Metallica - Death Magnetic - Cover
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Metallica Death Magnetic


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 75 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Besprechung des neuen Metallica-Albums „Death Magnetic“ beginnt vor fast genau fünf Jahren, bei der Rezension des Vorgängers „St. Anger“ (06/2003). Damals erhielt das Album in diesem Magazin die Höchstpunktzahl. Anderenorts wurde es dagegen mit der niedrigsten möglichen Note versenkt. Dieses Szenario zog sich durch den gesamten Blätterwald. Selbst heute sind die Meinungen über „St. Anger“ noch geteilt.

Aber blicken wir zurück: Metallica im Jahr 2002 war eine Band am kreativen und menschlichen Ende. Den langjährigen Bassisten Jason Newsted hatte man nach 15 Jahren rausgeschmissen, es gab am laufenden Band Zankereien zwischen Lars Ulrich und James Hetfield, der nebenbei einen Alkoholentzug machte, die nur mühsam mit Hilfe eines Psychotherapeuten gekittet werden konnten. Die neuen Songs wirkten ungelenk (keine Gitarrensoli!), roh und streckenweise unfertig. Dazu kam eine merkwürdige Anti-Produktion, die mit einem blechernen Snare-Drum-Sound den Vogel abschoss. Dennoch barsten Stücke wie „Frantic“, „Shoot me again“ und „Invisible kid” förmlich vor roher Energie und Aggressivität.

Im dem ein Jahr später veröffentlichtem Dokumentarfilm „Some Kind Of Monster” konnte der Fan das ganze Ausmaß und die dramatische Situation um Metallica hautnah miterleben. Spätestens hier muss eigentlich jedem klargeworden sein, dass diese Band vor dem Aus stand und „St. Anger“ der letzte Rettungsanker war, der die größte Heavy-Metal-Band aller Zeiten am Leben erhielt. Deshalb musste dieses Album einfach so klingen wie von einer talentierten Schülerband in einer Garage zusammengekloppt. Die elf Songs auf „St. Anger“ sind eine zu Musik gewordene Therapiesitzung, in der alles, aber auch wirklich alles, rausgelassen wurde: Wut, Zwietracht, Hass, Gewalt. Da blieb kein Platz für schöne Melodien á la „Black Album“ oder ausgefeilte Songstrukturen á la „And Justice For All“. Es gab auch keinen melodischen Thrash oder simplen Speed Metal. „St. Anger“ stellte alles bisher da gewesene in Frage und erfand eine totgeglaubte Band neu. Und sind wir mal ehrlich: Was war das für eine diebische Freude, als sich ganze Redaktionen großer Metal-Magazine über „St. Anger“ in die Haare bekamen. „Darf ein Schlagzeug so klingen? Sind das noch Songs? Wurde der Heavy Metal (mal wieder) verraten?“ Die Antwort, liebe Freunde, lautet: FUCK YOU! Musik darf alles und deshalb – und weil Metallica überlebt haben! – gab es von uns die Höchstwertung.

Auch mit „Death Magnetic“ setzen Metallica ihren Hörern wieder einen dicken Brocken Musik vor. Zehn Songs, 75 Minuten Spielzeit und die Erkenntnisse von fünf Jahren, in denen Metallica genau hinhörten, was die Fans von Ihnen wollen. Und um es vorweg zu nehmen: Metallica haben sich auf ihre Wurzeln zurückbesonnen, ohne die auf „St. Anger“ eingeschlagene Entwicklung zu unterbrechen. Doch bevor der geneigte Fan in den Genuss der neuen Songs kommen konnte, stand ein Marketing-Aufwand rund um das Werk, der alles bisher da gewesene in den Schatten stellte. Bereits zwei Monate vor der Veröffentlichung von „Death Magnetic“ konnten die Fans eine Art Anrechtsschein auf eine limitierte Version des Albums sowie den Zugang zu einer Web-Seite erwerben, auf der allerlei Gimmicks zum Download bereitgestellt (Konzertmitschnitte, Videos, Songs, Fotos) und tagtäglich Einblicke in die Studioarbeit gewährt wurden. Bei anderen Bands gibt es so was freilich auch. Der Unterschied: Bei Metallica kostet eine limitierte Version 100,-- Euro und ein bisschen Internet-Spaß 15,-- Euro. Happig! Aber das muss jeder selbst wissen.

