Voltaire - Heute Ist Jeder Tag - Cover
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Voltaire Heute Ist Jeder Tag


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 60 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Eigentlich sollten sich Voltaire letzten Sommer eine ereignisreiche Schlacht mit Madsen liefern, wer das beste deutschsprachige Debütalbum 2005 herausbringt. Stattdessen unterwarf sich die Bonner Band den Wendländern und wurde Vorband auf der großen Herbsttour. Doch, dass dies bloß das Zurückschalten vor dem lauten Überholen war, waren nur wenige, u.a. die kleine Fangemeinde um Roland Meyer de Voltaire (Gitarre, Gesang), David Schlechtriemen (Schlagzeug), Hedayet Djeddikar (Klavier), Marian Menge (Gitarre) und Rudolf M. Frauenberger (Bass), bereit einzusehen. Wer die hoch angesehene Flut-EP, die die Herren im Herbst 2004 veröffentlichten, für sich entdeckt hatte und die Band auf ihrer kleinen Sommertour mit ihrem großartigen Songmaterial hören durfte, wartete die immer wieder verschobene Album-Veröffentlichung tapfer ab. Nun, da das Album doch endlich ihren Weg über den Laden in die Hände der Fans geschafft hat, stellt sich natürlich die Frage, ob das lange Warten das wirklich wert war?

Nun ja: Voltaire befinden sich auf der Überholspur und winken gerade Nationalgalerie und Selig zu. Doch nicht nur musikalisch ist eine Verwandtschaft dieser beiden großen deutschsprachigen Bands mit Voltaire einzugestehen. Die Texte des Frontmanns Roland Meyer de Voltaire stehen irgendwo zwischen denen von Niels Frevert (Ex-Nationalgalerie) und dem jungen Jan Plewka. Mit einer zusätzlichen Eigenschaft kann sich der Sänger sogar spielend leicht in dieser Liga etablieren: Mit seiner Auswahl von gewaltigen und schweren Wörtern schafft es Voltaire jeder einzelnen Zeile ein Bleigewicht anzuhängen.

„Die Sprechblase ist geplatzt, von einer inneren Reform geweckt“ sind gleich die ersten Worte des Openers „Zu schön“ und lassen auch nach weiteren Zeilen einen fragenden, aber sehr zufriedenen Hörer zurück. Ein Hörer, der sich in die Worte „Gib mir Feuer, gib mir Licht, mit der Glut flieg ich dann von hier“ („Asche) verliebt und den gleichen Tanz tanzt, wie derweil Gitarrist Marian Menge auf seinen Effektgeräten. „Asche“ ist deutlich mehr als das kleine Liedchen mit dem schönen Text. Poetisch-treibend beginnt es, lyrisch und musikalisch, wird hymnisch, zerbricht, und baut sich zu einem der stärksten Lieder des Albums auf, indem es scheint, als würde die Band gegen einen ganzen Sturm aus Asche ansingen müssen. Und gleitet dann doch sanft in die einleitenden Gitarren von „Flut“.

Anfangs war man als Fan beim ersten Blick auf die Trackliste enttäuscht, weil so viele Lieder weggelassen wurden. Es ist schon verkraftbar, dass „Premiere“, „Rolex“ und „Frühstück“ fehlen, denn schließlich sind sie bereits veröffentlicht und die beiden Songs die sowohl auf der Flut-EP als auch auf dem Album stehen („Flut“, „Vampir“), bieten wenig Neues. Schade ist es allerdings um „Sonne“, das zeitweise als Download auf der bandeigenen Homepage zu finden war. Zumal es, vielleicht im Gegensatz zu „Premiere“ und „Frühstück“, mit den anderen Songs des Albums harmoniert. Hört man sich „Wie du willst“ an, möchte man sofort an „Unconditional“ von The Bravery denken, weil man selten Schweineorgeln hört, die melodisch den Ton angeben. Doch Voltaire gehen sehr viel geschickter an diese schwierige Kombination ran und schließen nach dem krachenden Refrain einen langsamen Teil an, worauf keine Orgel, sondern nur noch eine satte Gitarre folgt.

