Sand - Winterlieder - Cover
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Sand Winterlieder


  • Label: Broken Silence
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Tage werden bedrohlich kühler, der Herbst hat sich auf wenige Tage reduziert und die Sommermonate hießen dieses Jahr Mai und Juni. Zwischenzeitliche Hitze und Sonnenstrahlen erscheinen als surreal und werden nur als Wunschdenken wahrgenommen. Also erscheint am 22. August, pünktlich zum diesjährigen Winteranfang, die erste CD des Projektes Sand, das auf den Namen „Winterlieder“ hört und ebenso surreal wirkt.

Sand ist das Projekt von Sebastian Lohse (Ex-„Letzte Instanz“-Sänger) und dem Filmmusikkomponisten Frieder Zimmermann („Hinten scheißt die Ente“), das sich am 11. September 2001 zu Sand formiert hat. Der radikale Vergeltungsschlag an diesem geschichtsträchtigen Datum fließt direkt in die Texte von Lohse ein, ohne Erwähnung zu finden. Stattdessen beschwört er in „BOB“ das jüngste Gericht herauf, das unter dem Vorsitz eines kompromisslosen Richters die Menschen verbessern wird. Ebenso gesellschaftskritisch geht es in „Was uns verbindet“ weiter, indem der Sänger feststellt, dass das wichtigste auf der Welt der Zusammenschluss der Menschen ist. Doch die Eigenschaften, die uns verbinden, seien nicht unbedingt die positiven, sondern spiegeln vor allem das negative Bild des Homo sapiens wieder: „Wir lügen feig / und leugnen wild / Gewalt Betrug / Noch bis aufs Blut / spalten uns treu / und lassen treten / und schließen die Augen / und beten / und reden und reden und / reden und reden / über das, was doch nicht mehr der Rede wert ist / und das verbindet / (...) / Das ist alles was ist!“

Glücklicherweise bedient sich Sebastian Lohse nicht nur der Gesellschaftskritik, sondern befasst sich auch mit persönlichen Schwächen. In „Zufrieden“ singt er davon, dass er immer versuche etwas besseres zu finden, damit er zufrieden ist. Letztendlich kann er aufgrund der ständigen Suche niemals zufrieden sein und kommt zu dem Schluss: „Der Mensch ist nicht geschaffen zum glücklich zu sein“. „Küss mich“ hingegen handelt von der partnerschaftlichen Distanz, die nur durch den ersten Kuss überwunden werden kann. Frieder Zimmermann untermalt den Text mit einer leicht verspielten Fläche und einer kleinen Gitarrenmelodie. Aber erst durch die charmante Stimme von Sabine Müller und dem darauf folgenden Duett mit der warmen Stimme von Sebastian Lohse wird der Song zu einem Highlight.

„Hinaus ins Freie“ klingt so, als hätten Radiohead kurz nach ihrer „Amnasiac“-CD ein deutschsprachiges Lied geschrieben, inklusive ansteigender Dynamik, nur, dass sich Sand den vorausschaubaren Ausbruch aufsparen, um ihn an anderen Stellen zu platzieren, wo niemand mit gerechnet hätte („Nur du“). An Songs wie „Vorübergehend vertieft“ merkt man, dass Zimmermann bereits für die Filmindustrie gearbeitet hat, denn so gekonnt, wie er die Flächen platziert und mit den Samples spielt und dann alles lückenlos ineinander übergehen lässt, passt ideal zu jeder melancholischen Filmszene. Dass er aber auch anders kann, hört man am anfangs popigen „You are“, dass sehr schnell durch eine verzerrte Gitarre seinen Pop-Charakter verliert. Dennoch hat man niemals das Gefühl, dass die Musik nicht harmonisch ist und überhaupt nicht passen würde. Vielmehr unterstreicht die Musik perfekt die melancholischen Texte von Sebastian Lohse.

„Winterlieder“ ist eigentlich ein Album, das man an kalten Wintertagen vor dem warmen Kamin hören möchte, während man seinen Partner ganz fest an sich drückt und der Blick ins Leere einen träumen lässt. Nur wirklich selten wird diese Idylle tatsächlich gestört. Sand machen keine Lieder für Mixtapes und auch keine Songs, die die Charts stürmen wollen, sondern hochgradige Kunst, die aber so flexibel ist, dass man einfach nur in ihr träumen kann oder aber auch Kopfschmerzen bekommt, weil die Musik und die Texte so verkopft sind, dass der Zuhörer in den seltensten Fällen wirklich weiß, wovon der Sänger singt und warum die Musik sich nun so verhält.

Anspieltipps:

  • Küss mich
  • You are
  • Hinaus ins freie
  • Vorübergehend vertiefend
  • Tal der Tränen
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