Rodrigo Leão - Cinema - Cover
Große Ansicht

Rodrigo Leão Cinema


  • Label: Columbia/SonyBMG
  • Laufzeit: 49 Minuten
Artikel teilen:
6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Kein Song auf „Cinema“ ruft wirkliche Emotionen beim Hören hervor.

Kann man ein Konzeptalbum mögen, ohne das zugrunde liegende Konzept zu verstehen? Rodrigo Leão, einstiger Gründer der Fado-Pop-Band Madredeus, hat ein Album mit Filmmusik aufgenommen. So weit so gut. Dass es sich dabei um keinen Film-Soundtrack handelt, so viel kriegt man noch mit. Dass auf dem Album „Cinema“ aber Tracks wie „Jeux d’Amour“, „Deep Blue“ befinden, deren Titel eindeutig auf die gleichnamigen Filmklassiker verweisen, ohne dass sich im Booklet an irgendeiner Stelle ein genauer Verweis auf die Filme findet, irritiert dann doch ein wenig. Und so stellen sich dem Film-Laien ein paar Fragen: Welchen Bezug hat der Filmkomponist Leão zu den gelisteten Filmen? Handelt es sich bei den Tracks auf „Cinema“ um bearbeitete Originalscores oder sind dies etwa frei inspirierte Stücke?

Rodrigo Leão ist zweifellos ein erfahrener Mann in Sachen Filmmusik. Immerhin hat ein Soundtrack ihn einst berühmt gemacht: zusammen mit Madredeus spielte er 1994 für den Wenders-Film „Lisbon Story“ die Musik ein und trug damit maßgeblich dazu bei, dass der melancholische Fado weit über die Grenzen Portugals hinaus bekannt wurde. Die Wege von Leão und Madredeus trennten sich trotz des Erfolgs kurze Zeit später. Leão nahm in der Folge Solo-Platten mit mystischer Musik und lateinischen Texten auf, vertonte später Gedichte eines greisen Surrealisten und entdeckte erst auf seinem letzten Studioalbum „Alma Mater“ allmählich, dass Musik auch fröhlich klingen kann. Die Veröffentlichung dieses letzten Albums ist mittlerweile fünf Jahre her. Und auch „Cinema“ erschien in Portugal bereits vor fast zwei Jahren – und stieg dort sofort auf Platz 1 der Charts.

So viel zur Einordnung. Doch vielleicht macht es ohnehin mehr Sinn, sich dem sechsten Soloalbum von Portugals viel gerühmtem Crossover-Spezialisten ganz naiv über das Gehörte zu nähern und die Frage nach dem Ursprung des Songmaterials einmal ganz hinten an zu stellen. Atmosphärisch changiert „Cinema“ zwischen verträumt und verspielt. Musikalisch zwischen instrumentalem Pathos („Cinema“) und beschwingtem Chanson – so etwa der Walzer „La Fête“. Angereichert mit einer impressionistischen Klavier-Träumerei („António“) hier und einer Akkordeon-Weise mit Musetten-Charme („Memórias“) dort. Anders allerdings als etwa Yann Tiersen, der auf seinen Alben meist zu einem ähnlichen Stil-Mischunsgverhältnis kommt, ist Leão stets peinlich bemüht, diese stilistische Vielfältigkeit bloß in kein Extrem zu führen – und hier liegt das Problem von „Cinema“: Sanft schaukelt sich Leão von Song zu Song, ein unaufdringliches Arrangements folgt dem nächsten, die Moll-Dur-Bilanz bleibt dabei stets ausgewogen. Dazu ein ordentlicher Streicher- und Synthesizer-Einsatz, der nie zu schwermütig, aber auch nie zu übermütig daherkommt. So ist letztlich kein Stück auf „Cinema“ abgrundtief misslungen, keines ruft allerdings auch wirkliche Emotionen beim Hören hervor.

Daran kann denn auch die beeindruckende Riege an Gaststars nichts ändern, die Leão um sich versammelt hat. Trotzdem leidet Ex-Portishead-Sängerin Beth Gibbons zugegebenermaßen gekonnt zu folkloristischen Balkan-Rhythmen in „Lonely Carousel“, während die Brasilianerin Rosa Passos in „Rosa“ über dezenten Pop-Akkorden schwelgt und mit dem japanischen Multiinstrumentalist Ryuichi Sakamoto auch ein durchaus inspirierter Pianist zu hören ist.

Anspieltipps:

  • Rosa
  • Jeux D’amour
  • Lonely Carousel
Neue Kritiken im Genre „Songwriter-Pop“
6.5/10

Querfeldein
  • 2017    
Diskutiere über „Rodrigo Leão“
comments powered by Disqus