Robbie Williams - Intensive Care - Cover
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Robbie Williams Intensive Care


  • Label: Chrysalis/EMI
  • Laufzeit: 53 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Viel zu oft dümpeln die Songs in den Fängen der Durchschnittlichkeit. Die Refrains zünden nicht, die Melodien wirken gebraucht, nur die Texte versprühen den typischen, augenzwinkernden Wortwitz.

Die Situation war kurios. Am 5. September 2005 hatte die neue Robbie-Williams-Single „Tripping” in Deutschland Radiopremiere. Auf NDR 2 wurde der Song im Frühprogramm von einem Moderatorenduo überschwänglich angekündigt. Dabei schien es so, als hätten die beiden den Song tatsächlich noch nicht gehört, denn danach war die Ratlosigkeit groß und löste eine On-Air-Diskussion über die Qualität des Liedes aus: Getragen von pumpenden Dance Beats und einem abnormen Rhythmus im Kreuz, klettert Robbie Williams mit abenteuerlichem Falsettgesang die Tonleiter hoch, als wäre er unter die Kastraten gegangen. Daran musste sich der auf Mainstream gebürstete Hörer erst mal gewöhnen. Doch die Rechnung ging auf. „Tripping“ schoss in die Charts und wurde Robbies erste Nummer-eins-Single in Deutschland.

Offenbar hat der 31-Jährige alles richtig gemacht, nachdem er mit der Trennung von Haus-und-Hof-Songschreiber Guy Chambers, der jüngst das Ex-Spice-Girl Melanie C vor dem Totalflop ihrer neuen Platte „Beautiful Intentions“ rettete, ein großes Risiko eingegangen war. 35 Millionen Tonträger hat er in den vergangenen zehn Jahren unters Volk gebracht. Seine letzte Tournee lockte 1,3 Millionen Menschen an. Da war es ein großer Unsicherheitsfaktor für Robbie und seine Plattenfirma, die ihn mit einem großzügigen Vorschuss bedachte, in den nächsten Karriereabschnitt einzutauchen.

Doch Robbie muss die schwere Bürde nicht alleine stemmen. Auf seiner neuen Platte „Intensive Care“ arbeitete er mit Stephen Duffy, dem Mitbegründer von Duran Duran zusammen, der die Popgruppe vor dem großen Durchbruch verließ, sich dann solo durchschlug und im letzten Jahr erste Erfahrungen mit Robbie machte, als er an seiner „Greatest Hits“-CD mitarbeitete. Jetzt liegt also das erste gemeinsame Album vor. Doch was bei den Bonusliedern („Misunderstood“ und „Radio“) der „Greatest Hits“-CD gerade noch so funktionierte, gerät auf „Intensive Care“ arg ins Wackeln.

Viel zu oft dümpeln die Songs in den Fängen der Durchschnittlichkeit. Die Refrains zünden nicht, die Melodien wirken gebraucht, nur die Texte versprühen den typischen, augenzwinkernden Wortwitz. Beim gelungenen Opener „Ghosts“ ist von der Misere freilich noch nichts zu hören. „Tripping“ hat man sich inzwischen schön gehört und „Make me pure“ (Zitat: „Ein Song ohne Refrain“) ist Robbie-Williams-Lyrik pur: Ein Mann, der Alkohol und Drogen hinter sich hat, testet die Grenzen seiner neu entdeckten Nüchternheit aus.

Danach verabschiedet sich das Album in bitterste Mittelmäßigkeit: „Spread your wings“ (einfallsloses Songwriting mit Schlagermelodie), „Please don't die“ (könnte auf dem Mist eines Phil Collins gewachsen sein, obwohl der Song die bittere Geschichte eines Verwandten erzählt, der an Krebs gestorben ist.), „Sin sin sin“ (ein harmloses Schunkellied mit schlüpfrigen Textzeilen über einen versauten alten Mann, der unbedingt Sex will), „Random acts of kindness“ (belangloser Pop/Rocksong mit dem Thema „Magie“. Kein richtiger Refrain, schwache Melodie – Guy Chambers würde sich schämen. Einzig die Bridge weiß zu gefallen, doch das ist zu wenig!), „The trouble with me“ (Wir wissen: Robbie Williams ist Fachmann für selbstzerfleischende Texte und hier ist er wieder mal auf der Suche nach der Frau fürs Leben. Doch musikalisch spürt der Hörer die Pein des Autor leider nicht. Ein weiteres Schunkellied ohne Tiefgang).

Auch das inhaltlich gewagt witzige „Your gay friend“ (brachte dem Album einen „Parental Advisory“-Sticker ein) kann musikalisch nicht überzeugen. Dass dann ein Titel wie „A place to crash“ zu den besseren auf „Intensive Care“ zählt, obwohl sämtliche Bläser- und Gitarrenriffs bei den Rolling Stones geklaut wurden, ist bezeichnend. Obwohl es sich hier um eine total berechnende Stadionrockhymne handelt, macht der Song Spaß und geht sofort ins Ohr.

Am Ende steht fest: Highlights sind auf dieser Platte äußerst spärlich vorhanden. Neben den bereits genannten Titeln zählen nur noch „Advertising space“ – Robbies „Candle in the wind“ – (ein pathetischer Song, der den Niedergang eines Superstars beschreibt) und „King of bloke and bird“ dazu. Der Schlusstrack ist eine bittersüße Ballade mit zarten Piano- und Pedal-Steel-Guitar-Tupfern und, endlich!!!, einem großen Refrain. Nicht so stark wie „Angels“, aber so, wie wir es von Robbie Williams erwarten und wie wir es liebend gerne öfters auf „Intensive Care“ gehört hätten.

Anspieltipps:

  • Tripping
  • Make me pure
  • Your gay friend
  • A place to crash
  • King of bloke and bird
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