Jeanette - Naked Truth - Cover
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Jeanette Naked Truth


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 58 Minuten
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2/10 Unsere Wertung
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

„Naked Truth – die nackte Wahrheit“ – diese zu erfahren, dürfte so manchen Fan von Jeanette Biedermann in äußerste Verzückung versetzen. Dabei ist es bloß der Titel eines Albums (dem sechsten von Frau Biedermann) und eine weitere verunglückte Koketterie der Berlinerin, die seit ihrem Karrierestart vor sechs Jahren auf einer Rasierklinge von erotischen Anspielungen und pseudo-wichtigen Botschaften wandelt. Trotzdem lieben sie ihre Fans, obwohl ihre Texte seit jeher von plattester Natur sind und phrasengespickt daherkommen.

Musikalisch schreckt das Team um Jeanette ebenfalls vor nichts zurück. Immer auf der Spur der neuesten Musiktrends, werden mit unglaublicher Unverfrorenheit Riffs und Versatzstücke anderen Künstler in das „Gesamtkunstwerk“ eingewoben. Allein das letzte reguläre Studioalbum „Break On Through“ (11/2003) strotzt nur so von geschickt abgekupferten Ideen. So erinnert „Rockin’ on heaven’s floor“ an Roxette („Joyride/The look“), klingt „Hold the line“ nach The Rasmus („In the shadows“), klaut „Rebelution“ den Orgelsound bei Deep Purple, nimmt „Tellin’ you goodbye“ den Faden von Sarah Connors „From Sarah with love“ auf, schippert „Mr. Big” im Fahrwasser von „You can leave your hat on” (Joe Cocker) und schickt „Make love“ freundliche Grüße an No Doubt („Hella good“)? Dreister geht’s nimmer – und das ist nur die Spitze des Eisbergs!

Das neue Album „Naked Truth“ entstand während eines vierteljährigen Aufenthaltes in Los Angeles, bzw. auf Weltreise mit Jeanettes Freund, Gitarristen und Produzenten Jörg Weisselberg im Frühjahr 2005. Doch schon der Vorgeschmack in Form der im Oktober 2005 veröffentlichten Single „Bad girls club“ ging mächtig in die Hose und die Album-Veröffentlichung wurde großzügig um mehrere Monate verschoben. Lag es daran, dass die Fans den Song mit „Bad girl“ von vorherigen Album verwechselten oder verstörte Jeanettes neues Styling der Marke „Ashlee Simpson für Arme“ (mit wasserstoffblonder Fransentolle und Düster-Rock-Outfit) die potenziellen Käufer? Wir wissen es nicht. Darum müssen nun schwere Geschütze her!

So lässt die limitierte Version im auffallend üppigen Digipack mit Bonus-DVD nichts Gutes erahnen, gilt doch nach wie vor die Weißheit „um so aufwändiger die Verpackung, desto schwächer der Inhalt“. Tja, und entsprechend belanglos fällt der Einstieg in „Naked Truth“ dann auch aus. „All new“ schwänzelt mit rockigen Gitarrenlicks und Streichern um den heißen Brei herum, ohne dass etwas passiert. „Moonshinenight“ zockt sich das tiefergestimmte Grundgerüst aus der Nu-Rock-Abteilung, vergisst aber die Melodie irgendwo unterwegs. „I’m alive“ kommt mit Gothic-Piano, Streichern und melodramatischer Melodie daher, plätschert gut zwei Minuten vor sich hin, ehe die Gitarren etwas mehr Druck abgeben. Dennoch, auf rockig verpackte Plattitüden wie „Oh baby, love will find a way“ kann man gut verzichten.

„Burn“ geht in Richtung Elektro-Rock, bietet sogar ein paar brauchbare Riffs, wird aber mit einer peinlichen Schlagermelodie an die Wand gefahren („Burn baby burn, feel my fire“). Im Stile einer Avril Lavigne punkrockt „Get freaky“. Doch hört man da nicht das Riffing von Green Days „American idiot“ heraus? Egal! „Get freaky“ ist der bisher beste Song auf dem Album, was besonders durch die folgenden Plattheiten (bezeichnend „Heatwave in july“, „It’s allright“ und „Endless love“, die zweite Singleauskopplung) unterstrichen wird. Lediglich „It’s not o.k.“ und „Frozen sun“ sind noch einigermaßen in Ordnung – nur dass auch hier wieder ganze Passagen von anderen Songs abgekupfert wurden. Aber das hatten wir schon. Und der durchschnittliche 14jährige Jeanette-Fan wird das eh nicht bemerken. Wahrscheinlich auch nicht, dass Diane Warren (Aerosmith, Celine Dion, Tina Turner, Christina Aguilera) mit „Hurt“ einen Song zum Album beigesteuert hat, obwohl sich dieser qualitativ deutlich von den anderen Songs abhebt.

Das 24jährige Ex-Soap-Sternchen bleibt sich auch auf Album Nummer 6 treu. Sie geht den auf „Rock My Life“ eingeschlagenen rockigeren Weg konsequent weiter und liefert 16 (bzw. 19 auf der limitierten Version) Songs ab, von denen einer belangloser als der andere ist. Da hat das Tokio-Hotel-Album noch mehr Seele, als dieser konstruierte Quatsch, für den der Manager wahrscheinlich ganze Fanclub-Schwadronen für sogenannte Stützkäufe aussenden muss, um nach dem prognostizierten Top-10-Einstieg keinen Totalausfall zu erleben.

Anspieltipps:

  • Hurt
  • Get freaky
  • Frozen sun
  • It’s not o.k.
Dieser Artikel ging am um 04:09 Uhr online.
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