The Rolling Stones - A Bigger Bang - Cover
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The Rolling Stones A Bigger Bang


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 65 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Rolling Stones polarisieren auch noch nach über 40 Jahren.

Es ist regelmäßig DAS Musikereignis eines Jahres, wenn ein neues Studioalbum der Rolling Stones erscheint. Und das, obwohl die Herren Jagger und Richards bis auf wenige Ausnahmen schon lange nichts Besonderes mehr zustande gebracht haben. Bei den Stones weiß man eben was man hat und erfreut sich auch über den x-ten Aufguss von Keefs Licks und Jaggers zerrenden Vocals.

Für die Plattenfirma ist auch das neue Stones-Album ein Selbstläufer, für den jegliche Promotionarbeit rausgeschmissenes Geld wäre. Interviews? Bemusterung der Presse? „Um Himmels Willen, kauft euch die CD doch selber!“ – und keiner traut sich zu meckern. Doch warum ist das so?

Auch wenn „A Bigger Bang“ das erste Studioalbum nach acht Jahren ist – so viel Zeit verging noch nie zwischen zwei Studioalben –, war die Band regelmäßig im Gespräch, spielte ausverkaufte Tourneen auf dem gesamten Globus und schob alle Nase lang ein Live- oder „Best Of“-Album auf den Markt. Was soll da schon schief gehen? Und dann taucht plötzlich ein neuer Song auf, der sich direkt an die Regierung der USA wendet und inhaltlich so richtig auf die Kacke haut. „Sweet neo-con“ heißt das Stück, bei dem die Verantwortlichen von Virgin Records auch jetzt noch ganz bleich im Gesicht werden. Pure Provokation, eingehüllt in mittelmäßiges Songwriting, lautet die Kurzbeschreibung. Doch alle Versuche der Virgin-Leute, den Track vom Album zu nehmen, schlugen fehl. Jetzt heißt es mit den Folgen zu leben, denn auf diese Weise lassen sich schnell ein paar Millionen potenzielle Käufer in den Staaten verlieren.

Stein des Anstoßes ist Jaggers deutlicher Text, der eindeutig in Richtung Weißes Haus zielt, ohne auch nur einen Politiker namentlich zu erwähnen: „Oh, sweet neo-con, what path have you led them on? Oh, sweet neo-con, Is it time for the atom bomb? You parade around in costume, expecting to be believed. But as the body bags stack up, we believe we’ve been deceived. The horror you’ve unleashed, will backfire with more grief. When will you ever learn, sweet neo-con, as the world burns? Oh, sweet neo-con, what path have you led them on? Oh, sweet neo-con, is it time for the atom bomb? Oh, sweet Neo Con, what path have you led them on? Oh, sweet neo-con, Is it time to drop the bomb? How come you’re so wrong? My sweet neo-con, where’s the money gone, in the Pentagon. It’s liberty for all, democracy’s our style, unless you are against us, then it’s prison without trial”.

Die Rolling Stones polarisieren also auch noch nach über 40 Jahren. Und zwar absolut gewollt. Klappern gehört schließlich zum Handwerk. Dennoch gehen sie mit der neuen Platte ganz bewusst zurück zu ihren Wurzeln und lassen die oftmals völlig überproduzierten Songs der letzten Jahrzehnte vergessen. Ohne Stargäste und unnötiges Brimborium wurden die Basic-Tracks in einem ehemaligen Gestapo-Quartier in Südfrankreich von Keith Richards und Mick Jagger aufgenommen. Erst danach stießen Charlie Watts (Drums), Ron Wood (Gitarre) und Miet-Musiker Darryl Jones (Bass) dazu. Produziert wurden die 16 Songs auf „A Bigger Bang“ traditionell von Don Was (Iggy Pop, Solomon Burke, Joe Cocker, Bob Dylan) und den Glimmer Twins höchstpersönlich. Don Was co-produzierte bereits die Studioalben „Voodoo Lounge“ (1994) und „Bridges To Babylon“ (1997), sowie die neuen Songs auf „Forty Licks: The Greatest Hits“ (2002). Auch bei den Live-Alben „Stripped“ (1995) und „Live Licks“ (2004) war er der Chef an den Reglern.

Jetzt geht es also in Sachen Sound zurück in die 70er Jahre und schon wird vom neuen „Exile On Mainstream“ geträumt. Das ist natürlich Quatsch! Um die Stufe von „Exile“ zu erreichen, hätten die Stones gerade zu Beginn des Albums einige schwache Songs wie „Let me down slow“ (ein ziemlich biederer Rocksong mit Slide-Einlagen von Ron Wood) und „It won't take long“, der nicht über guten Durchschnitt hinauskommt, streichen müssen. Besser ist da schon der Opener „Rough justice“, ein kantiger Rocker mit messerscharfen Riffs und einem herrlich blökenden Mick Jagger oder „Rain fall down“, ein grooviger Funkrocker aus den dampfenden Sümpfen New Orleans’. Die Plattenfirma sagt übrigens auch wieder ganz artig danke, denn mit „Streets of love“ fahren die Stones die obligatorische Single fürs Radio auf, die diesmal eine etwas kitschige aber höchst eingängige Ballade ist.

Ansonsten gibt es die gewohnte Kost. Mit „Back of my hand” servieren die Stones einen schwülstigen Delta-Blues, „She saw me coming“, „Dangerous beauty“ und „Oh no, not you again“ kommen als krachende Groove-Rocker daher, „Biggest mistake“ ist ein schnörkelloser – andere würden sagen recht simpler – Singalong und „This place is empty“ präsentiert einen grummelnden Keith Richards am Mikro. „Laugh, I nearly died” ist ein definitiver Höhepunkt des Album. Mick Jagger legt jede Menge Soul in seine Stimme und windet sich leidend wie ein Hund. „Wild horses“ und „Angie“ sind hier nicht weit. Mit den fröhlich treibenden „Look what the cat dragged in” und „Driving too fast“ sowie dem finalen (und leider recht schwachen) „Infamy“ beenden die Stones ein überraschend gradliniges und reduziert produziertes Album, das zu den besseren in der Geschichte der Band zählt, aber gewiss nicht als Großtat bezeichnet werden kann.

Anspieltipps:

  • Streets of love
  • Back of my hand
  • Dangerous beauty
  • Oh no, not you again
  • Look what the cat dragged in
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