At The Drive-In - Acrobatic Tenement - Cover
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At The Drive-In Acrobatic Tenement


  • Label: Flipside Records
  • Laufzeit: 32 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

„Cause baby we’ll be / At the drive-in / In the old man’s ford / Behind the bushes / Till I’m screamin’ for more / Down the basement / Lock the cellar door / And baby / Talk dirty to me”

1986 war ein Song namens „Talk dirty to me” auf dem Debütalbum “Look what the cat dragged in” der Band Poison enthalten. Mehrere Millionen ihres Erstlings gingen über die Ladentische und selbst in dem kleinen Kaff El Paso in Texas waren die Auswirkungen zu spüren, da sich dort einige Jahre später, genauer gesagt im Sommer 1994, zwei der bekanntesten lokalen Undergroundbands zusammenschlossen. Als Namen verwendeten sie die zweite Zeile des Refrains vom vorhin genannten Song, stilistisch waren Fugazi und Drive Like Jehu ihre Vorbilder: At the Drive-In erblickte das Licht der Musikwelt!

Zu dieser Zeit hatten sie noch keine Ahnung in welche Richtung sie diese Fusion führen sollte (und das sie einmal als die Helden des Post Hardcore gefeiert werden würden). Anfänglich machten weitläufige Spekulationen über den möglichen Fortbestand ihrer Band auch wenig Sinn, schließlich waren sie „nur“ einem kleinen Publikum bekannt, die örtlichen Kneipen dienten als Anlaufstelle für erste Auftritte. Mühsam wurde Dollar um Dollar zusammengespart um im November das eigene Label Western Breed zu gründen und gleich die erste Veröffentlichung „Hell Paso“ auf dem Fuß folgen zu lassen. Die 3-Track-EP umfasste die Songs „Grand mox turkin“, „Red planet“ und „Emptiness is a mule“, die mit ihren insgesamt knapp elf Minuten nicht sonderlich viel Staub aufwirbelte. Für umso mehr Begeisterung sorgten die Live-Auftritte, die der Fünfer in Texas mit der frisch gepressten Platte im Gepäck, absolvierte. Bereits einige Monate später im Juni 1995 stand der nächste Output ins Haus. Die Mini-LP „Alfare Vivo, Carajo!“ zeigte At the Drive-In in den fünf Stücken „Bradley Smith“, „Instigate the role“, „Ludvico Drive-In“, „Circuit Scene“ und „Plastic memories“ von einer spieltechnisch deutlich gereifteren Seite, was auf die Masse an Konzerten im (zu dieser Zeit) äußerst bescheidenem Rahmen zurückzuführen ist. Ein weiteres Mal packte das Quintett seine Sachen und kaufte sich sogar einen 81-er Ford Econoline um ausgiebiger und intensiver touren zu können.

Irgendwo geschah es dann auf dieser selbst organisierten Fahrt durch Wüstenlandschaften, Kleinststädte und verrauchte Bars, 16.000 Kilometer quer durch die Vereinigten Staaten. Ein paar Mitarbeiter von Flipside Records hatten sich vorgenommen, nach einem harten Tag im Büro, einem Act beizuwohnen, der sich At the Drive-In nannte. Vollkommen überwältigt von der Wucht die sie da traf, wollte der Manager von Flipside, Blaze James, diese Band unbedingt unter Vertrag nehmen und die ungezügelte Kraft ihres Auftrittes auf CD bannen. Das ließ sich der in ihrer derzeitigen Besetzung aus Omar Rodriguez (Bass), Cedric Bixler (Gesang), Jim Ward (Gitarre, Gesang), Ryan Sawyer (Schlagzeug) und Adam Amparan (Gitarre) bestehende Fünfer nicht zweimal sagen und so wurde „Acrobatic Tenement“ während ein paar Tagen in den Commercial Soundworks Studios in Hollywood, Kalifornien Ende Juli 1996 aufgenommen. Der erste Longplayer von At the Drive-In wird lässig und unverkrampft mit „Starslight“ und der Zeile „Sailing all alone“, die Jim Ward mehr lallt als singt, eröffnet. Außerdem gibt der Song gleich das Tempo und den Stil vor, der sich über die etwas mehr als eine halbe Stunde erstrecken wird: Ein aus einer Jamsession infiziertes Schlagzeug, das aufgrund der beschränkten Möglichkeiten, die die Jungs damals hatten und durch die leicht dumpfe Aufnahme, in der Bassregion poltert und ansonsten einen regelrecht scheppernden Klang aufweist. An der Darbietung von Sawyer gibt es allerdings nichts auszusetzen, er meistert seine Aufgabe souverän. Das gilt auch für die Gitarren- und Bassabteilung, die zwar noch nicht viel mit dem späteren Sound zu tun hat, aber durchaus als solide gewertet werden darf.

