Robbie Williams - Rudebox - Cover
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Robbie Williams Rudebox


  • Label: Chrysalis/EMI
  • Laufzeit: 77 Minuten
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3.5/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Robbie, pack deine „Rudebox“ ganz schnell wieder weg, mach ein Jahr Pause und dann geht’s weiter!

Möchte man Superstar Robbie Williams vergleichen, es fallen einem – auch als Nicht-Fan – nur die größten Namen der Showgeschichte ein. Namen wie Frank Sinatra und Freddie Mercury etwa. Klar, der Bursche hat es einfach drauf und ist so etwas wie das Idol einer Generation und ein begnadeter Entertainer sowieso. Seine zahlreichen Fans freuen, fiebern und leiden mit dem 32-Jährigen, wenn es wieder mal Gerüchte um sein Liebesleben gibt, eine neue Platte ansteht oder er seine Tournee aus Erschöpfung unterbrechen muss. Irgendwie ging immer alles gut aus und Robbie war der strahlende Held. Doch ab jetzt muss man wirklich Angst haben um den ehemaligen Take-Thatler.

Aus welchem Grund auch immer, scheint der Multimillionär mit seinem Erfolg nicht umgehen zu können. Er will raus aus seinem fürstlich dotierten Major-Vertrag mit der EMI und keine Platten mehr auf herkömmlichen Weg veröffentlichen, weil ihn die Maschinerie krank mache. Da passt es nur zu gut ins Bild, dass viele seiner Konzerte in diesem Jahr routiniert und lustlos ausfielen. Er provoziert immer wieder rücksichtslos mit seiner angeblichen Homosexualität und legt sich öffentlich mit dem Ex-Take-That-Manager Nigel Martin-Smith an („Er ist ein böser Mensch. Ich stelle mir immer vor, wie ich ihm mit einem Messer die Augen aussteche“). Die Krönung Robbies emotionaler Irrfahrt steht uns aber noch bevor. „Rudebox“, sein siebtes Studioalbum in nicht mal zehn Jahren, wird viele fragende Gesichter nach sich ziehen.

Vorbei ist die Zeit der großen Pophymnen („Angels“), des scharfsinnigen Humors („Me and my monkey“) und der ausladenden Stadionrocker („Let me entertain you“). Herr Williams macht jetzt Dance und Electro Music, bzw. das, was er dafür hält. Okay, das soll und darf er natürlich auch. Denn er ist der Chef im Ring. Aber was Robbie tatsächlich mit „Rudebox“ bezwecken möchte, ist nur sehr schwer zu deuten. Meint er es wirklich und wahrhaftig ernst oder ist es nur ein großer Spaß, der Robbie diebische Freude bereitet? Handelt es sich gar um pure Verarschung der Medien, vielleicht sogar seiner Fans? Oder ist es ein schlecht getarnter Hilfeschrei in Form eines eigenhändig geplanten Abgesangs? Man weiß es nicht. Fest steht: Die gut 80 Minuten Spieldauer auf „Rudebox“ dürften den Hörer mächtig ins Grübeln bringen und viele Fragen aufwerfen. Fragen wie „Was in aller Welt soll das sein, was uns Mr. Williams und die beteiligten Musiker (u.a. Songschreiber Stephen Duffy, die Pet Shop Boys, DJ Mark Ronson, Soul Mekanik, Joey Negro, Newcomerin Lily Allen und Madonna-Produzent William Orbit) da vorsetzen?“ Die Antwort könnte lauten „Retro-lastiger-80er-Jahre-Electro-Disco-Old-School-HipHop-R&B-Trash-Pop“. Nur, wer kann damit ernsthaft etwas anfangen?

Noch mal: Es ist vollkommen okay, dass Robbie Williams neue Wege geht und sich ausprobiert, aber wenn er wirklich mit gutem Gewissen hinter diesem – zum größten Teil erschreckend miesem – Songmaterial steht, dann gute Nacht! Angefangen beim schlecht mit Cockney-Akzent gerappten Titeltrack mit Ping-Pong-Beats aus dem C-64, über zu viele und zum Teil arg verhunzte Coverversionen (Manu Chaos „King of the bongo“ wird zu „Bongo bong“, Human Leagues „Louise“ muss ebenso dran glauben wie „We’re the Pet Shop Boys“ von My Robot Friend und Stephen Duffys „Kiss me“), bis hin zu eigenartigen Dance-Country-Liedern („Viva life in Mars“). Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn „Rudebox“ wuchert gleich mit 17 Songs.

Wenigstens funktioniert Robbies Gaudi ab und zu. Zum Beispiel in der atmosphärisch schönen Space-Pop-Huldigung „She’s Madonna“, beim groovigen Prince-meets-Justin Timberlake-Song „Lovelight“, dem hakenschlagenden „Keep on“, im gespenstischen „Burslem normals“) oder in den besorgniserregenden Selbstrefflektionen „The 80s“ und „The 90s“, wo Robbie mit seiner Vergangenheit abrechnet. Doch die Freude wehrt nur kurz. Dann verliert sich der Sänger wieder in belanglosen Discoliedchen, die fiepen, pluckern, ganz schwach grooven und einfach nicht auf gewohntem Robbie-Niveau sind („The actor“, „Never touch that switch“, „Summertime“, „Good doctor“, „Dickhead“). Das ist für die Verhältnisse eines Ausnahmekünstlers äußerst traurig. Der Glanz und die Euphorie sind verflogen. Und plötzlich hat man das Bild eines ausgebrannten Superstars, der sich ein letztes Mal ins Studio geschleppt hat, vor Augen. Kein Frank Sinatra oder Freddie Mercury, sondern ein abgehalfterter 70er Jahre Las-Vegas-Star wie Elvis Presley oder ein vom Alkohol gezeichneter Jim Morrison. Bitte, Robbie, tun uns das nicht an! Pack deine „Rudebox“ ganz schnell wieder weg, mach ein Jahr Pause und dann geht’s weiter!

Anspieltipps:

  • The 80’s
  • Keep on
  • Lovelight
  • She’s Madonna
  • We’re the Pet Shop Boys
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