Ryan Adams - Jacksonville City Nights - Cover
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Ryan Adams Jacksonville City Nights


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 47 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Wem „Cold Roses“ schon zu countrylastig war, der sollte sich „Jacksonville City Nights“ gar nicht erst anhören.

Kein Künstler hat Musikredaktionen in der letzten Zeit so sehr auf Trab gehalten wie Ryan Adams. Zunächst sorgte er für Gesprächsstoff mit seinem Plan, in diesem Jahr drei Alben an den Fan zu bringen. Dann brachte er uns das grandiose Doppel-Album „Cold Roses“, das verdienterweise die Bestnote bekam. Leider wurde die Deutschland-Tour erneut gecancelt. Bereits 2003 sollte Adams seinen Rock’n’Roll den Deutschen zeigen. Ein Bühnensturz hinderte ihn, so wie eine Ohrinfektion in diesem Jahr. Dann kündigte er an, sein zunächst „Jacksonville“ betiteltes Album doch lieber „September“ zu nennen, um es dann doch lieber „Jacksonville City Nights“ zu nennen. Doch kann der Songwriter, den man aufgrund seines derzeitigen Aussehens eigentlich lieber „Zottelmonster“ nennen möchte, auch musikalisch weiterhin Schlagzeilen machen?

Ja, er kann! Wem „Cold Roses“ schon zu countrylastig war, der sollte sich „Jacksonville City Nights“ gar nicht erst anhören. Mit der Musik aus den frühen Whiskeytown-Zeiten und der Tiefe von „Heartbreaker“ singt er sich zusammen mit Norah Jones durch das traurige „Dear John“ und streift mit „The hardest part“ die „Cold Roses“. Neben dieser Zitierfreude finden sich aber auch Songs, die man später als „Jacksonville City Nights“-Songs identifizieren darf, wie das titelgebende „The end“, in dem Ryan Adams wie noch nie zuvor in das Mikro schreiend fleht, dass ihn die Vergangenheit wieder einholt. Es entsteht dabei dieselbe Nähe, wie einst bei „Oh my sweet Carolina“, das seiner Heimat gewidmet ist.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Songs ähnlich verhalten wie auf „Cold Roses“, denn The Cardinals haben Ryan Adams bei „Jacksonville City Nights“ ins Studio begleitet. Zunächst wirken die Songs fremd, doch zum Ende entfalten sie ihre ganze Schönheit; wie ein musikalischer Schmetterling. Selbst das etwas auf „Heartbreaker“-Atmosphäre getrimmte „Silver bullets“ hat durch sein schönes Streicherarrangement seinen Reiz. Im Gegensatz dazu ist „Peacefull valley“ nicht wirklich gelungen. Die sich viel zu oft überschlagende Stimme Adams’ wirkt zusammen mit der Streichermelodie, die so klingt, als habe wäre sie von Schandmaul geklaut, eher lächerlich. Auch das frühere Titelstück „September“ ist nicht sonderlich attraktiv. Fast scheint es so, als hätten Adams und seine Combo sowohl musikalisch als auch dynamisch bereits alles ausprobiert. Deshalb wünscht man sich, dass Adams, so wie Wilco, seine Songs mal ordentlich demontieren würde. Stattdessen kommt das fröhliche „My heart is broken“ und man fragt sich insgeheim „Wo ist das Problem?“.

Den Song aus alten Whiskeytown-Tagen hat Adams seiner Ex-Whiskeytown-Kollegin Caitlin Cary zu verdanken. Sie las im Bus nach Memphis das Buch „My heart is broken“ und bat Adams daraufhin, mit ihr „the most heart-breaking country song you can think of“ zu schreiben. Dass daraus ein so fröhliches Lied entstand, hätte sich 1997 wohl keiner von beiden vorstellen können. Auch bei „Trains“ spielt sich die Freude der Cardinals in den Vordergrund. So fröhlich erkennt man Adams gar nicht wieder. Er scheint mit seiner neuen Band endlich die ideale musikalische Beziehung gefunden zu haben.

2000 versuchte sich der Solokünstler mit den „Pink Hearts“, mit der er auch zwei unveröffentlichte Album aufnahm, dessen Lieder wie „Starting to hurt“ und „Nuclear“ ihren Weg auf das 2002er Album „Demolition“ fanden. Die Tournee zu seinem zweiten Album „Gold“ absolvierte er mit „Sweetheart Revolution“, bis er sich im Jahr 2002 dazu entschied, wieder Soloshows zu geben. Seine grandiose Akustik-Tournee führte den Sänger mit Unterstützung von einem Cellisten und einem Gitarristen auch durch zwei deutsche Städte. Für seine Rock’n’Roll-Tour formierte er dann die „Ryan Adams Killers“, die ihn auch bis zu seinem Bühnensturz im Januar 2004 begleiteten. Erst im September begab sich der Songwriter wieder auf die Bühne mit seiner neuen Band „The Cardinals“. Und zum ersten Mal darf sich eine Band aktiv im Songwriting-Prozess des Derwisches einmischen. Womöglich eine Ehre, doch die Genialität der Band wurde etwas überschätzt, was man es auf ihrem zweiten Album hören kann.

Nach dem schönen „Silver bullets“ wirken die restlichen Songs etwas gleichgültig. Es fehlt der gewisse Reiz, es fehlen schöne Melodien, die sich entfalten, und es fehlen einfach die Stellen, die man gar nicht anders als mit „Gänsehaut“ beschreiben kann. Dennoch sind gerade die ersten Songs sehr gut gelungen, was eine Beurteilung etwas schwer macht. Angesichts der Tatsche, dass Adams in diesem Jahr bereits 33 Songs veröffentlicht hat, ist die Einschätzung, dass Adams ein Genie ist, das die Songs scheinbar aus dem Ärmel schüttelt, vollkommen richtig.

Ein weiteres Album wird in diesem Jahr noch folgen. Und wem das immer noch nicht reicht, der darf sich freuen, dass Ryan Adams & The Cardinals bereits wieder im Studio waren, um einen Song für den Film „Elisabethtown“ von Cameron Crowe einzuspielen. Heraus kam, natürlich, ein neues Album.

Anspieltipps:

  • The end
  • Dear John
  • The hardest part
  • Silver bullets
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