Tomte - Buchstaben Über Der Stadt - Cover
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Tomte Buchstaben Über Der Stadt


  • Label: Grand Hotel van Cleef
  • Laufzeit: 45 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Bassist ist nervös, der Gitarrist konzentriert, der Sänger enttäuscht und der Produzent knallhart, als er zu Johnny Cash sagt, dass die Menschen etwas Wahres, etwas Glaubhaftes hören wollen. Cash fängt daraufhin an „Cry cry cry“ zu spielen und in einem ganzen Kinosaal erheben sich die Nackenhaare. Auch Thees Uhlmann, Sänger der Band Tomte, wird oft vorgeworfen, dass die Art wie er singt, nicht schön sei, aber auch er schafft es, dass ihm tausende Menschen zuhören und tausende Menschen ihn verehren. Und es gibt einen Rezensenten, der kopfschüttelnd am Veröffentlichungstag der neuen Tomte-CD „Buchstaben über der Stadt“ auf seinem Bett sitzt und seine Stirn auf den Händen trägt. Nicht wie viele der ersten Tomte-Fans, weil er enttäuscht ist – Tomte waren nie so weit vom Punk entfernt, wie bei diesem Album – nein, weil es so unbeschreiblich gut ist. Wie wunderbare Lieder sich aufbauen, sich in dein Ohr brennen, du sie festhalten möchtest, dass sie nie mehr gehen. Man möchte beim Hören die Musik immer lauter machen, die Arme wie Flügel aufspannen und jeden einzelnen Ton und jedes Wort inhalieren. So unbeschreiblich gute Hymnen auf das Leben, das Lieben, das Weitermachen spielen Tomte.

Eigentlich war jedem, der „Hinter all diesen Fenstern“, das vorige Album, kennt und liebt, klar, dass auch das neue Album gut sein muss. Bot das im Jahre 2003 erschienene Album jede Menge Leid („Das war ich“), so gab es gegen Ende doch die klare Hymne, die das Leben bejahrt und den Anstoß zum neuen Album gab. Ich möchte gern wissen, wie viele Menschenleben „Die Schönheit der Chance“ gerettet hat. Ich vermute, es sind sehr viele! Und diese geretteten Seelen werden nun mit „Buchstaben über der Stadt“ gefüttert, so dass sie das Leben lieben lernen.

Thees Uhlmann ist nicht mehr von Gott verbrüht, er wird von den Menschen geliebt und er liebt einen Menschen, was er gleich zu Beginn des Albums in „Ich sang die ganze Zeit von dir“ offen raus singt. Beim ersten Anhören prägt sich wieder der Begriff „Tocotronic für Taubstumme“ ein. Doch die anfänglichen Zweifel verschwinden so schnell wie sie kamen. Stattdessen freut man sich so sehr über die neu gefundene Liebe und die schönste Liebeserklärung mit der schön-kitschigen Zeile: „Manche singen von Liebe, ich sang die ganze Zeit von dir“. Besonders hervorstechend bei dem Song ist das neue Bandmitglied Max Schröder, der durch sein minimalistisches, aber durchaus effektvolles Gitarrenspiel, das er bereits als Hund Marie bei Olli Schulz benutzt, auffällt und Tomte damit musikalisch endgültig auf den Olymp der herzzerreißenden Rockmusik bringt. Er ist es auch, der mit den Keyboards auf „So soll es sein“ einen von Tomte nie zuvor erzeuten Sound erschafft. Der Song, den Konzertgänger bereits als „Regieren“ kennen, war ursprünglich als Oasis-Rock-Brett angedacht, wurde aber glücklicherweise von den restlichen Musikern Dennis Becker (Gitarre), Oliver Koch (Bass) und Timo Bodenstein (Schlagzeug) durch die Tomte-Maschine gejagt, so dass eine großartige Rocknummer entstand.

Doch eigentlich erst, wenn „So soll es sein“ ausklingt, fängt das Album an. „Was den Himmel erhellt“, ein Song über Thees Umzug von Hamburg nach Berlin und ein Song, in dem Thees Uhlmann mal wieder auf seine musikalischen Stärken vertraut und einfach großartige Momente schafft. Mit dem geliehenen Songwriter-Werkzeugkasten von Olli Schulz erkämpft sich die Band Gänsehaut-Momente, wenn die Gitarre treffsicher über dem Gitarrenriff einschlägt, die Gitarren sich klug überschneiden, wenn man Thees jedes Wort von den Lippen ablesen möchte und man weiß, es leuchten nicht nur Buchstaben über der Stadt.

