Coup deBam - Coup deBam - Cover
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Coup deBam Coup deBam


  • Label: Couch Rec./SOULFOOD
  • Laufzeit: 46 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Was tun wenn schon alles da gewesene ausprobiert, jedes Genre aufs Äußerste beansprucht wurde, die verschiedensten Stile untereinander vermischt (mit mehr oder weniger glücklichem Ausgang – siehe MTV Mash-Reihe) und alle Konventionen und Regeln gesprengt wurden? Na klar! Der schlaue Künstler fährt in fremde Länder und schaut sich an, was dort denn gerade so angesagt ist. Ja wieso denn auch nicht wie die Beatles eine Sitar in einen Popsong einbauen („Norwegian Wood“) oder gleich in einer komplett anderen Tonart spielen? Dieses Prinzip wird in der Filmbranche schließlich schon seit Jahren angewendet. Remakes oder Originale von japanischen Horrorstreifen (z.B. Ring, Dark Water) und Auseinandersetzungen mit bzw. Einflüsse von unter anderem asiatischen Kulturen (z.B. Last Samurai, Kill Bill) sind beliebter denn je. Meistens hängt die Verwendung des Stoffes auch von den Vorlieben des jeweiligen Produzenten oder des Regisseurs ab, aber die verstärkte Verwendung und die Einbeziehung fremder Kulturen ist nicht von der Hand zu weisen.

Im Musikbusiness kann es trotzdem durchaus vorkommen, dass ein unerforschter Bereich plötzlich komplett angesagt ist und von den großen Künstlern der Gegenwart komplett verschlafen wird. So haben die Musikbegeisterten nur auf einen Titel wie „Mundian to bach ke“ (von Panjabi MC) gewartet, nur wussten sie es noch nicht, da es keinen vergleichbaren Musikstil bis dahin gab. Der neu erfundene Begriff „Banghra-Pop“ konnte in diesem Zusammenhang vernommen werden. Anfang 2005 erlangte die Kommerzialisierung dessen durch die Fusion von orientalisch angehauchten Samples und tanzbaren Beats im Kracher „Galvanize“ des britischen Big Beat-Duos The Chemical Brothers ihren Höhepunkt. Für viele war der Track „Song des Jahres“.

Im neuen Jahr erwartet uns nun gleich zu Beginn eine perfekt gelungene Verschmelzung von Morgen- und Abendland. Diesmal allerdings nicht um den Partyhengst zu befriedigen, sondern um es sich auf dem heimischen Sofa gemütlich zu machen und in ferne Länder, ohne Bedienung der üblichen Klischees, verreisen zu können – genauer gesagt in den anatolischen Bereich. Verantwortlich dafür zeichnet sich das türkisch-österreichische Künstlerkollektiv Coup De Bam, bestehend aus Özden Öksüz, Metin Yilmaz und Wilko Goriany. Die Platte ist aber keinesfalls ein Produkt von unerfahrenen Neulingen, sondern führt alteingesessene Musiker zusammen, die schon länger gemeinsame Wege beschreiten. „Özden und ich kennen uns seit 15 Jahren und von MC Sultan. Da haben wir mit Vlado und Mario (Dzihan & Kamien) zusammen gespielt. Danach haben wir zwei das Projekt Eden gemacht, hauptsächlich für die Türkei. Das war 2000. Wir leben aber in Österreich und wollten weitermachen. Irgendwann ist Vlado gekommen und hat gesagt, er kennt einen guten Typ, er möchte uns zusammenbringen. So ist Coup De Bam entstanden“ sagt Yilmaz.

Vertraglich durften sie neben Dzihan & Kamien, Cay Taylan und De Vibroluxe bei Couch Records Platz nehmen und fühlen sich pudelwohl. Die zehn Tracks, die in Wien, Istanbul und Hamburg aufgenommen wurden, bieten eine dreiviertel Stunde gepflegte, entspannte Dancemusik mit einer Mixtur aus österreichischer Gelassenheit, türkischem Feuer und einer Prise sehnsüchtiger Melancholie. Ganz im Sinne des Trios fallen die einzelnen Stücke nicht aufdringlich mit der Tür ins Haus, sondern suchen sich langsam und bedächtig den Weg in die Ohrmuschel. Nach mehreren Durchläufen ertappt man sich dann zu Stücken wie „Find Me“, „Love Taksim“ oder „Oynasana“ mit dem Fuß wippend, summend und ganz und gar dem Groove erlegen.

Die verwendeten Instrumente wurden live und großteils durch Coup De Bam selber oder durch Unterstützung von Darbuka-Spieler Ahmet Misirli aufgezeichnet, was darauf zurückzuführen ist, dass sie trotz des fortgeschrittenen Computerzeitalters ihre gesamte Arbeit nicht in die Hände einer Maschine, sondern lieber in einen Menschen aus Fleisch und Blut legen wollen. Daraus resultierte ein beinahe dreieinhalbjähriger Entstehungsprozess, in dem an den Songs so lange herumgebastelt und –getüftelt wurde, bis sich alle Drei einig waren, dass die vorhandene Version definitiv die finale sei. Öksüz meint dazu: „Die geilsten Momente sind, wenn einer zuhause sitzt und der andere im Studio ruft ihn an und sagt „Hey, da passiert was!“ und alle treffen sich dann vielleicht um zwölf in der Nacht im Studio. Zum Beispiel als wir mit Madita „Too Soon“ aufgenommen haben. Wilko hat sie zufällig getroffen und sie haben angefangen, ich hab einen Anruf bekommen u.s.w. Innerhalb einer halben Stunde waren wir alle da. Im Endeffekt haben wir von dieser Session gar nicht so viel genommen, aber allein dieser Moment war entscheidend für die Nummer.“ Von einem gefühlskalten oder emotionslosen Werk kann in diesem Zusammenhang getrost nicht die Rede sein. Vielmehr schaffen es Coup De Bam in der gesamten dreiviertel Stunde, trotz der Verwendung von Samples und elektronischem Beiwerk, der Platte in jeder Sekunde anmerken zu lassen, dass sich Menschen hinter der Produktion befinden, die von dem was sie tun Ahnung haben.

Für den Gesang war Neuentdeckung Barbara Bandi („sie hat mich auf einer Party angesprochen, sie könne singen“), Cloud Tissa, Ahmet Misirli und, wie schon erwähnt, Madita zuständig. Letztere hat vergangenen Oktober ihr selbstbetiteltes Debüt abgeliefert, das ebenfalls auf Couch Records erschienen, vom Rolling Stone als „Top 10 Album des Jahres 2005“ gepriesen wurde. Keine schlechten Voraussetzungen also, dass es Coup De Bam ähnlich ergehen wird. In den österreichischen Clubnetwork-Charts kletterte die erste Auskoppelung „Seirenes/Esta Direccion“ bis auf das silberne Treppchen und nach einigen Hördurchgängen kann dem Debüt des anatolisch-alpenländischen Dreiers nur das Schild „Geheimtip“ umgehängt werden. Alles andere wäre angesichts des vorliegenden Materials nicht gerechtfertigt und sollte auf keinen Fall verschlafen werden.

Anspieltipps:

  • Find Me
  • Too Soon
  • Oynasana
  • Mellow M.
  • Esta Direccion
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