Der dänische Despot Lars Ulrich hat sein Schlagzeug gestimmt (echt jetzt!), James Hetfield hat seine Stimmbänder mit, ähem, Kräutertee geölt, Kirk Hammett darf wieder Soli spielen, Bassist Robert Trujillo ist erstmals auf einem Metallica-Album zu hören und als Produzent wurde anstatt Bob Rock (54) der legendäre Rick Rubin (45) geholt, der für seine kongenialen Restaurationsarbeiten an alternden Musikern bekannt ist. Kurz gesagt: Der 12. September 2008 gilt schon jetzt als Feiertag für Metal-Jünger!

Als würde es um ihr Leben gehen, legen Metallica gleich im Opener „That was just your life“ alles in die Waagschale was sie groß gemacht hat: Aggressiver Gesang (oder sagen wir besser ein amtlich kläffender Mr. Hetfield), temporeiches Riffing, geschickte Breaks und melodische Soli. Dieser rasende Zug kommt erst kurz nach der 7-Minuten-Marke zum Stillstand und gibt die Marschroute für die nächsten 75 Minuten vor. Metallica lassen sich in jedem Song ausreichend Zeit, umschiffen dabei die Phase vom „Black Album“ bis zu „Reload“ fast vollständig und präsentieren einen Longplayer, der sich wie eine Mischung aus „And Justice For All“ und „St. Anger“ anhört. Dabei beziehen „Cyanide“, „The day that never comes”, „The Judas kiss“, „My apocalpyse“ und (natürlich) „The unforgiven III” ihre Inspiration am eindeutigsten vom eigenen Back Katalog. Mit dem 10-Minuten-Brecher „Suicide and redemption“ ist zudem nur ein rein instrumentaler Track an Bord, der sich erst etwas warm laufen muss, aber dann, ab dem Mittelteil (ca. Minute vier) richtig viel aus dem Riff-Schatzkästchen herauszaubert.

Mit „Broken, beat and scarred“ gibt es maximal einen etwas schwächeren Song, wobei es sich hier nur um Nuancen handelt. Die Ausbeute ist also durchaus sehr gut bis hervorragend. Es wird allerdings eine Weile dauern, bis der Hörer das gesamte „Death Magnetic“-Langeisen für sich erschlossen hat. Denn es stürzt fast schon zu viel Kreativität auf einen hernieder und man möchte ob der geballten Fülle an Riffs, Breaks und Verwindungen in die Knie gehen. Doch dann würde man z.B. das absolut göttliche Riffing in „All nightmare long“ verpassen oder wie Metallica „The unforgiven III“ mit Piano, Streichern und Bläsern (!!) eröffnen.

Wichtig ist: Höhepunkte sind heuer gewiss nicht rar und können neben „All nightmare long“ u.a. mit „The day that never comes”, „The end of the line“ und „The Judas kiss “ bezeichnet werden. Hier ziehen die Jungs bis ins kleinste Detail alle Register und servieren dem Hörer allerfeinsten Heavy-Speed-Prog-Metal. Am Ende war „St. Anger“ also doch zu etwas gut. Metallica haben ihren Sound behutsam weiterentwickelt, indem sie Elemente aus den goldenen 80er Jahren mit einer neuen Art des Songschreibens, wie wir es erstmals auf „St. Anger“ hören durften, miteinander kombiniert haben. Das Ergebnis ist ein wahrer Heavy-Metal-Monolith, der stolz und mächtig in der Brandung steht und den nichts umwerfen kann.

Anspieltipps:

  • The Judas kiss
  • The end of the line
  • All nightmare long
  • That was just your life
  • The day that never comes

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