At The Drive-In - In Casino Out - Cover
Große Ansicht

At The Drive-In In Casino Out


  • Label: Fearless Records/ROUGH TRADE
  • Laufzeit: 39 Minuten
Artikel teilen:
8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Acrobatic tenement“ waren At the Drive-In ununterbrochen und ausgiebig am Touren. Ryan Sawyer und Adam Amparan wurde es zuviel und Paul Hinojos und Tony Hajjar ersetzten die Beiden. Somit stand mit Cedric Bixler (Gesang), Jim Ward (Gitarre, Gesang), Omar Rodriguez (Gitarre), Paul Hinojos (Bass) und Tony Hajjar (Schlagzeug) die bis zu ihrer Auflösung gleichbleibende Formation bestehen. Mit diesem endgültigen Lineup war auch die multikulturelle Durchmischung innerhalb der Band am Größten: Cedric und Paul hatten mexikanische Vorfahren, Omar kam ursprünglich aus Puerto Rico, Tony aus dem Libanon und Jim aus Texas. Ohne Ward, der etwas länger als ein Monat nach der letzten Tour Pause machen wollte, begannen sie dann die Arbeiten zu einer EP, die den Namen „El Gran Orgo“ tragen sollte und im September 1997 veröffentlicht wurde. Die darauf enthaltenen Stücke „Give it a name“, „Honest to a fault“, „Winter month novelty“, „Intermission“, „Fahrenheit“, „Picket fence cartel“ und „Speechless“ klangen ausgefeilter, gewagter und schroffer – der klassische AtD-I Klang war beinahe zur Gänze ausgereift. Die Songs waren melodischer und bekamen durch eine Verfeinerung der emotionellen Strukturen mehr musikalische Tiefe.

Während sie wieder zu fünft Konzerte geben, geht ihr bisheriges Label Flipside Records pleite und At the Drive-In machen sich auf der Suche nach einem neuen Vertrag. Trotz der zunehmenden Fangemeinde wollte sie keine Plattenfirma unterschreiben lassen. Enttäuscht wollte beinahe das Handtuch geworfen werden als Fearless Records, die sonst kommerziellen Punkmusiker betreut, die Band unter die Fittiche nehmen. Fleißig wurden Songs für eine zweite LP geschrieben. Einige Zeit später wurde „In/Casino/Out“ zwischen dem 3. und 10. Juni in den Messanger Studios in Hollywood, Kalifornien aufgenommen. Um ihren kraftvollen Live-Sound besser auf Platte zu bannen spielten sie das komplette Album live ein. Herausgekommen ist eine explosive Mischung aus Rock, Punk und Emocore, die richtig vermengt das Klangerlebnis bietet, das Zuschauer bei einem Konzert empfinden. Dem günstigeren Equipment ist teureres gewichen, das dem Hörer eine druckvollere Darbietung beschert.

Gleich in „Alpha Centauri“ wird man von dem, was aus den Boxen dröhnt, fasziniert und gleichzeitig erdrückt. Irgendwie scheint das Ganze keine Struktur zu haben, doch nach einem Hördurchgang ist die anfängliche Skepsis verflogen und es erschließen sich einem die wunderbarsten Kreationen. Da werden Frequenzüberlagerungen als melodischer Hintergrund genommen, das Schlagzeug prescht nach vor, nimmt das Tempo zurück, nur um nochmals kräftig mitzumischen und die Gitarren steigern sich in ein Tempo, das nicht mehr wahrgenommen wird. „Chanbara“ zeugt von der Perfektion der Pausensetzung, „Hulahoop wounds“ vom eigentümlichen Aufbau ihrer Songs, „Napoleon solo“ beherbergt die unvergessene Zeile „This is forever“ mit dem die Band unbewusst ihren Kultstatus besingt und in „Pickpocket“ und „For now..we toast“ beginnt der Fuß unaufgefordert im Takt zu wippen. “A devil among the tailors” spielt wiederum mit Breaks und elektronischer Spielerei, „Shaking hand incision” macht seinem Namen alle Ehre und „Lopsided“ begeistert als ruhiger, melodischer Track. Zum ersten Mal erklingt dann im melancholischen Stück „Hourglass“ ein Piano, das Bixler in seinen stimmlichen Ausbrüchen unterstützt und mit der Gitarreneruption gegen Ende zu einem der traurigsten Stücke von At the Drive-In gemacht wird. Der Abschluss „Transatlantic foe“ brilliert durch Tempowechsel und rundet den beinahe perfekten Gesamteindruck des Albums ab.

Mit „In/Casino/Out“ hat der Fünfer endlich seinen Stil gefunden und überzeugt mit gelungenen Soundkreationen und einem virtuosen Zusammenspiel der einzelnen Mitglieder untereinander. Es ist bemerkenswert welchen Fortschritt At the Drive-In innerhalb von 4 Jahren gemacht haben. Von einer texanischen Undergroundband wurden sie mit ihrem zweiten Album schon als neue Hoffnung für die Musikwelt bezeichnet und in vielen Magazinen als DIE große Neuentdeckung gefeiert. Sie spielten einige Konzerte zusammen mit Genrekollegen, andere als Headliner. Wenn man bedenkt, dass mit dem Bankrott ihres vorigen Labels dieses Album beinahe nicht eingespielt worden wäre und auch keine weiteren Platten produziert worden wären, muss die Fortuna der Musik irgendwo in El Paso, Texas wohnen.

Anspieltipps:

  • Chanbara
  • Lopsided
  • Napoleon Solo
  • Hourglass
Neue Kritiken im Genre „Post Hardcore“
6.5/10

Live II
  • 2015    
7.5/10

Dude Incredible
  • 2014    
Diskutiere über „At The Drive-In“
comments powered by Disqus