Jenny Wilson - Love And Youth - Cover
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Jenny Wilson Love And Youth


  • Label: Cooperative/Rough Trade
  • Laufzeit: 50 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Was bewegt Menschen zum Kauf einer CD? Kennen sie die Band? Haben sie Werbung gesehen? Haben sie das Bedürfnis, Geld auszugeben? Oder hat sie das Cover dazu verleitet? Beim Durchstöbern eines Plattenladens trifft man nämlich immer wieder auf interessante Cover, die einem zum Kauf einer CD verleiten. Das kann in vielen Fällen gut ausgehen, aber auch dazu führen, dass das Cover das einzigst gute an eben dieser CD ist. Doch was sind Cover? Was symbolisieren sie? Was sagen sie aus? Cover sind einige der wenigen Wegweiser, die andeuten, was einem auf einer CD in etwa erwartet. Doch was erwartet man von einer CD, auf deren Cover eine Frau im Rollkragenpullover gezeigt wird, die mit ihrer Schminke nicht unbedingt sparsam umgeht und diese gnadenlos vom Auge in die Haare schmiert? Jenny Wilson heißt die 30jährige, aus Schweden stammende Musikerin; „Love And Youth“ nennt sich ihr Debütalbum.

„I was my own producer, engineer, my own teacher and my own pupil too! I sang and played every instrument“ – Diesen Lernweg kann man auch auf ihrem Album verfolgen. Selten waren Lieder auf einem Album derart unterschiedlich und experimentell. Dies hört man schon an dem Opener „Crazy summer", der sehr dunkel und bedrohlich aus den Boxen schallt. Beginnt der Track mit nur einem „Freak“igen „George Michael“-Getute, mischt sich nach wenigen Sekunden das erste mal Jenny's butterweiche Stimme in das Lied, untermalt von wabernden Harfenklängen. Erst nach der Hälfte des Liedes fügen sich Trommeln und Klatschen ein, ihre Stimme wandert das erste mal in atmosphärisch hohe Tonlagen, bis am Ende sanfte Gitarrenklänge und chorartige Gesänge das Lied zu Ende bringen. Zig Elemente in nur knapp drei Minuten Spielzeit; ein gigantischer Start, der Freude auf die kommenden Tracks macht.

Und während noch die sanften Harfenklänge in den Ohren klimpern, beginnt schon „Summer time - the roughest time“ mit einem sanften Drum-Solo, welches schon bald von Jenny's Stimme, mit der Wucht einer Brechstange aus Zuckerwatte, unterbrochen wird. Dazu mischen sich schon bald Gitarrensynthies und ihre Stimme entführt den Hörer in die weiten Sphären der Ruhe und Entspannung. Und in der Tat. Trotz vielen Elementen, wechselnden Stimmlagen und buntem Mixen von Synthesizern, wirkt das Album selten Überladen. Im Gegenteil: Der häufige und dennoch sparsame Gebrauch ihrer musikalischen Elemente kommen in so einer beruhigenden Art rüber, dass man gerne beim Hören die Augen schließt und sich von Jenny mitführen lässt in ihre Welt des bunten Synthie-Pop, in der sie dennoch stets abseits des Mainstream unterwegs ist.

Doch nicht nur musikalisch legt die Frau sich mächtig ins Zeug. So wurde das Video zu dem Ohrwurm-Song „Let my shoes lead me forward“ von einer dänischen Seite zu einem der 50. besten Videos 2005 gewählt. Wer das Video gesehen hat, wird wissen, wieso, denn der Clip ist so gewagt und einzigartig wie ihre Musik. Nach den ersten drei erheiternden und beruhigenden Tracks, schlägt Jenny erst einmal eine komplett andere Richtung ein. Die Songs „Those winters“ und „Bitter? No, I just love to complain“ beinhalten zwar sämtliche Komponenten der vorherigen Lieder, doch mit ihrer sanften Stimme, die sich wie ein Tuch über die Instrumente legt, schafft sie es, zu Beginn der Lieder eine bedrohlich erdrückende Stimmung zu erzeugen, um am Ende wieder in ihre leichte Heiterkeit zu wechseln. Klingt unglaublich, ist es auch. Denkt man im einen Moment, dass die Frau gleich in Melancholie erstickt, so kreiert sie wenige Sekunden später wieder diese unglaubliche Heiterkeit eines kleinen Kindes. Diese Unschuldigkeit verliert sie selbst dann nicht, wenn sie in „A hesitating cloud of despair“ mal ganz locker mit Gitarrensynthies im Hintergrund über eine „fucking whore“ singt. Auch Frau Wilson macht ihrem Unmut über vergangene Träume Luft, jedoch in einer solchen Art und Weise, dass man es ihr nicht verübeln mag, vor allem dann nicht, wenn man weiß, dass ihr großes Vorbild PJ Harvey ist.

Mit dem letzten Lied „Balcony smoker“ kommt dann ein weiteres, musikalisches und gesangliches Highlight zu Tage. Untermalt nur mit Piano und sanft wabernden Synthesizer-Klängen, singt sie ihren Herzschmerz von ihrer Seele, mit einer Stimme, die mehr als nur einmal Gänsehaut erzeugt. Ein absolutes Highlight. Am Ende bleibt dem Hörer ein Album, welches zum Träumen, entspannen und immer wieder Hören einlädt. Jenny Wilson hat ohne Zweifel ein gigantisches Talent und ein großes Spektrum an Ideen und musikalischen Inspirationen. In jedem Lied entdeckt man neue Ideen, neue Einflüsse, immer wieder hört man neue Dinge heraus.

Hier liegt aber auch ein kleiner Kritikpunkt, weshalb es nicht für die Höchstpunktzahl reicht. Man hat manchmal das Gefühl, dass Jenny nicht ganz weiß, was sie jetzt will. In einem Lied wirkt alles ruhig, gelassen, damit der Hörer danach wieder mit so vielen Instrumenten eingezäunt wird, nur damit der nächste Track wieder mit minimalster Besetzung auskommt. Hier sollte man entweder die Lieder besser ordnen, oder Frau Wilson sollte sich etwas mehr in eine Richtung orientieren, sich jedoch darauf nicht versteifen, da sie sonst ein großes Potenzial verschenkt, was bei ihrer grandios variablen Stimme wirklich Schade wäre.

Anspieltipps:

  • Love and Youth
  • Balcony Smoker
  • Let my shoes leed me forward
  • Summer Time - The Roughest Time
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