The Dresden Dolls - The Dresden Dolls - Cover
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The Dresden Dolls The Dresden Dolls


  • Label: Roadrunner/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 57 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Hätte Bertolt Brecht 1928 die „Dreigroschenoper” nicht geschrieben und wäre ihm damit nicht der Durchbruch gelungen, gäbe es The Dresden Dolls heute nicht. Zumindest würden sie nicht den Untertitel „Brechtian Punk Cabaret“ tragen und sich stilistisch an dem einzigartigen durch Jazz- und Tanzmusik der 20er Jahre beeinflussten „Songstil“ Kurt Weills bedienen. Überhaupt nennen Amanda Palmer und Brian Viglione viele Einflüsse. Angefangen bei den Eltern, durch die den beiden der Zugang zu Klavier und Schlagzeug verschafft wurde, über die Auseinandersetzung mit Rockmusik und Heavy Metal, die auch in den Stücken und Live-Performances zu sehen ist, bis zur gemeinsamen Liebe zum Kabarett, die auf einer Party 2002 entdeckt wird und mit der Gründung der Band kurze Zeit später zum vorliegenden Debütalbum führt.

Alles in allem ist das Erstlingswerk eine Art modernes Musiktheater der neuen Generation. Würde es eine Partitur zur CD geben, „Opus in 12 Akten“ auf dem Umschlag wäre angebracht. Genau wie bei Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ kann man die Tracks einzeln und in willkürlicher Reihenfolge betrachten, ohne dass der Spannungsbogen an Intensität verliert, der konsequent durch Tempo- und Dynamikwechsel aufrecht erhalten wird. Gemeinsam erstrahlen die Tracks allerdings in voller Blüte. Auch die Verfremdungstechnik des Herrn Brecht spielt keine marginale Rolle, sondern bildet den Kern der Songs, was an der Instrumentalisierung mit Schlagzeug und Klavier (mit Ausnahme von „Half Jack“ und „The Jeep Song“, bei denen ausnahmsweise zur Akustikgitarre gegriffen wird) ersichtlich ist. Schließlich ist eine E- und / oder Akustikgitarre schon immer in der Rockmusik zu finden gewesen und hat dadurch einen zentralen Punkt eingenommen.

Dass selbst dem aufmerksamen Hörer das Fehlen des Saiteninstruments erst spät auffällt ist darauf zurückzuführen, dass The Dresden Dolls ihre Arbeit mehr als gut machen. Schon allein der Opener „Good Day“ erfasst einen spätestens ab der Zeile „God it´s been a lovely day! / Everything's been going my way / I took out the trash today and I'm on fire” und erwartungsvoll lehnt man sich zurück, auf die Soundteppiche wartend die da noch kommen mögen. „Girl Anachronism“ ist ein hektisches aber durch und durch gelungenes Stück, das man zehn mal hintereinander hören kann, ohne dass einem langweilig wird und wo man sieht, zu was die zwei Herrschaften aus Boston gut sind. Am dramatischen Stück „Missed me“ angelangt, erfährt der Hörer, wie es klingt, wenn Mrs. Palmer als kleines Kind einem Pädophilen erklärt, dass er sie besser in Ruhe zu lassen hat. Leises Geklimper weicht hämmerndem und lässt die Annäherungsversuche des Kinderliebhabers vermuten, der es hin und wieder schafft, einen Fetzen vom Kleid des fliehenden Mädchen zu erhaschen, das durch ein Reißgeräusch nicht nur unterstützt wird, sondern auch im Kopf zu einem verstörendem Bild heranwächst.

In Anlehnung an Robert Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ geht es auch in „Half Jack“ schizophren düster zu, wenn die gespaltene Persönlichkeit Jill versucht sich von Jack zu lösen. Ruhig wird die Geschichte erzählt, die durch gelegentliche Ausbrüche den inneren Konflikt symbolisiert, bis Suizid den letzten Ausweg darstellt. Wesentlich mehr Fröhlichkeit verstrahlt „Coin Operated Boy“, das sich einer alten Musicbox-Melodie bedient und mit spitzbübischem Reim von einem mechanischen Freudenspender berichtet, der so toll ist, weil man unter anderem damit auch baden kann (ein Quietschlaut zaubert hier ein Lächeln auf das Gesicht des Hörers). „Slide“ führt weiter, was in „Missed Me“ begann. Ein Kinderschänder vergewaltigt und ermordet ein kleines Mädchen. Distanziert und ruhig, aber mit erschreckender Realität, wird der Akt der Vergewaltigung erzählt, bis der Lebenswille des Opfers mit einer Eruption der Instrumente und der verzweifelten Stimme Palmers einem Vulkanausbruch gleich erlischt.

„The Dresden Dolls“ ist sicherlich kein leichtes Werk. Lässt man sich allerdings auf die Ambivalenz des Ganzen ein und nimmt sich Zeit die Vielfalt dahinter zu erschließen, findet sich der geneigte Hörer in einem Klangerlebnis der besonderen Art wider und wird die Platte so schnell nicht wieder im Regal verschwinden lassen. Ist man allerdings abgeneigt mehr Zeit mit der Entdeckung einer CD zu verbringen, entgeht einem eines der interessantesten Alben des Jahres 2004.

Anspieltipps:

  • Gravity
  • Good Day
  • Missed Me
  • Girl Anachronism
  • Coin Operated Boy
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