Rammstein - Rosenrot - Cover
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Rammstein Rosenrot


  • Label: Universal
  • Laufzeit: 48 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Obwohl die Wartezeit auf ein neues Rammstein-Album so kurz wie nie zuvor war (das letzte Werk erschien am 27.09.2004), stieg die Spannung bei den Fans bis zum Veröffentlichungstag am 28. Oktober 2005 ins Unermessliche. Ursprünglich als „Reise, Reise Vol. 2“ angekündigt, weil ein paar übrig gebliebene Songs der Sessions zum Vorgängeralbum „Reise, Reise“ verwendet wurden (deshalb ging es auch so schnell mit den Aufnahmen), erscheint das fünfte Studioalbum des Berliner Sextetts nun unter dem Titel „Rosenrot“.

Im Pressetext als „Album voller Geschichten von Menschen über Menschen“ angekündigt, für die Texter Till Lindemann „hinab in die tückischen Tiefen des seelischen Abgrunds taucht“ und dabei „die Probleme, Absurditäten und Anomalien, die sich hinter der Fassade des vermeintlich normalen, spießigen Alltags verbergen“ zutage fördert. Eigentlich nichts Neues, denn genau das taten Rammstein auch auf ihren vorangegangenen Alben, die durch eindeutig zweideutige Texte glänzten, die von massiven „Riff-Walzen“ und „Keyboard-Wogen“ zusammengehalten wurden.

Wie gesagt, stammen ein paar der elf Songs auf „Rosenrot“ aus den „Reise, Reise“-Sessions in den El-Cortijo-Studios im spanischen Malaga. Andere wurden erst im Frühjahr diesen Jahres im Berliner Teldex Studio produziert. Von einer ausnahmslosen Resteverwertung wie im Falle Metallicas „Load“ und „Re-load“ kann demnach nicht die Rede sein. Hinter den Reglern wurde „Rosenrot“ von der gleichen Mannschaft betreut, die schon den Vorgänger betreute: Jacob Hellner als Produzent, Stefan Glaumann als Mixer und Howie Weinberg als Mastering-Guru. Das garantiert für einen gewohnt druckvollen Sound, der Stücke wie das treibende „Benzin“ mit Urgewalt aus den Boxen drückt. Dass die Texte dabei mehr oder weniger sinnfrei daherkommen, hat im Rammstein-Kosmos noch nie eine Rolle gespielt, fällt aber seit geraumer Zeit immer unangenehmer auf. Lindemann wählt einfach passend scheinende Worthülsen („... Ich brauche Öl für Gasolin, explosiv wie Kerosin, mit viel Oktan und frei von Blei, einen Kraftstoff wie Benzin“, aus „Benzin“), puzzelt die Bruchstücke zusammen und fertig ist ein geistloser Textbrei, der sich wie ein roter Faden durch das Album zieht.

Wie immer wollen Rammstein auch heuer provozieren, blamieren sich aber bei Stücken wie „Feuer und Wasser“ („Die Beine öffnen sich wie Scheren. Dann leuchtet heiß aus dem Versteck die Flamme aus dem Schenkeleck“) oder „Mann gegen Mann“ („Schwulah. Mann gaygen Mann“), das von einem schlappen Plastikbeat getragen wird, der wiederum von brettharten Gitarrensalven zersägt wird, bis auf die Knochen. Das ist eben das Pech, wenn man in seiner Muttersprache singt. Der Stumpfsinn kann nicht kaschiert werden.

Deshalb konzentrieren wir uns lieber auf die Musik. Hier sind die Berliner erneut in der Lage, ein paar ganz vorzügliche Riff-Gewitter auf ihre Hörer loszulassen, die sogar ab und zu mit den Lindemann-Texten harmonieren („Hilf mir“). Die Gitarren sind ordentlich tief gelegt worden („Zerstören“), die Keyboards weben einen dramatischen Teppich („Wo bist du“), während die Rhythmussektion aus allen Rohren schießt („Rosenrot“). Dazu lässt sich entweder vortrefflich bangen („Spring“) oder das Tanzbein schwingen („Stirb nicht vor mir“). So mag man die Musik von Till Lindemann (Gesang), Richard Kruspe (Gitarre), Christoph Schneider (Schlagzeug), Christian Lorenz (Keyboards), Paul Landers (Gitarre) und Oliver Riedel (Bass). Damit hat die Band Millionen Tonträger verkauft und sogar den amerikanischen Markt geknackt. Doch am Ende reißen Rammstein den kurzzeitig aufkeimenden guten Eindruck mit dem Hintern wieder ein.

So beweist das Sextett zum Beispiel, dass Witzigkeit durchaus Grenzen kennt. Denn mit dem komplett unlustigen, auf Spanisch gesungenen „Te quiero Puta“ (und schon haben wir wieder ganz elegant in die Fäkalsprachkiste gegriffen...) können die Herren nur noch Kopfschütteln ernten, was auch auf den Rausschmeißer „Ein Lied“ zutrifft, der als eine Art Hommage an die Rammstein-Fans gedacht ist, aber als bräsige Elektroballade wirkungslos verpufft.

Wie man hört, sind sich selbst die Die-Hard-Fans beim neuen Rammstein-Werk uneins. Dieser Uneinigkeit kommt das Album voll nach, indem es selbst eine Art Zerrissenheit ausstrahlt. Die Songs pendeln zwischen einigen genialen Riffs und absolutem Unfug, wie dem eigenartigen Duett mit Sharleen Spiteri (Texas), das völlig deplaziert wirkt und nur als Zugeständnis an den nicht deutschsprachigen Markt gewertet werden kann. Wenn wir schon soweit sind, ist es um die Glaubwürdigkeit dieser Band endgültig geschehen.

Anspieltipps:

  • Spring
  • Benzin
  • Hilf mir
  • Stirb nicht vor mir
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