Bon Jovi - Keep The Faith - Cover
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Bon Jovi Keep The Faith


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 71 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Wir schreiben das Jahr 1992. Bon Jovi treffen sich erstmals nach einer langen Zeit ohne Touren oder CD-Aufnahmen wieder, um an einem neuen Album zu arbeiten.

„Früher war alles besser, heißt es…“. Sieht und hört man sich aktuelle Veröffentlichungen der einst führenden Hardrockband Bon Jovi an und vergleicht diese mit ihrem Backkatalog, kann man doch sehr schnell zu einem solchen Schluss kommen. Aber fangen wir von vorne an.

Wir schreiben das Jahr 1992. Bon Jovi treffen sich erstmals nach einer langen Zeit ohne Touren oder CD-Aufnahmen wieder, um an einem neuen Album zu arbeiten. Seit „New Jersey“ sind immerhin drei Jahre vergangen. Sänger Jon Bon Jovi feierte 1990 mit dem „Young Guns II“-Soundtrack „Blaze Of Glory“ einen beachtlichen Soloerfolg und auch Gitarrist Richie Sambora veröffentliche 1991 unter Eigenregie das bluesorientierte Album „Stranger In This Town“, auf dem er auch den Gesang übernahm.

Die lange Pause war dringend nötig, der einstige Bandzusammenhalt war nach der nervenaufreibenden „New Jersey Syndicate“-Marathontour, die über 230 Konzerte in 1½ Jahren beinhaltete, zerbrochen. Man war einfach zu viel getourt, investierte jegliche Energie in die Band und hatte kein Privatleben mehr – was letztendlich dazu führte, dass die Band kurz vor dem Aus stand. Da mit gewissem Abstand aber jeder der fünf Musiker bemerkte, was ihm Bon Jovi eigentlich bedeutete, sprach man sich aus und raufte sich erneut zusammen, um Musik für ein neues Album zu schreiben. Der lyrische Inhalt der Texte transportierte dabei ganz bewusst die Botschaft des Neuanfangs, des Glaubens an die Band und des Zusammenhaltes.

Der Großteil der Songs wurde von Jon Bon Jovi alleine oder zusammen mit Richie Sambora geschrieben und präsentiert die Band, die sich Anfang der Neunziger nicht nur mit einer internen Krise, sondern auch mit einem Stilwandel innerhalb der Rockmusik konfrontiert sah, in einem reiferen, erwachseneren Licht. Die Songs klingen ausgefeilter, teilweise experimentierfreudiger, aber dennoch bodenständig. Die Lyrics sind reifer und auch optisch legte man sich einen komplett neuen, erwachseneren Look zu. Starfotograph Anton Corbijn (U2, REM, Depeche Mode) lichtete die Musiker in stilvollem Schwarz-Weiss für das CD-Booklet und die Promotion-Fotos ab.

Auch hier wurde besonders darauf geachtet, sich als Einheit zu präsentieren und nicht den Eindruck einer „Jon Bon Jovi mit Band“-Kampagne zu erwecken. Soundtechnisch veredelt wurden die neuen Songs mit einem frischen, glasklaren und gleichermaßen druckvollen Sound von Produzent Bob Rock und Soundengineer Randy Staub, die sich mittlerweile mit Metallica’s „Black Album“, Mötley Crüe’s „Dr. Feelgood“ und The Cult’s „Sonic Temple“ einen hervorragenden Namen gemacht hatten.

So kommt schon der Opener „I believe“ dermaßen kraftvoll rüber, dass der Hörer gänzlich von dem Sounderlebnis geplättet ist. Fette Gitarren, moderne Keyboards und eine pumpende Rhythmusabteilung lassen nicht nur den Fuß mitwippen. Mit einem philosophischen Text beschreibt Jon Bon Jovi den damaligen Zeitgeist und seine persönliche Einstellung dazu: „Don’t look up on your movie screens - in record stores or magazines – close your eyes and you will see - that you are all you really need”

Auch der Titeltrack schlägt in diese Kerbe und zeigt sich gleichermaßen abwechslungsreich, mit einem treibenden, fast tanzbaren Groove und einem erstklassigen Gitarrensolo. Den Jungs ist die musikalische Weiterentwicklung deutlich anzumerken, die die lange Pause mit sich brachte. „I’ll sleep when I’m dead“ erinnert stark an die Rolling Stones und versprüht nicht nur textlich Partystimmung. Live hat sich der Song mittlerweile fest im Set der Band etabliert. „In these arms“, die dritte Singleauskopplung, eröffnet erstmals poppigere Songstrukturen und besticht durch eine tolle Ohrwurmmelodie. Auch hier fallen, wie in den meisten Bon-Jovi-Songs, einmal mehr die exzellent arrangierten, mehrstimmigen Vocals auf, die den typischen Sound der New-Jersey-Rocker prägen.

