The Decemberists - Picaresque - Cover
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The Decemberists Picaresque


  • Label: Beggars/Rough Trade
  • Laufzeit: 54 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

So tragisch, wie „Romeo & Julia“, zieht sich die Theatralik durch das gesamte Album und selbst der Zuhörer findet erst beim mehrmaligen Anhören die nötige Erlösung, so dass sich der Vorhang schließen kann.

Es ist unglaublich traurig, wie sehr die Plattenfirmen ihre großartigen Künstler verheimlichen. Erst jetzt durften die ersten Musikjournalisten die Band Okkervil River und deren großartiges Album „Black sheep boy“ (Veröffentlichung: Mai 2005) entdecken und sind vermutlich so begeistert, dass sie nun befürchten den nächsten großartigen Act zu verschlafen. Grund genug The Decemberists mit einem kleinen Wink auf ihren Musikzeitschriftensamplern zu erwähnen. Dabei hat die Band aus Portland/Oregon bereits zwei LPs und einige EPs veröffentlicht. Der Durchbruch in der Szene blieb hierzulande allerdings aus und auch in den USA sind die Decemberists nur einer Minderheit bekannt. Das ist allerdings sehr merkwürdig, denn intelligenter Indiepop mit schönen Melodien ist seit Ryan Adams oder Bright Eyes kein allzu großes Nischenthema mehr. Dennoch muss sich die Band um Colin Meloy auf ihrer CD „Picaresque“ erneut beweisen, was sie zweifellos schafft. Allerdings ist das Album im Vergleich zu den vorigen Alben, „Castaways and cutouts“ und „Her majesty, the Decemberists“, eher schwach. Beim ersten Durchhören sucht man noch vergeblich die Gänsehautmelodien, die man auf den vorigen Alben ohne große Mühe gefunden hat.

Vom ersten Moment an hat man beim Hören das Gefühl, als würde man in einem Theaterstück sitzen. Wenn das Schlagzeug und die Streicher von „We both go down together“ beginnen, klingt es nicht wie Musik, die man nur zur Berieselung hört, sondern es klingt, als würde sich vor den geschlossenen Augen des Zuhörers eine Szene von einem traurigen Theaterstück abspielen. Vermutlich sieht man sogar eine Adaption eines pikaresken Romans und es wird die Geschichte eines Schelms (ein ungebildeter der unteren gesellschaftlichen Schicht) erzählt, der mehrere Abenteuer erlebt. Spätestens in „From my own true love“ sieht man den Helden vor seinem inneren Auge an einem kleinen See sitzen und sein trauriges Lied von einer verlorenen Liebe singen. Dennoch gibt es keinen Zusammenhang zwischen den Songs auf „Picaresque“. Es gibt Lieder über Sehnsüchte und politische Songs, aber alle spielen in ihrer eigenen kleinen Welt, die manchmal einfach zu surrealistisch ist, um wahr zu sein. Dennoch verlieren die Texte nie ihren Bezug zur Realität!

Produziert wurde das dritte Werk von Chris Walla (Death cab for cutie). Der Versuch antikes und modernes zu verknüpfen missglückt zwar nicht, aber der Band gehen dadurch leider ihre Pophymnen verloren. „The sporting life“ bietet zwar mit seinen Bläserarrangements genügend Hitpotential, aber dennoch zündet das Lied nicht annähernd. Ebenso „The engine driver“. Ein sehr schönes Lied mit netter Hookline, dennoch gelingt es nicht, sich aus dem üblichen Pop-Brei herauszukristallisieren. Da funktioniert „The bagman’s gamit“ schon wesentlich besser. Zwar sollten die Englischkenntnisse mehr als ausreichend sein, um die ersten zwei Minuten zu überstehen, dafür wird man entsprechend entschädigt und bekommt kostenlos noch einen Basiskurs zu dem Thema „Dynamik in der Musik“. Ebenso gut funktioniert auch „Sixteen military wives“, was sich durch die Bläsersätze sofort als offensichtlicher Hit entpuppt.

Legt man hingegen das Album ein zweites Mal in seinen CD-Player, entpuppt es sich als wesentlich besser, als zuerst angenommen. Die schüchternen Hooklines und Melodien in „On the bus mall“ und „The infanta“ entfalten plötzlich ihre Schönheit und bohren sich unaufhaltsam ins Ohr. Und selbst „The engine driver“ bohrt sich unaufhaltsam ins Ohr, so dass man es wieder und wieder hören muss und jedem, den man sieht, „And if you don’t love me, let me go“ zusingt.

Die Geschichten, die Meloy erzählt, sind nicht die großen Geschichten über Helden, sondern handeln von den kleinen Verlierern dieser Welt. So wie Eli, der Junge mit der Sackkarre, der sehnsüchtig vom CD-Cover herunterschaut und von seinem Ertrinken im Fluss und seiner Beerdigung auf dem Friedhof singt. Und trotz der Erlösung ist er nicht frei und hat weiterhin eine Last zu tragen, weil seine Liebe nicht bei ihm ist, sondern im Wald beigelegt wurde („Eli, the barrowboy“). So tragisch, wie „Romeo & Julia“, zieht sich die Theatralik durch das gesamte Album und selbst der Zuhörer findet erst beim mehrmaligen Anhören die nötige Erlösung, so dass sich der Vorhang schließen kann.

Anspieltipps:

  • We both go down together
  • Eli, the barrowboy
  • Sixteen militar wives
  • The engine driver
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