Nocturnal Rites - Grand Illusion - Cover
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Nocturnal Rites Grand Illusion


  • Label: Century Media/EMI
  • Laufzeit: 47 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Schon wieder Schweden? Ja, ich kann es ja auch nicht ändern, dass so viele gute Bands aus dem hohen Norden kommen. In irgendeiner Weise muss das rau-kalte Klima inspirierend sein.

Schon wieder Power Metal? Verblüffend viel Musik im Allgemeinen und Metal im Besonderen findet aus dem Norden des alten Kontinents seinen Weg auf das europäische Festland. Womöglich hat das mit der nordischen Mythologie zu tun. Thor würde Hammerfall & Co. glatt zu sich nach oben holen, auf das sie zwischen Wein und Weib für Gesang sorgen.

Der nächste Verriss? Nein, dieses Mal nicht. Im Gegensatz zu den Kollegen von Gamma Ray und insbesondere Hammerfall verstehen es Nocturnal Rites auch im zehnten Jahr der Bandgeschichte noch Akzente zu setzen.

Dabei gelingt es der Band geschickt jedweden Anflug eines Klischees auszuweichen ohne an irgendeiner Stelle kraftlos zu wirken. Wenn es einen Beleg dafür gibt, dass eine Mischung aus True –und Power Metal nicht nach nass geschwitzten Achselhöhlen muskelbewehrter Kriegsknappen klingen muss, dann dieses Album. Die Ursprünge der Band reichen bis ins Jahr 1990 zurück, als Fredrik Mannberg die Death Metal – Band „Necronomic“ gründete. Wegen Erfolglosigkeit tat er sich später mit Tommy und Nils Eriksson unter dem Namen „Nocturnal Rites“ zusammen. Nach einigen personellen Wechseln und dem nur mäßig erfolgreichen Debütalbum „In a time of blood and fire“ (1995) bescherte anno 1997 Hammerfalls erstes Album „Glory to the Brave“, durch welches das Genre wieder salonfähig wurde, dem Zweitling „Tales of mystery and imagination“ (1998) der Band den Durchbruch.

Was als Trittbrettfahrt im Windschatten der einst übermächtigen Landsmänner begann, ist mit „Grand Illusion“ endgültig zur Pole Position des europäischen Power Metals geworden. Mein erster Berührungspunkt mit Nocturnal Rites stellt das 2002er-Album „Shadowland“ dar. Schon damals erstaunte mich, wie vertraut aber dennoch frisch die Band zu Werke ging. Konträr zum damals vorherrschenden Tenor setzte die Band nicht auf ausufernde Epik und bombastische Chöre, sondern voll und ganz auf energetischen Power Metal ohne unnötige Schnörkel und Kindergarten-Trallala. Stattdessen gab es speedbetonten, hochmelodischen Metal mit einem geradezu unheimlichen Gespür für einprägsame Refrains und Killer-Hooklines. Zwar verschwand das Album alsbald in den Untiefen meines prall gefüllten Plattenregals, da ich mich anderen Musikstilen zuwandte, doch in diesen Tagen, in denen ich mich unerwarteterweise wieder vorwiegend mit Power Metal beschäftige, war es nur eine Frage der Zeit, bis mir die Band ein weiteres Mal über den Weg läuft. Eine folgenschwere Begegnung.

Wo soll man anfangen, wenn einem das vorliegende Album die Auswahl an Highlights so schwer macht? Wenn es sich, wie hier, anbietet, dann wohl am besten direkt am Anfang: „Fools never die“ brennt sich gleich mal in die Hirnwindungen. Stampfendes Riffing und ein Refrain, der einem sofort das Lachen aufs Gesicht zaubert, geben die Richtung vor. So kann es weitergehen. Und so wird es weitergehen. Eine ganz und gar ehrfürchtige Sangesdarbietung bekommt man bei „Still alive“ geboten. Würden sich doch nur mehr Sänger so leidenschaftlich ins Zeug legen wie Jonny Lindqvist. Allein seine eindrucksvolle Performance rechtfertigt den Kauf des Albums. Hervorgehoben sei vor Allem „Cuts like a knife“, das sich mit seiner düsteren Stimmung und nicht zuletzt dank der stimmlichen Unterstützung durch Naglfar-Frontmann Kristoffer Olivius am deutlichsten vom restlichen Material des Albums abhebt. Das Stück könnte der unwesentlich kleinere Bruder von „March of Mephisto“ vom neuen Kamelot- Longplayer sein.
Deutlich optimistischer tönt danach „End of our rope“ aus den Boxen. Ein typischer Nocturnal Rites - Song, der ohne weiteres stellvertretend für den Stil der Platte stehen könnte. Mit „Deliverance“ hat man abschließend genau den richtigen Rausschmeißer ans Ende der Platte verfrachtet. Ich wundere mich zwar, warum man nicht den Mut hatte, aus diesem herrlichen Song ein überlanges Epos zu machen, wäre doch gerade der erhabene Chorus prädestiniert dafür, aber auch innerhalb von nur 5 Minuten ist dieses Lied ein vollkommener Genuss.

Kritik kann nur insofern zugelassen werden, als dass alles relativ ähnlich, aber nie gleich, klingt. Außerdem besteht die realistische Gefahr, dass die Halbwertszeit der Platte nicht besonders lang ist. Auf mehr als drei Umläufe nacheinander kam es bei mir jedenfalls bisher nicht. Es ist eben nichts Progressives auf diesem Album auszumachen. Dafür freut man sich umso mehr aufs nächste Mal.

Obwohl das Werk beste Kritiken bekommen hat, die größten Konkurrenten schwächelten und die Band unter anderem mit den Kollegen von Edguy und Gamma Ray in der Welt rumtourte, wird wohl leider auch „Grand Illusion“ ein Schattendesign unter Insidern vorbehalten bleiben. Das Business ist eben einfach nicht fair.

Anspieltipps:

  • Still alive
  • Deliverance
  • Fools never die
  • Cuts like a knife
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