The Devin Townsend Band - Synchestra - Cover
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The Devin Townsend Band Synchestra


  • Label: Inside Out/SPV
  • Laufzeit: 65 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Persönlichkeitsstörungen scheinen die beste Voraussetzung für die kreative und geistige Entwicklung eines Menschen zu sein. Sie ziehen sich durch die Geschichte großer Künstler und Intellektueller wie ein roter Faden. Vincent van Gogh würde vermutlich nicht als einer der größten Maler aller Zeiten gelten, hätte er sein chaotisches Seelenleben nicht auf Leinwand gebannt. Und hätte Max Weber die Soziologie begründet, würden die Abgründe seines Privatlebens selbst Sigmund Freud sein Leben lang beschäftigen?

Das Ausleben der eigenen Kreativität fungiert seit jeher als Ventil für psychische Störungen aller Art. Die hoffnungslosesten unter allen hoffnungslosen Fällen sind bekanntermaßen die Musiker. Alkoholabhängigkeit, exzessiver Drogenkonsum, manische Depressionen, Schizophrenie – nur ein paar der Erscheinungen, die man in der Musikbranche häufiger antrifft. Hätten diese Leute nicht von Gott ihr Talent in die Wiege gelegt bekommen – sie könnten sofort das „One way Ticket“ in die nächste Irrenanstalt buchen.

Wäre Irrsinn eine Religion, Devin Townsend wäre ihr Gott. Der Mann, der sich nach eigener Aussage kontinuierlich selbst zerstört, ist längst dem Größenwahn verfallen. Als der Strippenzieher bei „Strapping Young Lad“ (SYL) prügelt er in brutalstmöglicher Thrash-Metal-Manier alles was gut und schön ist auf dieser Welt unerbittlich nieder – nur um es mit der nach ihm benannten Band anschließend wieder aufzubauen. „Terria“ heißt jenes Album, das völlig zu Recht als der Höhepunkt seines bisherigen Schaffens angesehen wird. Das Werk, eine Vertonung seines Heimatlandes Kanada, könnte glatt der Soundtrack zur Schöpfungsgeschichte sein.

Nun also „Synchestra“. Nummer 6 der Diskographie. Eine Kur nach den Strapazen des letzten SYL-Albums „Alien“ sollte es werden. Ein Ruhepol, um wieder zur Besinnung zu kommen. Dementsprechend beginnt das Album für Townsend-Verhältnisse regelrecht entspannend, ja fast schon lieblich. „Let it roll“ würde sich auf jedem Country-Album als Opener wunderbar machen. Doch im Hintergrund grollen bereits die Gitarrenwände, die im Mittelteil von „Hypergeek“ ordentlich losschreddern – SYL-Dimensionen werden aber glücklicherweise nicht erreicht. „Triumph“ macht seinen Namen alle Ehre, stellt der Song doch den ersten richtigen Höhepunkt dar. In ihm finden sich sämtliche Elemente wieder, die ein episches Devin-Townsend-Musikstück auszeichnen. Nur die sonst eher düsteren Riffs klingen neuerdings beinah unverschämt gelöst und befreit. Der Meister selbst stellt unter Beweis, über welch ein variables Sangesorgan er verfügt.

Diese Eigenschaften finden ihre Fortsetzung auch im nachfolgenden „Babysong“, der kurzzeitig eine der einprägsamsten Melodien von „Terria“ zitiert – die atmosphärische Dichte dieses Überwerks ist hier sowieso allgegenwärtig. Im Anschluss spielt Townsend die Abwechslungskarte. Die „Vampolka“-Polka klatscht mit dem rockigen „Vampira“ ab. Im Bezug auf seine Dramaturgie hätte sich der Song gut im Musical „Tanz der Vampire“ gemacht. Das opulente „Gaia“ beschließt nach einem kurzen Zwischenspiel sozusagen den harmloseren Teil des Albums, denn bis einschließlich „A simple lullaby“ geht es von nun an eine Spur unzugänglicher zur Sache. Insbesondere „Judgement“ tönt mahnend-düster aus den Boxen. Und „A simple lullaby“ ist natürlich – sieht man mal vom Text ab – alles andere als simpel. Bei „Sunset“ sind sie dann wieder da – die positiven Klänge, die das Album von allen anderen Werken des Ausnahmekünstlers abheben. „Notes from africa“ ist ziemlich genau das, was man sich unter einer zünftigen Abschiedsparty mitten im afrikanischen Dschungel vorstellt. Man kann die Eingeborenen förmlich im Kreis ums Lagerfeuer hüpfen und singen sehen. Mit dem abschließenden „Sunshine and happiness“ (das aber eher die Rolle eines Bonustracks ausfüllt) zeigt Townsend eindrucksvoll, dass er mühelos in der Lage wäre ein charttaugliches Metal-Album zu produzieren, wenn er denn wollte. Will er aber Gott sei Dank nicht. Diese Talentverschwendung wäre ohnehin kaum zu ertragen.

Die monumentale Unfassbarkeit von „Terria“ erreicht „Synchestra“ nicht, doch abgesehen davon liefert Townsend gewohnt hochklassige Kost ab, die willigen Konsumenten einige Stunden überschwänglicher Freude und Ekstase bereiten dürfte – und damit hat Herr Townsend sein selbst gestecktes Ziel ja erreicht, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass das Tier in ihm trotzdem nicht zur Ruhe kommt, denn das nächste SYL-Album will schließlich auch noch geschrieben werden. Für „Synchestra“ zeigt der grüne Daumen jedenfalls steil nach oben!

Anspieltipps:

  • Gaia
  • Vampira
  • Triumph
  • Babysong
  • Notes from africa
  • Sunshine and happiness
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