Neutral Milk Hotel - In The Aeroplane Over The Sea - Cover
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Neutral Milk Hotel In The Aeroplane Over The Sea


  • Label: Domino/ROUGH TRADE
  • Laufzeit: 40 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Das außergewöhnliche, von folky Indie-Rock geprägte, „In The Aeroplane Over The Sea“ erschien zum ersten Mal im Jahr 1998 und schrie auch dank der prominenten Fans der Band nach einem Re-Release. Nie erfuhr dieses mit unendlicher Größe gesegnete Werk die Öffentlichkeit, die es verdient. Da mussten erst Ben Reed Parry (Arcade Fire) und die Labelmates von Franz Ferdinand in die Bresche springen, um dem Rest der Weltbevölkerung die unvermeintliche Zuneigung zu Neutral Milk Hotel möglich zu machen. Die Band wird seit den im Teenager-Alter vollzogenen Anfängen von Jeff Mangum angetrieben, der auch vor Aufnahmen in einem Schlafzimmer mit unzähligen Instrumenten keinen Halt machte. Nachdem sie als Elephant 6 begannen und mit Enthusiasmus mehr und mehr an ihrer Musik arbeiteten, waren Neutral Milk Hotel geboren.

Bezaubernde Akustikgitarren eröffnen in Glückseligkeit das Album, wenn sich „The King Of Carrot Flowers Pt. One“ in die Herzen spielt. In lockerer Atmosphäre, die sich durch Harmonien erster Güte auszeichnet, geht der Song in die Parts 2 und 3 über. Während der Beginn mit Banjos versehen countryesk daherkommt, regiert im weiteren Verlauf der Rock. Mit Hilfe von knarzigen Gitarren und rumpelndem Schlagzeug glänzt Sänger Jeff Mangum mit seiner ganz persönlichen Note, die mal verraucht und mal zart erstrahlt. Der Titelsong tönt rau mit erneut viel Folk im Gepäck. Trompeten spielen den Soundtrack zum Morgenrot, das am Horizont seine Faszination entfaltet. Fast ausschließlich von zielstrebigen Gitarren untermalt ist der mitunter in Verzweiflung mündende Gesang in „Two-Headed Boy“. Immer wieder machen die Jungs die Hookline zu einem bewegenden Ereignis und schaffen mit wenigen Mitteln druckvolle Erhabenheit.

Bei „The Fool“ kommt einem mit Hilfe der marsch-ähnlichen Rhythmik und den trauernden Trompeten der letzte, im Scheiterhaufen endende, Gang in den Sinn. Doch zuviel Trübsal wird gleich im folgenden „Holland, 1945“ aus den Seelen radiert. Es frohlockt der klassische Indie-Rock. Munter und auf räudige Weise hüpfen all´ die verlorenen Seelen dem Tod von der Schippe. Man könnte sich fragen, wo mittlerweile die indierockende Klasse der 90´er geblieben ist oder einfach nur die Arme weit von sich strecken und tanzend im schwitzenden Mob verschwinden. Zeit zum Abkühlen bleibt nicht, jedoch werden die Bewegungen langsamer, wenn „Oh Comely“ die lodernde Flamme der passionierten Leidenschaft aufflackern lässt. Magisch steigert sich die schlichte Lagerfeuer-Romantik zu einem prickelnden Leiden, welches trotz der kargen Instrumentierung brodelt. Für tiefgehende Gefühle braucht man nicht mehr als akustische Gitarren und einen hier bis zum Äußersten gehenden Jeff Mangum.

Nach dieser Vielzahl an authentischen, nach vermehrtem Gehör lechzenden, 40 Minuten ist man erstaunt, wie solch ein Juwel Ende der Neunziger nahezu unbemerkt an den Hörern vorbeiziehen konnte. Allerdings ist die Freude umso größer, dass sich Domino Records ein Herz genommen haben und somit beweisen, dass man trotz einigen ruhigen Momenten und untypischen Instrumenten wie Banjo und Trompete immer noch 100% Rock sein kann.

Anspieltipps:

  • Two-Headed Boy
  • Holland, 1945
  • Oh Comely
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