuen beweisen und dieses Album den Händlern aus den Händen reißen. "Goldene Zeiten" ist anders, ist neu, ist an sich perfekt, zeigt Leidenschaft, Herzblut, Ideenreichtum. JL sind eine Handvoll Musiker, die noch wissen, wie man seinem Instrument einen wahnsinns Sound entlockt, wie man auf einer viel zu kleinen Bar-Bühne doch überzeugend rüberkommt und niemals den Spaß an der Sache verliert, egal welche Agenda das Leben gerade auf den Plan ruft. Es ist vorstellbar, dass der Stil von Johnny Liebling hier in Deutschland eine ganz neue Welle anreißen wird, auf die wir heute noch so gar nicht gefasst sind. Denn wer gut hinhört, kann von JL so einiges mitnehmen ... man muss sich und seinen Geist nur ein wenig öffnen.

Anspieltipps:

  • Goldene Zeiten
  • Heroin
  • 30 Sommer
  • Champions
  • Niemals
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