Was „New York“ für ein Lied ist, kann man auch nach mehrmaligem Hören einfach nicht sagen. Entweder eine Liebeserklärung an die Liebe oder Respekt für eine Stadt, die sich trotz gekränktem Herz und einer unglücklichen Stellung in der Weltöffentlichkeit nicht unterkriegen lässt. Doch sicher ist, dass sich bei diesem Lied Hoffnung manifestiert und man am liebsten selbst mit dem Sänger durch die „Stadt mit Loch“ gehen möchte, während er falsch singt und man ihm zusieht wie er ein „Sincereley Thees Uhlmann“ lallt. „Man fühlt sich als habe man die Liebe erfunden“, singt der Glückliche, doch die Liebe erfunden haben eher „Walter & Gail“, deren Denkmal erbaut werden musste. Der Song über ein altes Liebespaar, das von dem Tomte-Sänger besucht wird, ist wohl das persönlichste Lied, das Thees jemals geschrieben hat, auch wenn man es nicht unmittelbar wahrnimmt. Aber ein Text wie „Bei mir ist heile Haut, wo eine Wunde war. Es gibt Aufgaben, die zu erfüllen wären, den Traurigen die Welt erklären, dass ich meinen großen gelben Vogel fand, als die kanadische Band ihre traurigen Lieder sang“ kommt nicht von irgendwo her, sondern ist eher ein Wendepunkt, an dem man wieder anfängt, an die Liebe zu glauben. Ein sehr eindrucksvoller Moment, wenn man bei einem Liebespaar sieht, dass es tatsächlich die glückliche Liebe gibt. Von daher ein absolut gerechtfertiges Denkmal, dass „Walter & Gail“ hier gesetzt wurde. Allein wegen diesen Stellen wird dieses Album eines der großartigsten in diesem Jahr sein.

Weiterhin gibt es „Norden der Welt“, was gerade durch seinen melodischen Refrain eines der Konzerthighlights auf der kommenden Tour wird. Ebenso „Warum ich hier stehe“, das vor allem mit seinen pathetischen Bildern überwiegt, „Du flehst in Telefone, mit zum Himmel gereckter Hand“, und „Sie lachen zuerst und wir lachen auch“, das vor allem musikalisch wieder wunderbar untypisch und deshalb typisch Tomte ist. Das Akustikstück „Auf meinen Schultern“ ist die große Überraschung. Nicht nur, dass es mit brachialen Gitarren als Ballade hingerotzt wird und auf andere Instrumente verzichtet, so roh wie es klingt, es würde sogar als Rocksong funktionieren.

Den absoluten Höhepunkt schaffen Tomte dennoch mit „Geigen bei Wonderful World“. Ein kitschig-schönes Gitarrenintro harmoniert mit Timo Bodensteins Becken, Thees Uhlmann singt von Trombonen, die es gar nicht gibt, und Sven Regener spielt dazu Trompete. Ein Tribut an die schönsten Songs der Welt, dabei gehört „Geigen bei Wonderful World“ selbst dazu, wenn Thees voller Hoffnung und mit ein wenig Leid singt: „Und wenn man nur wüsste woher man kommt, wenn man nur wüsste wohin es einen unweigerlich führt und wann du mich das nächste Mal berührst mit den schönsten Songs der Welt durch das schönste aller Leben. Die Trombone bei Moon River, wie sie die Hoffnung erhellt, die Geigen bei Wonderful World. Ich lebe mich durch eines der schönsten Leben mit den schönsten Songs der Welt.“ Dazu eine wunderschön klare Gitarre von Dennis Becker, der ein wunderbares Solo vorführt, so dass selbst Leute, die nichts mit dieser Art von Musik anfangen können, Tomte plötzlich total gut finden.

Und allen voran steht wieder Thees Uhlmann, der quasi jedes Jahr „Darling des Jahres“ werden müsste: Letztes Jahr für den kichernden kleinen Jungen, der an der Treppe in „Keine Lieder über Liebe“ steht, dieses Jahr für die schönsten deutschsprachigen Songs seit Niels Frevert und vor allem, dass er es endlich geschafft hat seine ganz eigene Art von Musik zu perfektionieren und durchzusetzen. Denn so, wie man englische Songs nicht in deutsche umschreiben kann, kann man Tomte-Lieder nicht übersetzen, nicht nachspielen und nicht imitieren.

Anspieltipps:

  • New York
  • Walter & Gail
  • Norden der Welt
  • Geigen bei Wonderful World
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