Kashmir - No Balance Palace - Cover
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Kashmir No Balance Palace


  • Label: Columbia/SonyBMG
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Schon öfters beklagte sich der Verfasser dieser Zeilen, dass aus Skandinavien zwar jede Menge gute Rockmusik käme, sich aber alles auf Schweden und Norwegen konzentriere und unsere Freunde aus Dänemark regelmäßig zu kurz kämen. Lediglich die gnadenlos guten Kashmir konnten als Beispiel genannt werden – und dann kommen sie plötzlich im Dutzend aus dem Erboden gekrochen, diese Figurines, Diefenbachs, Saybias, Tiger Tunes, Nephews und Joyce Hotels, ja, und auf einmal sieht alles ganz anders aus. Plötzlich ist Kopenhagen das neue Stockholm...

Kashmir sind spätestens seit ihrem dritten Album „The Good Life“ aus dem Jahr 1999 und der „Home Dead“-EP (2001) auch in Deutschland eine beachtliche Hausnummer in Sachen Gitarrenmusik. Die vorangegangenen Werke „Travelogue“ (1994) und „Cruzential“ (1997) sind hierzulande nach wie vor eher schlecht als recht zu bekommen. Mit dem letzten Studioalbum „Zitilites“ gelang den Dänen im Sommer 2003 ein Meisterwerk, das von einer ausgiebigen Tournee flankiert wurde. Diese wurde im Juni diesen Jahres mit dem CD/DVD-Box-Set „The Aftermath: Live Concert Film“ äußerst ansprechend dokumentiert. Dann wurde es Zeit für ein neues Album. Traditionell ging es bei den Aufnahmen wieder etwas chaotisch zu.

Sänger und Gitarrist Kasper Eistrup warf seine halbfertigen Songs in die Runde und die Band arbeitete diese als Einheit in Songs um. Im Sommer 2004 hatten Kashmir einen Berg neues Material zusammen. Eistrup hatte eine Reihe düstere, zurückhaltende Songs geschrieben, die den Ausgangspunkt für die Demo-Aufnahmen im Band-eigenen „Petite Machine“-Studio bildeten. Dort war bereits der selbst produzierte Vorgänger „Zitilites“ entstanden. Diesmal holten sich Mads Tunebjerg (Bass), Asger Techau (Drums), Henrik Lindstrand (Keyboards, Gitarre) und Kasper Eistrup (Vocals, Gitarre) allerdings mit Tony Visconti (David Bowie, Iggy Pop, T. Rex) einen Vollprofi als Produzenten dazu. Viconti ließ während der Aufnahmen in Kopenhagen die Zügel locker und schritt nur dann ein, wenn der Prozess zum Stillstand zu kommen drohte.

Das hat prächtig funktioniert, denn „No Balance Palace“ setzt nahtlos an „Zitilites“ an und präsentiert elf neue, herrlich verschrobene Gitarrenpopsongs, die zwar immer noch in anderen Sphären schweben, aber eine ganz neue Kompaktheit entwickelt haben. Scheint so, als hätte Tony Visconti die Band dazu animiert, mehr bzw. schneller auf den Punkt zu kommen. Darüber hinaus finden sich zwei faustdicke Überraschungen in der Tracklist wieder: Während des Abmischens in New York experimentierten Kashmir und Visconti mit dem Instrumentalstück „Black building“ herum und kamen zu dem Schluss, dass es eine Spoken-Word-Passage benötigte. Diese übernahm ein gewisser Lou Reed (The Velvet Underground). Des weiteren singt Visconti-Spezi David Bowie im heftig rockenden „The cynic“ ein Duett mit Kasper Eistrup.

Tja, wenn sich Musiker schon der Hilfe von zwei absoluten Größen der Rockmusik bedient, müssen sie sich wohl auch Gegenüberstellungen mit anderen Kollegen gefallen lassen. So treiben die wunderbaren Stücke „Ophelia“ und „Jewel drop“ auf den atmosphärischen Schwingen von Coldplay, allerdings groovt bei den Dänen der Bass um einiges satter als bei den Engländern. In „Kalifornia“ erklingen die Gitarren sogar, als wären sie aus dem Fundus von The Edge (U2). Überhaupt könnte man das eine oder andere Mal meinen, frühe Songs der irischen Pop-Hohepriester zu hören. Doch das Quartett muss sich ganz und gar nicht auf solche Vergleichen reduzieren lassen.

„No Balance Palace“ ist wieder Kashmir pur. Etwas spleenig („Diana Ross“), im richtigen Maße düster und atmosphärisch („Ether“) und im achtminütigen Schluss- und Titeltrack an Grandiosität nicht zu überbieten. Das Beste hebt man sich eben bis zum großen Finale auf.

Anspieltipps:

  • The cynic
  • Jewel drop
  • No balance palace
  • She’s made of chalk
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