Two Gallants - What The Toll Tells - Cover
Große Ansicht

Two Gallants What The Toll Tells


  • Label: Saddle Creek/INDIGO
  • Laufzeit: 60 Minuten
Artikel teilen:
9/10 Unsere Wertung Legende
7.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Es ist wieder soweit. Das Jahr ist noch jung und bitterkalt, so richtig schön nass ist es auch. Und weil der Frühling schwerfällig vor sich her döst, schickt sich das Zweiergespann „Two Gallants“ an die Welt zu erobern. Wie schön, dass das im mollig warmen Wohnzimmer möglich ist.

Mal im Klartext. Da wäre als erstes Adam Stephens zu nennen. Er ist der Sänger, Gitarrist, Songschreiber, Mundharmonikaspieler und wahrscheinlich Mädchen für alles andere was so anfällt. Tyson Vogels Aufenthalt beschränkt sich auf trommeln. Gelegentlich heult er aus dem Hintergrund, aber das war es dann im Großen und Ganzen. Gut möglich dass er den Kaffee holen darf, jedoch nicht ohne den berühmten Hufeisentest über sich ergehen zu lassen. Das Ding muss stehen! Adam, der sowieso fast alles selber macht, legt sich auch hier gewaltig ins Zeug. Jauchzend, wie ein Reibeisen auf Überholspur. Das Hufeisen steht übrigens. Kein Wunder, bei der Brühe die er sich in den Hals kippt. Was das Ganze soll? Zwei jungen Burschen aus San Francisco spielen Country. Aber nicht irgendeinen. Was sie mit „What the toll tells“ auf die Beine stellen erprobt den Aufstand. Schon von einer Klapperschlange in den dicken Zeh gebissen worden? Adam und Tyson zählen zu jener barfüßigen Sorte, die, nur so zum Spaß, vor dem züngelndem Reptil in die Klampfe hauen.

Dabei wollte sie erst Niemand. Ihr Erstling „The throes“ entpuppte sich als regelrechter Flop - und wie sollte es anders sein, mochte sie zum Glück dann doch Jemand, der ihnen eine Chance samt Plattenvertrag gab. Das Ende der Geschichte ist also nicht mehr auf Sichtweite, die beginnt erst erzählt zu werden!

Glaubhaft wirken die beiden mit ihrer Namensgebung allerdings nicht. Bestenfalls kann ihnen ein ordentlicher Schuss Selbstironie zugesprochen werden. Ihre Musik ist es bei weitem nicht. Hier gibt es noch dieses trockene Gespür für die sperrige Lebhaftigkeit, welche letztes Jahr The Decemberists für sich beanspruchen durften. Klar dass das in der Heimat als der neuste Schrei empfunden wird. Der Unterschied liegt hierbei im Härtegrad. Ein bisschen Punk soll das sein, robuster Country sowieso, dazu kommt ein ordentlicher Schuss kraftstrotzender Blues. Was sie zum Besten geben lässt sich durch die Nase ziehen wie einem der Schnabel gewachsen ist. Im Kern spielen sie feinsten Rock, der von tief unten aus der Ursuppe an die Oberfläche bricht, hinauf zum tollende Heulballen aus Maschendraht.

Sobald der windgepeitscht von dannen zieht, offenbart „Las Cruces Jail“ was Sache ist; mit Tysons klappernden Sticks, Adams verdrießlichen Raunen, samt E-Gitarre, mitten hinein in den Zeitgeist von Büffelherden und Kaktusalleen. Fortan preist es einen lautstarken Wust, der jenen ungläubigen Blick schürt, von dem Bands mit Standardbesetzung ihr Leben lang nur träumen dürfen. Anfang Zwanzig ist das Paar erst, aber wie hingebungsvoll sie über die Sonne rotzten, könnte für die erbrachte Leistung glatt bewundert werden. Aber nur beinahe. Unter anderem gibt es vier besonders lange Songs zu verzeichnen, die zusammen fast schon ein Album füllen. Sie sind die Bärentatze, die dich ganz nah an sich heranzieht und ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Etwas besonderes sind sie deshalb, weil sie jenes Gefühl von Westernromantik entfachen, die Zigarettenwerbung nur mit Sonnenuntergangsklischee zustande bringt. Das patzige "Last Cruces Jail" deutet gleich zu Anfang darauf hin. Dahinter versprüht "Steady Rollin‘" erste Anzeichen dieser ungewöhnlichen Fürsorglichkeit.

Klingt jetzt sehr gefühlsduselig, aber hier heult Niemand auf - bis auf Drummer Tyson, wie könnten wir ihn vergessen. "What the toll tells“ ist der Gaumenschmaus aus verbrannten Speck und ranzigen Bohnen, die nach einem hartem Tagesmarsch auf der Weide hungrig in sich hinein gelöffelt werden. Was beweist, dass leeren Mägen immer noch am besten wissen was schmeckt - und was nicht.

Anspieltipps:

  • Las Cruces Jail
  • Steady Rollin‘
  • Long summer day
  • Threnody in Minor B
Neue Kritiken im Genre „Folk-Pop“
Diskutiere über „Two Gallants“
comments powered by Disqus