Disturbed - Ten Thousand Fists - Cover
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Disturbed Ten Thousand Fists


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 56 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Geistesgestört und trotzdem wieder aus dem Irrenhaus entlassen: Disturbed! Nachdem Dan Donegan (Gitarre), Steve „Fuzz“ Kmak (Bass) und Mike Wengren (Schlagzeug) in David Draiman nach langer Suche endlich ihren fehlenden Sänger fanden, ging es sofort munter ans Werk und ihr Debüt „The Sickness“ mischte 2000 die Szene gehörig auf. Knüppelharte Metal-Reißbretter gespickt mit der enorm wandlungsfähigen Stimme Draimans sorgten für mehr als nur Rauschen im Blätterwald. In den Staaten waren sie nach ihrem Auftritt beim Ozzfest auf jeden Fall in aller Munde und die Fangemeinde wartete ungeduldig auf den nächsten Output. „Believe“ hieß das etwas stagnierte Zweitwerk, das immerhin 1,6 Millionen Einheiten absetzte und die Truppe erst mal für längere Zeit an den Tourbus fesselte. Zwischenzeitlich verlies Bassist „Fuzz“ das Quartett und wurde durch John Moyer (Ex-Union Underground) ersetzt. Drei Jahre haben sie sich nun für ihr neues Oeuvre Zeit gelassen und zeigen, dass kein Parental Advisory Banner notwendig ist, um weiterhin für Aufsehen zu sorgen mit Textzeilen wie „Why did you have to be such a bitch / Why don't you / Why don't you fuck off and die / Why can't you just fuck off and die / Why can't you just leave here and die / Never stick your hand in my face again bitch / Fuck you / I don't need this shit / You stupid sadistic abusive fucking whore / Would you like to see how it feels mommy / Here it comes, get ready to die!” im Klassiker „Down with the sickness” (davon gibt es übrigens eine herrliche Neuinterpretation durch Richard Cheese im Big-Band-Stil) enthalten.

Die Unfähigkeit von George W. Bush erhitzt auch bei Disturbed die Gemüter und so kam es dazu, dass der Titelsong nicht nur als Schlachtruf für die Fangemeinde geschrieben wurde, sondern auch ein Aufruf gegen den „mächtigsten Mann der Welt“ ist. Zusätzlich enthält der Song „Deify“ (sich zum Gott erheben) zu Beginn Ausschnitte aus Bush-Reden, in denen unmissverständlich das Thema „Kampf gegen den Terror“ als gemeinsamer Nenner hervorgeht („Our country is strong. We go forward to defend freedom“). „Ten Thousand Fists ist das politischste Album, das wir bisher gemacht haben“ meint Draiman zum neuesten Werk. Ein spannungsgeladenes noch dazu. Auch von Weiterentwicklung kann hier gesprochen werden, vor allem im Hinblick auf das Organ des Sängers. Nie zuvor legte er eine bessere Vorstellung ab als in „Ten thousand fists“ und entert damit mühelos den Shouter-Olymp. Seine Bandkollegen stehen ihm natürlich in nichts nach und mit Moyer hat man einen kräftigen Ersatz für Kmak gefunden.

Den Auftakt macht die Hymne „Ten thousand fists“, die zwar eher untypisch für den Vierer ist, aber ihren Zweck als Aufruf zum Widerstand makellos erfüllt. „Just stop“ bietet dann, die für Draiman typischen Grunz-, Schrei- und Quietschlaute, bevor ein Riff die Luft durchsägt oder ein Trommelgewitter losbricht. Die Weiterentwicklung macht sich hier zum ersten Mal bemerkbar, wenn der Refrain die Geschwindigkeit etwas drosselt und das Augenmerk auf den Text gelegt wird. Mit „Guarded“ gibt es dann einen puren Adrenalinkick, Disturbed hat sich gerade warm gespielt. Es ist regelrecht eine Freude anzuhören, wie sich Gitarre oder Drums an die Stimme Draimans anschmiegen und ihn virtuos umgarnen. Ein stilvolles „Cry-Out“ statt einem altbackenen Fade-Out beendet den Track. „I won´t let them deify you!” wehrt man sich dann gegen Kriegsfanatiker Bush und wirft ihm alles entgegen was man hat: Stakkato-Gitarrenriffs, ein Trommelinferno und einen wütenden Bandleader. Wenn Aggression doch immer so schön wäre! „Stricken“ hat das nichts mit Wolle zu tun, sondern mit einem Hörerlebnis der besonderen Art. Inmitten des Songs gibt es nämlich das erste Gitarrensolo in der Geschichte von Disturbed! Warum sind die Jungs noch nicht früher darauf gekommen?

Man sieht, langweilig wird es einem so schnell nicht mit der neuen LP. Das wird auch sofort mit „I´m alive“ zementiert und durch den herrlich eingängigen Refrain „The thing I treasure most in life / Cannot be taken away / There will never be a reason why / I will surrender to your remorse / To change myself I´d rather die / Lonely we´ll not understand / I will make the greatest sacrifice / You can´t predict where the outcome lies / You´ll never take me alive / I´m alive / I´m alive / I´m alive”, der alle Qualitäten von Draimans Stimme eint, doppelt unterstrichen. Das nächste starke Stück nennt sich “Son of a plunder” und entbehrt durch das in sich stimmige Zusammenspiel der Instrumente und der Textzeilen „As the countless numbers hunger for world wide renown / All the pimping sons of plunder will roll up their sleeves / All searching for the answers they don't even care to know / Give it to me / Give it to me / You like that?”, jeglicher Kritik. „Overburdened” stellt den ersten Ruhepol dar. Eine Power-Ballade, wie sie nur von Disturbed kommen kann. Im Gegensatz dazu knüppelt „Decadence“ wieder alles nieder und mit „Forgiven“ ist man beim ersten durchschnittlichen Song angelangt, der nicht stört, aber auch nicht sonderlich mitreißt und mit der Neuentdeckung „Gitarrensolo“ stellenweise an „Stricken“ erinnert.

Das auf „The Sickness“ vorhandene Cover vom „Tears For Fears“-Klassiker „Shout“ findet hier einen Nachfolger mit Genesis „Land of confusion“. Würde man das gute Stück nicht schon mit der Stimme eines gewissen Phil Collins kennen, man könnte denken, es wäre aus der Feder des Quartetts aus Chicago. „Sacred lie“ ist wieder gehobener Durchschnitt, doch in „Pain redefined“ gehen die Herren aus sich heraus und liefern den letzten Knaller bevor der Abschluss mit dem Holzhammer „Avarice“ zelebriert wird.

Die vier Mannen haben sich einige Zeit gelassen um das neue Werk fertig zu stellen und das hört man ihnen in jeder Minute an. Ein paar Kleinigkeiten gibt es zwar hier und da zu bemängeln, fallen unterm Strich aber nicht ins Gewicht und stören nur beim Erforschen dieser äußerst gelungenen Platte. Sollte es nach „Ten Thousand Fists” nicht wieder zum Stillstand kommen, ist Disturbed hierzulande bald kein Geheimtipp mehr. Wollen wir nur hoffen, dass es auch so wird!

Anspieltipps:

  • Guarded
  • I´m Alive
  • Pain Redefined
  • Son Of A Plunder
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