Silbermond - Laut Gedacht - Cover
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Silbermond Laut Gedacht


  • Label: Columbia/SonyBMG
  • Laufzeit: 67 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Das erste Album, „Verschwende deine Zeit“, ist nahezu vergessen. Zwar wurde dort auch schon gerockt, aber da kam eher 08/15-Rock aus den Lautsprechern.

Zwei Jahre ist es her, dass eine kleine Band aus Bautzen, den wenigen bekannt als eine Stadt in Ostdeutschland, mit ihrer ersten Single „Mach’s dir selbst“ ungewollt in die Fußstapfen von Wir Sind Helden gezogen wurden. War die erste Single ein Hallo-Welt-Aufruf, so war die zweite Single, „Durch die Nacht“, der erste große Hit, der mit einer großartigen Hookline sogar Indie-Fans begeisterte. Doch der Erfolg kam zu schnell und so wurde die Band als Mainstream abgestempelt und zukünftig mit einem mürrischen Gesichtsabdruck ausgesprochen. Auch die aufkommende Flut von deutschsprachigen Bands mit Sängerin diente eher der Saturierung als der Euphorie.

Nun, nachdem sich die Flut zurückzieht, kommen Silbermond zurück, mit zweijähriger Bühnenerfahrung und 15 neuen Songs auf dem neuen Album, das unpassenderweise „Laut gedacht“ heißt. Unpassend, weil die laut gedachten Texte nicht gerade die große Stärke von Silbermond sind. Songs wie „In Zeiten wie diesen“ klingen eher, als hätten die Songwriter von Christina Stürmer einen Lyrik-Kurs an der Hochschule besucht, aber nicht wie Texte, die man an der hohen Messlatte der deutschsprachigen Songs messen lassen könnte, was zweifellos passieren wird.

Silbermond ist vielmehr eine Band, die zwei konträre Ziele verfolgt: Einmal, einfach zu rocken und wenn man rockt, braucht man keine hochphilosophischen, mit Metaphern angereicherten Songtexte hören. Zum andern, den Gegensatz: berührende Balladen; und das können Silbermond mindestens so gut, wie ersteres, was sie auf ihrer ersten Single zum neuen Album, feststellen kann. Das Besondere an „Unendlich“ ist, dass der Text nicht aus Metaphern besteht, sondern eine einzige Metapher ist. „Meine Augen suchen Wasser in der Wüste / Meine Füße tragen lange schon den Durst“ singt Sängerin Stefanie Kloß zu einem schönen Gitarrenriff von Thomas Stolle und zeigt den Hörern und Kritikern, dass sie mehr kann, als ihr zugetraut wird.

Was viele nicht wissen, Silbermond haben mit „Unendlich“ ein kleines Epos geschaffen. Die Single im Radio enthält nicht den angehängten Schlussteil, der auf der Premium-Single vorhanden ist. Diese wiederum ist eine andere Version als auf dem Album, denn fern aller Singleerwartung und Radiotauglichkeit, lassen sich Silbermond hier viel mehr Zeit, das Stück atmen zu lassen, und spendieren ihm sogar eine zusätzliche Strophe, was sehr zur Dynamik des Songs beiträgt. Die treibenden Drums von Andreas Nowak und eine Gitarrenmelodie, die einem so vertraut vorkommt wie, eine leichte Brise in der Hitze, machen den Song buchstäblich unendlich. Wie es nach „Unendlich“ weitergeht, wird in „Endlich“ eingesehen: „Ich weiß, dass alles mal zuende ist, weil nichts für immer ist“.

Das erste Album, „Verschwende deine Zeit“, ist nahezu vergessen. Zwar wurde dort auch schon gerockt, aber da kam eher 08/15-Rock aus den Lautsprechern. „Laut gedacht“ bietet mehr. Einflüsse von Rage Against The Machine („Nein Danke“) stehen gleich auf mit dem Silbermond-Stil des letzten Albums („Zu weit“). Das Album beginnt mit „Meer sein“ und einem laut trommelnden Schlagzeuger, was einen guten Opener für jedes Konzert bietet und hoffentlich die nächste Single wird, denn Silbermond haben leider auch einen Song, der so sehr nach dieser Silbermond-Balladen-Schublade klingt, dass es schon auf der Live-DVD „Verschwende deine Zeit“ weh tat: „Das Beste“ ist eine Pianoballade mit so vielen schönen, kitschigen Worten, um Stefanies Traummann zu beschreiben. Dazu kommen Kitsch-Streicher, die nach billigen Synthesizern klingen. Und natürlich wird der Song gegen Ende immer lauter und entlädt sich.

Doch Silbermond können diesen Fehltritt noch toppen, indem sie in „Schick Love“ sogar noch platter, als wie schon einst bei „Ein Stückl heile Welt“ einen kritischen Song über die böse Handy-SMS-Werbung abgeliefert haben. Ob es Absicht ist, dass der Song ebenso nervt, wie besagte Werbesendungen, wird dabei nicht klar, allerdings wird Fräulein Kloß’ Gespür für Entertainment auch diese schwere Hürde bei jedem Konzert mit Leichtigkeit überstehen. Da ist die Ballade „Kartenhaus“ wesentlich besser gelungen, weil Stefanies Worte nur von der E-Gitarre begleitet werden und der Text eher einem Gedicht, als einem handelsüblichen Songtext gleicht.

Bleibt nur noch „Zeiten wie diese“, anfangs negativ erwähnt, obwohl es sich um einen sehr guten Song mit einer schönen Aussage handelt. Der Song klingt, als haben Christina Stürmer und Coldplay einen lang erwarteten Song geschrieben und genauso fühlt er sich auch an. Wenn man hinter sich lässt, dass hier laut gedacht und nicht getextet wird, sind die Worte, die zur Aussage von „Verschwende deine Zeit“ passen, Mittel zum Zweck und ein jeder, der in der letzten Zeit nicht das gemacht hat, was ihm Spaß macht, fühlt sich auf den Schlips getreten.

Abschließend bleibt noch die CD an sich zu besprechen: Die CD erschien in drei Ausgaben: Ohne Cover, mit Cover, und mit Cover und DVD, auf der ein Konzert der Bautzener zu finden ist, in dem Stefanie Kloß zeigt, dass sie neben gut aussehen auch noch sehr gut singen kann und die Leute unterhalten kann. Nicht umsonst hat die Band in ihren zwei Jahren in der Öffentlichkeit bereits zwei Echo-Nominierungen für ihre Konzerte erhalten. Und so bleibt nur noch ein Argument gegen Silbermond: ein mürrisches „Aber es sind doch Silbermond“.

Anspieltipps:

  • Meer sein
  • Unendlich
  • Kartenhaus
  • Lebenszeichen
  • In Zeiten wie diesen
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