Hört man hingegen die erste Sekunden von „Kleines Mädchen“, wird man gleich an Voltaires eigenes Stück „Rolex“ erinnert. Rolands Stimme, die teilweise an Thom York erinnert, ergänzt sich hervorragend mit den Streichern. Überhaupt muss man Voltaire vorwerfen Ähnlichkeit mit der britischen Band zu haben. Sei es Rolands sehr hoch gehende Stimme, die er oft als gelungenes Stilmittel und Steigerung einsetzt, oder hier und da die Effekt-Stürme („Asche“). Und so wie in „Flut“ zum Schluss der Song mit einer Gitarre zersägt wird, schaffte bislang nur Jonny Greenwood in „Paranoid Android“. Zusammenfassend trifft es vermutlich die Single „Augen zu“, die in einem Paralleluniversum von Radiohead geschrieben worden wäre, irgendwann zwischen „The Bends“ und „Amnasiac“. Glücklicherweise ist diese schöne Ballade mit einem deutschem Text versehen, denn die Worte sind bei Voltaire eine genauso starke Waffe, wie ihre Musik. Das schöne an dem Debütalbum von Voltaire ist, dass man zu jeder Zeit merkt, dass jeder der Bandmitglieder soviel Schweiß in jeden einzelnen Songs gesteckt hat, wie es nur ging. Und so endet das Album mit der Erschöpfung „Dummy“. Ein Keyboard, eine beißende Gitarre, eine Stimme, das Klopfen eines Herzens. „Meine Arme brauche ich nicht mehr“ wird gesungen und der Sänger demontiert sich selbst und es herrscht Stille.

Getroffen haben sich der studierte Jazzgitarrist Marian Menge und Roland Meyer de Voltaire in der Bahn von Bonn nach Köln und Demos ausgetauscht. Seitdem arbeiten sich Voltaire auf den Bühnen Deutschlands ab. Und haben zusammen mit ihren Kollegen das wunderbare Album aufgenommen, dem man nur vorwerfen könnte, dass es komplett durchkomponiert wirkt, es scheint nicht einen Schlag auf die Drums zu geben, der nicht bedacht ist und dessen Konsequenzen nicht abgewogen sind. Keine Frage, eine Folgerung aus der langen Entstehungszeit. Dazu kommt, dass das Album komplett analog aufgenommen wurde, was heutzutage unüblich ist. Stattdessen hat man sich lieber entschieden das gute alte Tonband dem Computer vorzuziehen, was digitale Nachbearbeitungen schwieriger machen, die es dann auch gar nicht gab. Und wer dann noch Kevin Metcalfe und Gordon Vicary, die bereits mit Queen und Bowie gearbeitet haben, zusätzlich an die Bänder lässt, braucht auch mehr Zeit. Das sagte sich garantiert auch die Plattenfirma, als sie einsah, dass das Material überdurchschnittlich gut war und so behandelt sie Voltaire auch in der Promotion. Seriöse Fotos, sehr minimalistisch und realistisch, und weit entfernt von der vorigen Richtung des Bedeutungsschweren, offensichtlich Tiefgründigen. Stattdessen posiert die Band mit glatten Haare und schicker Kleidung, als wolle man hier eindeutig sagen „Hier kommt die nächste große Band.“ So Unrecht hat niemand mit der Aussage, solange der Erfolg nicht ausbleibt.

Voltaire sind die erste deutschsprachige Band seit Jahren, deren Musik nicht deutsch, sondern international klingt. Ersetzt man jedes deutsche Wort durch ein englisches oder französisches, Sänger Meyer de Voltaire würde es nicht anders behandeln und das ist der große Unterschied zu anderen deutschsprachigen Bands. Und deshalb steht dieser Band auch eine große Zukunft bevor.

Anspieltipps:

  • Zu schön
  • Asche
  • Flut
  • Augen zu
  • Kleines Mädchen
  • Dummy
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