Placebo - Meds - Cover
Große Ansicht

Placebo Meds


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 48 Minuten
Artikel teilen:
8.5/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Frage „Was soll da noch kommen?“ darf wieder gestellt werden.

Düsternis, Perversion, Schwermut, Einsamkeit, Trauer, Depression – die Assoziationen und Themen, die mit Placebo verbunden werden sind zweifelsohne keine fröhlichen. An ihnen haftet der bittere Beigeschmack von Verzweiflung und physischer Obsession, der durch die wehklagende Stimme von Exzentriker Brian Molko in Tiefen blicken lässt, die so manchen Song zu einem todtraurigen Exempel der menschlichen Psyche macht. Ihr Debüt lieferten sie 1996, das noch keine klar definierten Grenzen ihres Sounds enthielt. „Placebo“ sollte der Eintritt einer Band ins Musikbusiness sein, die ihren weiteren Weg durch die Resonanzen der Hörer bestimmen wollten. Der Nachfolger „Without you I´m nothing“ (1998) umfasste dann nicht nur zum ersten Mal die fixe Besetzung bestehend aus Brian Molko (Gesang, Gitarre), Stefan Olsdal (Bass), Steve Hewitt (Schlagzeug), sondern auch einen eigenen gitarrenbetonten Klang, der die weiteren Werke „Black market music“ (2000) und „Sleeping with ghosts“ (2003) in Perfektion weiter prägte. Durch stete Experimentierfreude gelangten Hip Hop- und elektronische Elemente in ihr Schaffen und verfeinerten die Songstrukturen. Die wissbegierige und zugleich zögerliche Frage „Was soll da noch kommen?“ stellten sich vor allem die abertausend Fans, die spätestens seit der Top-Single „Every you every me“ (vom „Without you I´m nothing“-Album), die nicht zuletzt aufgrund der Präsenz im Kinostreifen „Eiskalte Engel“ Aufmerksamkeit auf sich zog, zu der Anhängerschaft der Scheinmedikamente gehörte.

Eine Antwort gibt nun „Meds“, das im Sommer 2004 innerhalb von vier Monaten in den Rak Studios mit Produzent Dimitri Tikovoi aufgenommen und von Flood (U2, Smashing Pumpkins) abgemischt wurde. Das Vorhaben, noch mehr Elektronik als auf dem Vorgänger unterzubringen, wurde wegen Tokovoi nicht umgesetzt, dieser wollte einen viel rockigeren und natürlicheren Sound kreieren. „Dimitris Idee bei diesem Album war, dass wir quasi wieder ein Debütalbum machen sollten.“, erklärt Brian. „Er wollte uns aus unserer gemütlichen Ecke rausholen, uns herausfordern, Placebo wieder in gefährliche Gewässer treiben. Das Studio Rak ist wie ein Zeittunnel, es hat sich dort seit den 70ern oder 80ern nicht viel geändert. Bei den Aufnahmen fühlt man sich weniger wie in einem digitalen Raumschiff, sondern alles konzentriert sich auf die Performance. Also kehrten wir zu einem der Grundelemente von Placebo zurück. Wenn wir sonst vielleicht ein teures altes Keyboard benutzt hätten, haben wir diesmal einfach Klavier gespielt. Ich glaube, wir haben im Laufe der Zeit den Ruf gewonnen, ziemlich kompliziert zu sein. Wir haben also die Freiheit genossen, uns wieder mit ganz grundlegenden Dingen zu beschäftigen. Wir haben nun mehr Platz gelassen, damit das Songwriting noch durchschimmert, anstatt zu beweisen, wie geschickt wir sind und wie toll wir uns mit Studiotechnik auskennen. Unser Ziel war Einfachheit statt Elaboration.“

Zurück zu den Wurzeln, „Meds“ als Synonym für Medikamente, für den Namen Placebo, der schon für das Erstlingswerk verwendet wurde. Brian Molko legt auf dem fünften Output mehr Elegie in die Stimme, lässt sie aber nicht überhand gewinnen, verfällt durch den Gesang in Trance – die Zeile „You love the song but not the singer“ (aus „I know“) wird ins Gegenteil gekehrt. „Jedes Album lief ein bisschen besser als der Vorgänger, also war es für uns kein großer Schock. Wir haben in den Jahren unser Handwerk gelernt und auch live ist die Band gewachsen“ fügt er hinzu. Und ja, „Meds“ fängt den Hörer, lässt ihn treiben, stößt ihn ab und zieht ihn zu sich. Der Wachstumsprozess war noch nie abgeschlossener als bei diesem Album, davon zeugt auch der abwechslungsreiche Spannungsbogen, durch den die nicht ganz 50 Minuten in Zeitraffer vorüberziehen, bis „Song to say goodbye“ erklingt und fieberhaft auf „Repeat“ gedrückt wird. Es stört weniger, dass der Titelsong den Anfangsakkord von „Every you every me“ trägt, dass „Pierrot the clown“ gut und gerne als „My sweet prince“ 2006 bezeichnet werden kann oder bei „Song to say goodbye“ die „Lady of the flowers“ kurz vorbeischaut, die Harmonien, Melodien und einprägsamen, wenn auch schwermütigen Texte lassen solche Kleinigkeiten vergessen.

„You´re the first one to swim cross the Seine / I lag behind / You´re always ahead of the game, while I drag behind” – die Selbstverständlichkeit mit der Placebo ihre Verbundenheit zu Paris zum Ausdruck bringen ist bezeichnend für diese großartige Band. Eitelkeit gibt es nicht, außer auf den Hochglanzfotos, die für die Presse geschossen werden. Die beiden Gastauftritte von Alison Mosshart von The Kills und Michael Stipe von R.E.M. führen weiter, was mit der Version von „Without you I´m nothing“ mit David Bowie begann. Dem Fehlen von bedrückenden Momenten wie „Blue american“, „The crawl“ oder „Passive aggressive“ zum Trotz, legen Placebo ein Werk vor, dass vor Intensität, Dichte, Spannung und Fragilität zu bersten droht. Die Frage „Was soll da noch kommen?“ darf wieder gestellt werden.

Anspieltipps:

  • Drag
  • Post Blue
  • Song To Say Goodbye
  • Follow The Cops Back Home
Neue Kritiken im Genre „Rock“
9/10

News Of The World (40th Anniversary Edition)
  • 2017    
8/10

Automatic For The People (25th Anniversary Edition)
  • 2017    
Diskutiere über „Placebo“
comments powered by Disqus