The Dresden Dolls - Yes, Virginia - Cover
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The Dresden Dolls Yes, Virginia


  • Label: Roadrunner/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 55 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Zur Gänze geschminkte Gesichter, überzogene Theatralik, irre Kompositionen (beinahe ausschließlich bestehend aus Schlagzeug und Klavier) und das alles von zwei Menschen, die damit eigentlich gar keinen Rummel um ihre Personen entfachen, sondern lediglich der gemeinsamen Liebe zur Musik der 20er Jahre, genauer genommen der Kurt Weills und vor allem der des deutschen Dramatikers, Lyrikers und Begründer des epischen Theaters Bertolt Brecht, frönen wollen. In Anlehnung an seinen Namen gaben sich Amanda Palmer (Gesang, Klavier, Mellotron, Orgel) und Brian Viglione (Schlagzeug, Perkussion, Bass, Gitarre) alias The Dresden Dolls den Titel „Brechtian Punk Cabaret“ und begannen an Songs für ihr Debüt zu schreiben. „The Dresden Dolls“ (09/2004) kam über Roadrunner Records in die Läden, ernstzunehmende Aufmerksamkeit erlangte das Duo allerdings erst als niemand geringerer als Nine Inch Nails-Mastermind Trent Reznor den Clip zu „Girl anachronism“ im Fernsehen sah und sich darum bemühte von der Band als Vorgruppe zu seiner „With Teeth“-Tour begleitet zu werden.

Der Rest ist eine herkömmliche Erfolgsstory wie sie im Buche steht, mit der Ausnahme, dass der Satz „Und wenn sie nicht gestorben sind...“ noch lange nicht gesprochen werden darf, zumal als Vorgeschmack für das zweite Werk „Yes, Virginia“ eine grandiose Live-DVD namens „Paradise“ (10/2005) unter die Fans und Interessierten geworfen wurde, die mit intimen Einblicken, alltäglichem Ablauf und einer würzigen Bühnenperformance gespickt war. Die Erwartungshaltung an den oft als schwierig gebrandmarkten Zweitling, der in den Allaire Studios in Shokan, New York und den Camp Street Studios in Cambridge, Massachusetts aufgenommen und gemeinsam mit Sean Slade und Paul Q. Kolderie (Radiohead, The Pixies, Hole) produziert wurde, stieg demzufolge ins Unermessliche.

Für Sängerin Palmer gestaltete sich der Schreibprozess und die Arbeit am Nachfolger jedoch anders als angenommen: „Es war seltsam, wie einfach es war. Es war kein Kampf, wogegen das erste Album ein einziger Kampf war. Nach dem Tourlärm herrschte plötzlich völlige Stille. Wir saßen in diesem teuren Studio in der Mitte von Nirgendwo, ich sang diese Lieder und fühlte nichts. Anfangs hat mir das sehr zu denken gegeben, aber ich habe nur das Publikum und die Scheinwerfer vermisst. Nach ein paar Tagen hat sich dieses taube Gefühl dann auch gegeben. Ich muss nur spielen und singen, dann stellt sich ein angenehmer Zustand ein.“ Als nach geraumer Zeit endlich erste Songtitel bekannt gegeben wurden, staunte man nicht schlecht über die neue Offenheit der Dresden Dolls, die in Stücken wie „Sex changes“, „My alcoholic friends“, „First orgasm“ und „Me & the minibar“ anscheinend neue Ebenen beschreiten sollte.

Probleme, offen über persönliche oder private Dinge zu reden hatten die Beiden schließlich nie („Beim ersten Fotoshooting hatten wir gar nichts an. Dabei ging es uns gar nicht darum, uns auszuziehen. Wir sind ja nicht John und Yoko. Ich hatte nur überhaupt keine Lust, mich anzuziehen. Ich hatte schrecklich miese Laune. Eine Stunde später habe ich dann meine Periode bekommen. Jetzt weiß ich wenigstens, woran es gelegen hat.“), sodass sich schon nach dem Debüt die Frage stellte, welche Themen, Tragödien oder Situationsberichte ein zweiter Longplayer bieten könnte. Die Antwort darauf, abgesehen von den recht eindeutigen oben genannten Titeln: Illegale Abtreibung („Mandy goes to Med School“ – „How about a nine-month long vacation and a two-foot coffin?”), Mädchen, die sich ihrer körperlichen Reize bedienen und sich dadurch, ohne den Intellekt zu gebrauchen, der Männerwelt unterwerfen („Delilah“), Prostitution („Dirty business“), Verleugnung des Holocaust („Mrs. O“), Unterschiede und Folgen der Intimwerdung bei Mann und Frau („Shores of California“) oder das Ausleben von Glücksgefühlen („Sing“).

Dass mit einem gewissen Bekanntheitsgrad auch gewisse Probleme einhergehen, davon handelt „Backstabber“: „Dieser Song hätte nicht auf dem ersten Album sein können, weil das Thema erst durch unsere Erfahrung nach dem Debüt präsent wurde. Wenn man ein bisschen Erfolg hat, kristallisiert sich sehr schnell heraus, wer deine echten Freunde sind. Manche wollen dir reinreden und sind neidisch, weil sich für ihre Projekte vielleicht nicht so viele Leute interessieren. Deshalb mäkeln sie an allem herum. Darüber habe ich mich schrecklich aufgeregt und diesen Song geschrieben.“ Unterlegt wurden die ganzen Stücke mit dem gewohnt herzhaften und präzisen Spiel von Schlagzeuger Viglione und der bizarren und aufbegehrenden Arbeit von Palmer am Klavier, die sich ein weiteres Mal hervorragend ergänzen und Parallelen zu den White Stripes aufgrund des höheren Grades an Durchgeknalltheit im Keim ersticken.

Auffällig ist allerdings der wesentlich melodischere und im Vergleich zum Debüt strenger strukturierte Aufbau der einzelnen Tracks, bei denen cholerische Ausbrüche, überraschende Taktwechsel oder stimmliche Eruptionen wie z.B. in „Coin operated boy“ oder „Missed me“, nun eher Randerscheinungen darstellen oder absichtlicher Bestandteil des Stückes sind. Im Vorfeld erwähnten die Zwei sie wollen die Magie und das Feuer der Live-Auftritte in das neue Werk einfließen lassen – erkenntlich wird das durch die Rockgebärden Palmers und die deutlich heftiger und schlagkräftiger in Szene gesetzten Instrumente. Was bleibt zum Schluss zu sagen? Die Dresden Dolls nähern sich langsam aber beständig der heutigen Welt an. War das Debüt fast komplett in den 20ern verankert, fließt auf „Yes, Virginia“ mehr zeitgenössische Popgeschichte hinein, die zwar gefällt, aber mitunter den Charme des Debüts fehlen lässt. Eine Ausnahmeposition wird das Duo mit ihrer Musik derweil weiterhin einnehmen. Hoffen wir, dass es dabei bleibt.

Anspieltipps:

  • Delilah
  • Sex Changes
  • Shores Of California
  • My Alcoholic Friends
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