Dass Jon Bon Jovi besonders für seine Balladen bekannt wurde, dürfte größtenteils an „Bed of roses“ liegen, welches er alleine am Piano komponierte. Dementsprechend melancholisch kommt der Song rüber, dürfte aber selbst einem Balladen eher abgeneigten Menschen die Erkenntnis abringen, dass hier ganz großes Kino geboten wird – sowohl musikalisch, als auch textlich ergreifend wie überzeugend!

Dass „Keep The Faith“ aber noch wesentlich mehr zu bieten hat als Jon Bon Jovi’s immer stärker aufflammende Liebe zu Balladen oder die textlich verarbeitete Wiedervereinigung der Band, zeigt ganz klar das psycho-dramatische „If I was your mother“. Moderner Rock, der direkt in die Beine geht und belegt, dass es Bon Jovi trotz gefühlvollerer Töne nicht verlernt haben, amtliche Riffs zu schreiben.

Das Herzstück der Scheibe, nicht nur aufgrund der Anordnung der Tracks, ist jedoch „Dry county“. Eine musikalische Berg- und Talfahrt, die das Können der Band in fast zehn Minuten eindrucksvoll unter Beweis stellt. Textlich beschreibt Jon Bon Jovi seine Erfahrungen, die er während einer einsamen Motorrad-Tour durch Amerika machte und liefert auch gesanglich eine Höchstleistung ab. Musikalisch lassen die Fünf hier nichts anbrennen. David Bryan erzeugt am Klavier, als auch an den Keyboards Gänsehaut-Atmosphäre, Tico Torres macht einmal mehr deutlich, dass er als Rockdrummer definitiv in der ersten Liga mitspielt und auch Richie Sambora zeigt während des Gitarresolos, wo der Hammer hängt.

Dieses hohe Niveau können das luftig-locker rockende „Woman in love“ (das abermals etwas an die guten alten Stones erinnert) und das etwas düstere „Fear“ nicht ganz halten, was aber keineswegs bedeutet, dass die Songs schlecht wären. Beide stellen Jon Bon Jovi wiederholt als erstklassigen Rocksänger dar und beweisen, dass die Band damals einfach noch rocken konnte. Besonders „Fear“ dreht im Chorus mit fetten Gitarren so richtig auf. Die Ballade „I want you“ kommt danach fast etwas schmalzig rüber, überzeugt aber dennoch durch gefühlvolle Piano- und Gitarren-Arrangements und tollen zweistimmigen Gesang.

Den gelungenen Abschluss der Scheibe bilden „Blame it on the love of rock ’n roll“, „Little bit of soul“ und der Bonustrack „Save a prayer“. Auch diese drei Stücke rocken so einiges, was bei anderen Acts als Rocksong durchgeht, einfach an die Wand und zeigen Bon Jovi auf dem – zumindest musikalischen – Höhepunkt der Karriere.

Ausgefeilt und erdig rockend, experimentell und dabei so bodenständig zu Werke gehend wie 1992 – das hat die Band bis heute nicht mehr geschafft. Wenngleich „These Days“ (1995) musikalisch ebenso ausgereift, nur melancholischer erscheint und auch die nachfolgenden Alben ein paar gute Momente haben. Die Magie, die Bon Jovi beim Zurücklassen der Achtziger, beim musikalischen Zurechtfinden in den Neunzigern und gleichzeitig auf dem kreativen Höhepunkt ihrer Karriere versprühten, haben sie bis heute nicht mehr erreicht.

Anspieltipps:

  • I Believe
  • Keep The Faith
  • Dry County
  • In These Arms
  • Bed Of Roses
  • I’ll Sleep When I’m Dead
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