Pet Shop Boys - Fundamental - Cover
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Pet Shop Boys Fundamental


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Das mit schwebender Eleganz präsentierte „Fundamental“ leuchtet nicht nur um zu provozieren, sondern um ein musikalisch hochwertiges Produkt hervorzuheben.

In den 80ern hatten die Herrschaften Neil Tennant, der anfangs Musikjournalist war und Chris Lowe, der eigentlich als Architekt sein Leben bestreiten wollte, ihre ersten großen Erfolge mit den Single-Hits „West end girls“, „It´s a sin“, „Always on my mind“ und den dazugehörigen Alben „Please“ (1986), „Actually“ (1987) und „Introspective“ (1988) und genau an diese Ära knüpft ihr neuestes Oeuvre „Fundamental“, das bis dato neunte Werk der Pet Shop Boys, an. In Zeiten, wo der Krieg gegen den Terror und die unerschütterliche Suche nach Massenvernichtungswaffen vor allem bei extremistischen und fundamentalistischen Gruppierungen praktiziert wird, veröffentlicht das 1981 gegründete Duo eine Platte, das mit dem Schriftzug des Albumtitels in greller Neonfarbe absichtlich provozieren und kontrovers wirken soll.

„Ich mag es, so ein böses, grimmiges Wort auf dem Albumcover in Neonfarbe abzubilden. Das ist Showbiz!“ gibt der 51-jährige Tennant über die provokante, größtenteils in schwarz gehaltene Frontansicht von sich. Wäre das nicht schon genug, wird als erste Auskoppelung der Track „I´m with stupid“ veröffentlicht, ein Song über die Beziehung zwischen dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush und dem englischen Premierminister Tony Blair. „Die Single ist ein Liebeslied, sie handelt von einem Paar, bei dem sich die ganze Welt wundert, warum diese beiden zusammen sind. Außerdem ist es eine Parodie auf die Beziehung zwischen Blair und Bush und zwar aus Blairs Perspektive.“ erklärt Tennant.

Um noch einen Schritt weiter zu gehen wird in „Casanova in hell“ über Erektionsprobleme gesungen, ein, wie die Pet Shop Boys meinen, bislang ausgespartes Thema der zeitgenössischen populären Musik. Im Prinzip erregte allerdings jüngst Pink mit ihrem auf „I´m not dead“ (März/2006) enthaltenen Song „Fingers“ das Aufsehen der Sittenpolizei, da es darin unmissverständlich um Masturbation ging und der in alter Frische zurückgekehrte Barde Morrissey entdeckte in „Dear god, please help me“ (auf „Ringleader of the tormentors“) recht freizügig unlängst seinen zweiten Frühling. Alles gut gemeinte Argumente, die jedoch vom Duo sogleich mit blanker Ironie zu einer kleinen Ausnahmeerscheinung abgetan werden: „Ursprünglich hatten wir noch eine Strophe übers Onanieren drin, die haben wir aber rausgenommen, weil wir den Song während des Michael Jackson-Prozesses aufgenommen haben. Der Kerl kann einem den Spaß an der Selbstbefriedigung vermiesen.“

Dennoch beginnt das gemeinsam mit Trevor Horn (Frankie goes to Hollywood, Paul McCartney, Seal, Rod Stewart, T.A.T.U., Tina Turner) und den Pet Shop Boys produzierte „Fundamental“ entgegen dieser aufrührerischen Akzente mit einem düsteren, holprigen Beat, der für einen recht zurückhaltenden Beginn namens „Psychological“ sorgt, bevor es erst in „The Sodom and Gomorrah show“ richtig zur Sache geht, ist der Topos des Songs mit dem der biblischen Geschichte schließlich nicht allzu weit entfernt. Mit einem überlangen Intro von etwa 2 Minuten wird „I made my excuses and left“ eröffnet, das in weiterer Folge minimalistisch und balladesk vorgetragen die Erwartungshaltung für „Minimal“ schürt, das wieder auf tanzbare und discotaugliche Untermalung setzt. Mit gebührendem Streicher-Bombast wird im Anschluss daran der von Diane Warren geschrieben Song „Numb“ in Szene gesetzt, von dem rund einminütigen „God willing“ abgestoppt, das in den hübsch verzierten „Luna Park“ überleitet.

Danach erklingen „I´m with stupid“ und „Casanova in hell“, die das letzte, gemächlichere und ruhige Viertel der Platte einleiten. Mit einem bedrohlichen Basslauf ist „Twentieth century“ bestückt und „Indefinite leave to remain“ zeigt die zwei Briten von ihrer fragilen, mit Pathos angereicherten Seite, bevor der Hörer mit „Integral“ ein letztes Mal auf die Tanzfläche gezerrt wird. Somit erhält das neunte Werk der Pet Shop Boys nicht nur einen äußerst gelungenen Abschluss, sondern legt auch ein dementsprechendes Zeugnis darüber ab wie gut produzierte Pop-Musik mit aussagekräftigen Texten zu klingen hat. Dass sich das Duo dabei nicht sehr von ihrem allseits bekannten Klangkorpus entfernt hat wirkt dabei fast nebensächlich. Auf jeden Fall leuchtet das mit schwebender Eleganz präsentierte „Fundamental“ nicht nur um zu provozieren, sondern um ein musikalisch hochwertiges Produkt hervorzuheben.

Anspieltipps:

  • Numb
  • Integral
  • Luna Park
  • I´m With Stupid
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