Tokio Hotel - Schrei - Cover
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Tokio Hotel Schrei


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 41 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

An Tokio Hotel wird man in diesem Herbst definitiv nicht vorbei kommen.

Marketingexperte ist sicherlich kein leichter Beruf. Jeden Tag stellt sich ihnen aufs Neue die Frage, wie man „Künstler X“, der zwar wenig Potenzial hat, aber alles tun würde, um groß rauszukommen, zu einem Star macht. Dazu muss er über jeden Trend, in jedem Land, zu jeder Zeit, an jedem Ort Bescheid wissen. Dann heißt es sich zu beeilen, denn der Künstler muss schnell bearbeitet werden, es könnte ja sein, dass z.B. ein Irokese als Haartracht bald wieder out ist. Auch andere Faktoren müssen beachtet werden: Welche Zielgruppe soll angesprochen werden? Wie kann man die Band am besten präsentieren? Welche Attribute beschreiben die Mitglieder? Bei welchen TV-Shows muss die Band auftreten, um möglichst schnell in den Markt gedrückt zu werden? Als Trost für die harte Arbeit sieht der Marketingexperte einige Wochen später, was er geleistet hat, wie er Tausende Menschen glücklich gemacht hat.

Heutzutage gibt es viele Berufe, die sich mit dem Gelingen eines Musikprojektes befassen. Besonderes Augenmerk kommt dabei den Produzenten zuteil. Haben sie einen neuen Erfolgssound erfunden, werden sie von der Branche mit Aufträgen überhäuft. Selbst Größen wie U2, Bryan Adams oder Bon Jovi heuern solche Top-Produzenten an, um den Sound einer neuen LP in eine massentauglichere Richtung zu steuern. Glaubhaftigkeit und Innovation sind eben schon lange nicht mehr so wichtig, wie Plattenverkäufe und Massenkompatibilität. Diesem traurigen Trend schließt sich jetzt eine junge Band aus Magdeburg an.

Früher unter dem Name Devilish erfolglos, belegen sie seit ein paar Wochen als Tokio Hotel mit ihrer Single „Durch den Monsun“ den ersten Platz der deutschen Media Control Charts. Dank der Bravo, die sich bei dem „Thema“ von Anfang an vorbildlich ins Zeug legte, sind Tom (Gitarre), Georg (Bass), Gustav (Schlagzeug) und Bill (Gesang) in Rekordzeit zu angebeteten Teenie-Idolen geworden. Dass dies auf keinen Fall nur an der Musik liegen kann, die sich nach bewährtem Erfolgsschema aufbaut, begreift man spätestens, wenn man die vier Jungs im Alter zwischen 15 und 18 Jahren in natura gesehen hat. Erst dann wird einem klar, dass die Magdeburger mit ihren Plattenvertrag bei Universal ihre Seelen verkauft haben. Auffällig gestylt und mit interessanten Biographien ausgestattet, ist für jedes Mädchen mindestens ein Typ dabei, den es ab sofort anzuhimmeln gilt. Dass Tom, Georg, Gustav und Bill im Vergleich zu früher nicht mehr wiederzuerkennen sind, lässt sich ja so einfach auf die Pubertät schieben. Doch da wären wir wieder beim Thema Marketingexperten. Die haben hier nämlich ganze Arbeit geleistet.

Jedem einzelnen aus dem Quartett wurde eine Charaktereigenschaft angedichtet. Da gibt es zum einen den Schüchternen (Gustav), den Apathischen (Georg), den Coolen (Tom) und den Rebellen (Bill). Damit ist für jedes Mädchen ein Traumtyp dabei und wird in Form eines Bravo-Posters die Wand des Jugendzimmers verschönern. Daher stört es dann auch nicht, dass sich der Sänger komisch schminkt und eigentlich mehr quietscht als singt. Na ja, er hat ja auch den Stimmbruch noch vor sich. Fragen über Beziehungen zu Mädchen werden je nach zugedachtem Charaktertyp mit „Ich habe schon mit 25 Mädchen rumgemacht“ oder „Ich bin noch Jungfrau“ beantwortet.

Wohlgemerkt: Diese Hysterie herrscht nach nur einem veröffentlichten Song! Doch jetzt erscheint das erste Album „Schrei“ und man kann sich richtig vorstellen, wie reihenweise Girlis an diesem Montagmorgen die Schule schwänzen und kreischend den Media Markt stürmen, um eine der streng limitierten Fan-Versionen (mit Poster und Autogrammkarte!!!) der CD zu ergattern. Ja, ja, die Marketingexperten wissen schon, was sie tun müssen, um den Teenies das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Neben besagtem „Durch den Monsun“ sind auf „Schrei“ noch weitere elf Songs enthalten, die versuchen mal ein bisschen härter und dann wieder etwas sanfter zu klingen, als die bekannte Single. Schnell stellt sich heraus, dass Tokio Hotel nichts weiter als gepflegtes Mittelmass ohne ein Risiko einzugehen bieten, um auch keinen der Singlekäufer zu verprellen. Angefangen bei belanglosem Rock („Freunde bleiben“, „Gegen meinen Willen“, „Lass uns hier raus“), über seichten Pop („Ich bin nicht Ich“, „Jung und nicht mehr jugendfrei“) und die obligatorisch verträumten Balladen („Rette mich“, „Unendlichkeit“, Wenn nichts mehr geht“), fehlt es auf „Schrei“ an nichts, was der Marketingexperte für die Zielgruppe vorgesehen hat. Anleihen an Idole vergangener Generationen dürfen dabei natürlich nicht fehlen. Und so verwundert es nicht, wenn „Der letzte Tag“ stellenweise nach Nirvanas „Come as you are“ klingt.

Störend ist dagegen – abgesehen von der schrecklichen Belanglosigkeit der Texte und dem musikalischen Können – die Stimme von Sänger Bill. Hat der Junge wirklich ein so großes Selbstvertrauen, dass er nicht merkt, dass er nicht singen kann? Seine Versuche die Töne zu treffen enden nicht selten damit, dass daraus ein Japsen oder Quietschen wird. Vor allem die etwas härteren Songs werden dadurch zur Qual für den anspruchsvollen Hörer.

Doch was nützt alle Kritik? An Tokio Hotel wird man in diesem Herbst definitiv nicht vorbei kommen. Ihre Popularität ist unerreicht, wer MTVIVA einschaltet, wird über kurz oder lang durch den Monsun gejagt oder zumindest den Klingelton dazu angeboten bekommen. Vermutlich steht am Ende sogar die Ernennung zum „Best Newcomer“ bei der ECHO-Wahl 2005. Wem das jetzt alles zu wenig nach einer CD-Kritik klingt, darf sich bei den Marketingexperten von Universal Records beschweren. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

Anspieltipps:

  • Durch den Monsun
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