Alice Russell - My Favourite Letters - Cover
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Alice Russell My Favourite Letters


  • Label: Tru Thoughts/Groove Attack
  • Laufzeit: 56 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn man mit weltweit erfolgreichen Musikern verglichen wird und diese Vergleiche noch dazu nicht allzu weit hergeholt sind, kann es durchaus sein, dass man an Selbstüberschätzung erkranken kann. Stellt sich der lang ersehnte Erfolg trotz aller Lorbeeren und Empfehlungen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Lagern dennoch nicht ein, fangt man wohl langsam zu grübeln an. Alice Russell betreffend muss letzteres wohl besonders in Betracht gezogen werden, sorgte ihr Debütalbum „Under The Munka Moon“ vom Sommer letzten Jahres mit einem erfrischenden Mix aus den verschiedensten Stilrichtungen für mehr als nur zuckende Augenbrauen. Damals noch ohne wirkliche Unterstützung im Rücken veröffentlicht sie ihr zweites Album „My Favourite Letters“ diesmal mit einer umso größeren prominenten Fangemeinde. Denn die beigefügte Presseinfo zur Cd erklärt nicht nur, dass vorliegende Platte ein „Kaleidoskop der Musikgeschichte des Soul mit Einflüssen von Gospel, Hip Hop, Jazz, Northern Soul, Break Beat, Electronica und Funk“ ist, sondern auch dass Daddy G von Massive Attack ihre Stücke dermaßen gut findet, dass er schon überlegt hat sie nicht mal für eine Mitarbeit an einer neuen Platte anzurufen und Groove Armada sie ihrer Stimme wegen anstelle von Joss Stone in den Charts sehen wollen. Um der Forderung des britischen Duos gerecht zu werden müsste sich Russell allerdings auf ein oder zwei Genreverknüpfungen beschränken und das wäre nicht Sinn und Zweck, so fern dadurch wohl nie dieses abwechslungsreiche Juwel entstanden wäre. Punkto stimmlicher Leistung lässt sie Joss Stone allemal recht schnell blass aussehen. Einzige Bedingung hierfür: Sie muss erst mal singen!

Denn wer „My Favourite Letters“ durchhört, dem drängt sich sofort der große Unterschied zu den Werken der 17-jährigen Stone ins Gehör. Hier wird nicht mit souliger Intonation geträllert und durch Musik verstärkt, sondern der Klang und die Verschmelzung dessen mit einer begnadeten Soulstimme ist hier das Rezept. Dadurch benötigt „To Know This“ oder „High Up On The Hook“ ein bis zwei Minuten bis Russell überhaupt mal ans Mikro geht und ihren Text makellos zum Besten gibt. Die einzigen Songs bei denen Parallelen zu den Werken „The Soul Sessions“ oder „Mind, Body and Soul“ gezogen werden können sind der Auftakt „All Else Can Wait“ und „Humankind“. „What We Want!“ zum Beispiel wartet nämlich mit einem Hip Hop-lastigeren Beat auf und „Mean To Me“ beinhaltet gegen Ende ein Instrumentsolo, dass es in dieser Form bei Miss Stone in dieser Form noch nicht zu hören gab.

Wahrlich berauschend ist die gesangliche Leistung in „A Fly In The Hand“, wo man gar eine Aretha Franklin heraushören kann. Für Fans der älteren Massive Attack („Blue Lines“ vor allem) wird „I´m Just Here“ und „To Know This“ für Entzückung sorgen und „All Over Now“ und „High Up On The Hook“ für Indieclubgeher ansprechend sein. Großartiges Songwriting, Zusammenspiel zwischen den Instrumenten, bestechender Gesang, Laut – Leise-Akrobatik und Dynamikwechsel bilden dann den mitreißendsten Song, nämlich „Munkaroo“, auf der Platte. Wo hat man derart vergleichbares in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren gehört? So frisch und so kraftvoll vor unbändiger Energie strotzend wurde schon länger nichts auf Platte gepresst. Erklingen die letzten Töne sucht man schon die „Wiederholen“-Taste und möchte noch einmal dem Rausch der Klänge erliegen. Die letzten zwei Stücke schalten dann einen Gang zurück und bereiten stilvoll auf das Ausklingen der CD vor.

Konsequenz kann man der Dame auf keinen Fall vorwerfen. Wird ein Thema oder eine Melodie aufgegriffen, gesellen sich bald mehrere dazu oder werden mit der einzigartigen Stimme der Sängerin aufgepeppt. Daher wirkt das Material anfangs etwas sperrig und schwer zugänglich, entfaltet sich nach mehrmaligem, intensiven Hören allerdings zu einem unverwechselbaren Potpourri feinster Unterhaltung. Falls man hiermit einen Lückenfüller erwartet, bis das nächste Joss Stone Album veröffentlicht wird, könnte man enttäuscht werden, dazu ist die musikalische Umsetzung zu unterschiedlich. Das wollte Alice Russell mit „My Favourite Letters“ aber auch nicht bezwecken.

Anspieltipps:

  • Munkaroo
  • To Know This
  • Humankind
  • High Up On The Hook
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