Wirklich bemerkenswert hingegen ist die stimmliche Leistung von Cedric Bixler, der sich den Klängen perfekt anpasst und viele der Songs erst durch sein Organ zu etwas Besonderem macht. Nach dem punkig angehauchten Beginn in „Schaffino“ durchläuft Bixler eine Tour de Force durch das komplette Arsenal seiner Stimme: Gepresst, leidend, laut, kreischend, klar, sanft. Bereits da ist einem bewusst, dass ihm eine erfolgreiche Karriere bevorsteht, auch wenn nicht immer die Töne getroffen werden. „Embroglio“ verarbeitet den vor einigen Monaten begangenen Suizid von Julio Venegas („I had a friend who died for something he really loved / I had a friend who stood for none of the above / I had a friend whose experience was riddled with scars / Who got drunk one night in the trunk of louie p.'s car”), der seit Beginn als Gitarrist dabei war und durch Adam Amparan ersetzt wurde. Der nachfolgende Track „Initiation” kann als Vorzeichen zum späteren Verlauf der Band gesehen werden, dass vor allem durch die Laut-Leise Phrasierung überzeugt und zu einem der Höhepunkte gehört. Dem flotten „Communication Drive-In“ folgt das mit eingestreuten Breaks spielende „Skips on the record“, die auf weiteren Alben zur Perfektion getrieben werden. „Paid vacation time“, „Ticklish“, „Blue tag“ und „Coating of arms“ beginnen beinahe ausnahmslos mit einem leisen Intro und geben spätestens nach 30 Sekunden richtig Gas. Der letzte Track „Porfirio Diaz“, der sich fingerzeigend den Auswüchsen des Snobismus nähert, vereint das bisher Gehörte und fällt durch einen gequälten Bixler auf, der zu Beginn des Songs gepeinigt die Stelle „Rich kids of the world unite!“ vorträgt um vom Schlagzeug regelrecht erschlagen zu werden.

Richtig laut, kraftvoll, energisch und experimentierfreudig waren At the Drive-In auf ihrem Debütalbum noch nicht. „Acrobatic tenement“ gibt vielmehr einen guten Einblick über die Anfänge einer Band, der noch Großes bevorsteht und die als Kultband in die Musikgeschichte eingehen wird. Die elf Songs, die rein musikalisch betrachtet als durchschnittlich angesehen werden können, wurden mit hauptsächlich „billigem“ Equipment eingespielt. Durch die schon damals grandiose Leistung von Cedric Bixler und einiger verwendeter technischer Spielereien, die in ihrer frühen Form nicht gänzlich überzeugen, aber auf späteren Platten virtuos eingesetzt werden, wird die Platte allerdings auf ein Niveau oberhalb des Durchschnitts gehoben. Für Gelegenheitsfans, die gerade einmal den letzten Output „Relationship of command“ besitzen, sollte diese LP einmal zu vergleichenden Zwecken herangezogen werden. Die anderen werden sie aller Voraussicht nach schon im Regal stehen haben.

Anspieltipps:

  • Embroglio
  • Inititation
  • Porfirio Diaz
  • Ticklish
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