Andy Bell - Electric Blue - Cover
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Andy Bell Electric Blue


  • Label: Sanctuary/ROUGH TRADE
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Erasure sind Vince Clarke, der Denker und Synthesizer-Spezialist sowie Andy Bell, der Extrovertierte mit engelsgleichem Gesang. Vince Clarke formte die Anfänge von Depeche Mode und erlebte mit Unterstützung von der zauberhaften Alison Moyet ein kurzes, jedoch bewegendes Gesamtwerk in Form von Yazoo. Andy Bell ist eine wahre Diva auf dem Gebiet der Bühnenperformance und wurde mit seiner Stimme schnell zum Aushängeschild und somit Motor für den Senkrechtstart von Erasure. Seit fast 20 Jahre begeistern sie uns mit unzähligen, charismatischen Pophymnen, die durch Soundtüftler Vince Clarke so niemals möglich gewesen wären. Das letzte Album „Nightbird“ fand flächendeckend großen Zuspruch und zeigte Erasure erneut von einer frischen sowie mitreißenden Seite. 2005 ist also nachweislich ein Erasure-Jahr, denn der HIV-infizierte Andy Bell kann trotz zeitintensiven Tourneen und Kraft raubenden Therapien nun sein erstes Soloalbum aufweisen. Man ist geneigt zu sagen, dass sich das fehlende Potenzial eines Vince Clarke auf die Kreativität der Musik auswirkt, doch diese Befürchtung erweist sich als Phantom. Zusammen mit der Manhattan Clique (Philip Larsen und Chris Smith) schrieb und produzierte Andy Bell 13 stimmige Songs, die mit energiegeladenen Sounds spielen und größtenteils tanzbar Ohren sowie Beine betören.

Nach einem ambient-artigen Intro setzen zielstrebige Beats ein und formen im Zusammenspiel mit Flamenco-Gitarren einen gelungenen, treibenden Auftakt. So ist „Caught In A Spin“ einer der unzähligen Anwärter auf Radio-Airplay im weiteren Verlauf dieser Scheibe. Tatsächlich als erste Single erscheint jedoch das folgende „Crazy“. Dem aktuellen Erasure-Sound sehr ähnlich und mit balsamierenden Melodien gibt es genügend Anlässe, einem Ohrwurm zu verfallen. Claudia Brücken (Propaganda) schenkt uns mit „Love Oneself“ und „Delicious“ zwei zarte Gastspiele im Duett mit Mr. Bell. Traumhaft harmonieren die unwiderstehlichen Stimmen der konstant mit der goldenen Synth-Pop Ära aus den Achtzigern verbundenen Akteure. Glamourös kommt Jake Shears (Scissor Sisters) bei „I Thought It Was You“ zum Zuge. Grell formen sich die hellen Stimmen zu einem farbenreichen Disco-Smasher. Soundmäßig gibt man sich ganz dem durch Mark und Bein gehenden Dance-Pop hin und verzichten auch nicht auf schräge Synthesizerklänge. Den Schwung nimmt man Track für Track mit und schielt unverhohlen auf die Tanzflächen der Republik. Synthetisch geformte Streicherarrangements eröffnen festlich „Jealous“, doch von einer für Erasure typischen Ballade ist man in diesem Fall ebenso entfernt. Die dem Heulen einer Sirene gleichenden Sounds bitten zum Tanz und werden mit Breaks orchestraler Art geschickt aufgelockert.

Soulig wird es in dem lässig beschwingten „Shaking My Soul“. Bläsereinsätze setzen traumhaft leichte Akzente und vereinigen sich mit dem markanten Gesang Andy Bells zu einem flauschig erquickenden Moment zahlloser Glückshormone. Obwohl „Delicious“ die ähnlichen Sounds und die schon bestens bekannte Dynamik der vorigen Songs aufgreift, muss man es deutlich hervorheben. Eine endlos scheinende Antriebskraft und Eindringlichkeit erobert im großen Ausmaß den Hörer, während Claudia Brücken zum zweiten und leider letzten Mal das Mikrophon mit Andy Bell teilt. Schmerzlich vermisst, laden „Fantasy“ und „The Rest Of Our Lives“ als sonnige Balladen zum Schwelgen ein. Letztgenannter erklimmt mit einem träumerischen Piano die Aussicht auf weite Täler im schwindenden Sonnenlicht. Geruhsam endet so ein sofort mitreißendes Album, dem es allerdings manchmal an Ausbrüchen aus dem straighten Dance-Format mangelt. Der Gesamteindruck leidet dadurch jedoch nur am Rande und wird durch die Präsenz Claudia Brückens zeitlos verziert.

Anspieltipps:

  • Love Oneself
  • Shaking My Soul
  • Delicious
  • The Rest Of Our Lives
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