Annie - Anniemal - Cover
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Annie Anniemal


  • Label: 679 Records/WEA
  • Laufzeit: 46 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Selbst wenn man dem Lateinischen nicht mächtig ist, kann man manche Redewendungen aus dieser „toten“ Sprache übersetzen, da man sie dennoch oft in Zeitschriften oder in Filmen zu Hören bekommt. Angelina Jolie erwähnte in der Videospielverfilmung von Tomb Raider z.B. den Ausspruch „Tempus Fugit“, den sie kurz darauf auch sinngemäß mit „Die Zeit flieht“ übersetzte. Sonst gibt es unter den bekanntesten noch „Carpe Diem“, den sogar einmal ein gewisser Jimbo Jones, der in der Serie über die gelbste Familie der Welt eine Rolle als permanenter Mützenträger und Raufbold inne hat, an eine Häuserwand schmierte. Seit dem Barock wurde dieser Begriff – „Nutze den Tag“ – dem Vanitas-(Vergänglichkeits-) Gedanken gegenübergestellt, da die desillusionierte Bevölkerung nach dem Dreißigjährigen Krieg versuchte wieder Mut zu fassen um ihre zerstörten Existenzen neu aufzubauen.

Annie Lilia Berge Strand hätte wohl nicht gedacht, dass die beiden ersten Phrasen für sie einmal eine ähnliche wichtige Stelle in ihrem Leben einnehmen werden. Sie wuchs in Norwegen auf und gründete mit Suitcase ihre erste Band, die aufgrund der unterschiedlichen Genrevorlieben der Mitglieder, aber nicht lange standhielt, da man sich auf keinen gemeinsamen Nenner einigen konnte und sich Annie der Produktion von Trip Hop Tracks nicht widmen wollte. 1999 lernt sie Tore Andreas Krokne, der in Insiderkreisen unter dem Namen „Erot“ Dance Music praktizierte, kennen – die beiden werden ein Paar. Zusammen schufen sie den Song „Greatest Hit“, der auch über das Heimatland hinaus Anklang fand, aber trotzdem nur mäßigen Absatz vorweisen konnte. Nach einem weiteren Song („I will go on“) beschließen die beiden gemeinsam ein Album zu produzieren, zu dem es aber durch den frühen Tod von Tore 2001 aufgrund eines angeborenen Herzfehlers, nie kam. Die Zeit war zu schnell vergangen. Annie befand sich in einem Stimmungstief und wollte die Welt um sich herum vergessen und schottete sich von dieser ab. Nach einiger Zeit kam sie aber zu dem Entschluss, dass es besser wäre etwas sinnvolleres aus ihrem Leben zu machen, als vor sich hin zu vegetieren und ihrem verstorbenen Freund nachzutrauern. Er hätte es so gewollt.

Also begann sie an „Anniemal“ zu arbeiten und versuchte ihre Gedanken, Gefühle, Emotionen und alles was sie so bewegt in das Album zu packen. Unterstützt wurde sie durch niemand geringeren als den nordischen Klanglandschaftsplanern Röyksopp und zusammen mit Timo von Opl:Bastards produzierte sie das Debüt. Herausgekommen ist ein lockerer, mal tanzbarer, mal groovender Elektro-Pop, der zwar nicht immer überzeugen kann, aber auch Momente beinhaltet, die verzücken. So ist „Chewing Gum“ die fiepende und piepsende Antwort auf gesichtslose Plastikproduktionen einer Britney Spears. Die erste Single, die von „Anniemal“ veröffentlicht wurde, ist „Heartbeat“, an dem die Synthesizer im Gegensatz zu den vorangegangen Songs eine Pause einlegen und sich Annie mit ihrer, in den oberen Tonreihen befindlichen Stimme, hinzugesellt. Im Titeltrack kommt ihre Verspieltheit zum Ausdruck, wenn der aus „ba ba ba“ bestehende Refrain durch Sampling und Verzerrer konstruiert und somit zu einer einprägsamen Ohrwurmmelodie gemacht wird. Das, wie man es annehmen würde, ganz und gar nicht traurige Stück „Happy without you“, das für den verstorbenen Tore geschrieben wurde, wartet mit einer jaulenden E-Gitarre auf, die als einziges die Schmerzen zum Ausdruck bringt, die Annie wohl erst veranlasst haben den Track zu schreiben. Der schon veröffentlichte Disco-Knaller „Greatest Hit“, der sich einem Sample von Madonnas „Everybody“ bedient, ist ebenfalls auf dem Album enthalten und mit „Come Together“ befindet sich ein 8-minütiges Monster darauf, das sofort an Zeiten von Baccara und „Yes sir, I can boogie“ erinnert und das Herzstück der Platte bildet. Zum Ausklang gibt es noch das basslastige, beinahe downtempoartige „My best friend“ um zu zeigen, dass Annie es auch langsamer angehen kann.

Grob gesagt steckt in der Dame viel Potential, das sie aber in manchen Stücken zu selten einsetzt und z.B. „Helpless fool for love“ oder „No easy love“ in der Eintönigkeit ersticken lässt. Andererseits sind mit „Greatest Hit“, „Heartbeat“ und „Come together“ drei Tracks enthalten, die man als Freund von elektronischer Popmusik einfach mal gehört haben muss, da man sich der lockeren und unverkrampften Beschaffenheit nicht entziehen kann und die Suchtgefahr bei diesen ausgewählten Songs enorm ansteigt. Für das nächste Opus sollte die Dame dennoch ein bisschen fortbildenden Gesangsunterricht nehmen, weil die Qualität nicht selten auch durch die stimmlichen Patzer geschmälert wird. Diesmal sei es ihr aber noch einigermaßen verziehen, entstand das Album doch „ab imo pectore“ – von Herzen.

Anspieltipps:

  • Come Together
  • Heartbeat
  • Greatest Hit
  • Anniemal
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