Tool - 10.000 Days - Cover
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Tool 10.000 Days


  • Label: Zomba/SonyBMG
  • Laufzeit: 76 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Fans verehren Tool wie Götter, obwohl sich die Band extrem rar macht und zwischen ihren vier Studioalben „Undertow“ (1992), „Aenima“ (1996), „Lateralus“ (2001) und jetzt „10.000 Days“ vierzehn Jahre vergehen ließ. Die Presse wirft sich vor Maynard James Keenan (Gesang), Adam Jones (Gitarre), Justin Chancellor (Bass) und Danny Carey (Drums) huldvoll in den Staub, obwohl die Jungs alles andere als gesprächig sind und bei Listening Sessions mit Fort-Knox-artigen Sicherheitsauflagen nerven. Die Kritiker schreiben die extrem komplexen Art-Prog-Rock-Platten der Kalifornier regelmäßig in den Himmel, obwohl sie einige Durchläufe mehr benötigen, als herkömmliche Rockalben. Für dieses Szenario ist es jetzt wieder so weit…

Der Trip beginnt bereits vor dem Einlegen der CD. Hielt man das düstere Artwork und die opulente Ausstattung der Vorgänger bereits für genial (auswechselbare Hologramm-Kärtchen als Cover und Booklets aus nicht reproduzierbarem Pergamentpapier), legen Tool mit „10.000 Days“ noch eine Schippe drauf. Die CD kommt als seltsames Digi-Book mit integrierter 3-D-Brille daher, mit der sich der Hörer durch ein von gespenstisch, über psychedelisch bis farbenfroh gestaltetes Booklet blättern kann. Warnhinweis inklusive. Denn man kennt ja die Amis. Setzen sich die „Tool-Brille“ womöglich zum Autofahren auf, fallen von einer Brücke und überziehen Band bzw. Plattenfirma mit einer Klagewelle.

Aus der Gerüchteküche der letzten Jahre ist absolut nichts übriggeblieben. Es gibt keine Stargäste wie Aaron Turner (Isis), Josh Homme (Queens Of The Stone Age) und King Buzzo (Melvins), keinen Top-Produzenten wie Dave Bottrill (Tool griffen lediglich auf die Hilfe von Toningenieur Joe Barresi zurück), von der im Internet kolportierten Tracklist stimmt kein einziger Titel und das Werk heißt auch nicht „Elphtheria“. Das sperrige Monstrum (von den elf Songs sind zwei Songs über elf Minuten lang, sechs lassen die 6-Minuten-Marke deutlich hinter sich) hört auf den Namen „10.000 Days“ – und es kommt dem Rezensenten vor, als benötige er eben diese 10.000 Tage, um die Komplexität dieser Langrille zu erfassen.

Nach einem gemächlichen Intro setzt sich eine zähflüssige Masse aus ultrafetten Bässen, mechanisch knatternden Metal-Gitarren und vielschichtigen Drumspuren langsam in Bewegung. Ganz klar: Schon der erste Song „Vicarious“ verlangt dem Hörer viel ab – und geht nahtlos in den nächsten Track über. „Jambi“ legt los wie eine bollernde Harley Davidson, die majestätisch über die Route 66 rollt. Doch der rhythmische Fluss wird immer wieder durch kleine Breaks, psychedelische Gitarrenmotive und tribal-artiges Drumming ausgehebelt. Dumpfe Basstöne leiten den titelgebenden 17½-Minuten-Monolithen „Wings for Marie - Pt 1“ / „10.000 days - Wings pt 2“ ein. Flirrende Pink-Floyd-Gitarren erfüllen fast vier Minuten den Raum, bis eine erste Riffattacke auf den Hörer abgefeuert wird. Maynard James Keenans Gesang mäandert beschwörend wie bei einer schwarzen Messe durch Zeit und Raum. Von irgendwo naht ein Gewitter, dass sich grollend durch die Bassparts von Justin Chancellor vorankämpft. Es beginnt zu regnen. Das Gewitter rückt immer näher. Der Gesang wird eindringlicher. Die Gitarren werden lauter. Tool treiben die Spannung auf die Spitze. Der Hörer wartet auf einen Ausbruch, den einschlagenden Blitz. Doch es dauert eine gute Viertelstunde, bis die Gitarren die mühsam aufgebaute Wall of Sound kurz und schmerzlos einreißen dürfen. Dann klingt „Wings pt 2“ langsam aus.

Im relativ zugänglichen „The pot” schneiden Gitarrenriffs wie ein Schweißbrenner durch einen dumpfen Bassteppich und liefern damit so etwas wie einen Single-Kandidaten an. Fragt sich nur, wer Tool in sein Programm aufnimmt. Nach einem exotischen Zwischenspiel („Lipan conjuring“) steht der kürzeste Song des Albums an. Dabei legt „Lost keys (blame Hofmann)“ lediglich einen Teppich aus einem quälend langgezogenen Gitarrenfiepen mit gesampelten Sprachfetzen als Vorlage für das monumentale „Rosetta stoned“ aus. Wäre man Tool gegenüber nicht so positiv eingestellt, könnte man durchaus von verschenkten fünf Minuten sprechen. Ein Schauspiel, das sich beim finalen „Viginti tres“ nochmals wiederholt. Nun ja, sei’s drum.

In den elf Minuten von „Rosetta stoned“ tobt sich das Quartett nach Herzenslust in einer verschachtelten Liedkonstruktion aus, die aber erstaunlich harmlos bleibt und vor allem zum Ende hin wie eine ausgedehnte Jam-Session anmutet. Ab diesem Zeitpunkt lässt die Strahlkraft des Albums auch merklich nach. Für den Hörer bietet sich deshalb an, eine Pause einzulegen, damit dieser befremdliche Umstand nicht auf nachlassende Konzentration geschoben werden kann. Doch auch nach einer Verschnaufpause können weder das triphoppige „Intension“ noch das überwiegend ruhige „Right in two“ (dessen einzige Klang-Eruption an eine Mischung aus System Of A Down und Rage Against The Machine erinnert) entscheidend zulegen.

Um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen: Das alles ist gewiss sehr gute Musik, die aber nicht dem Status eines Klassikers ebenbürtig ist. Denn „10.000 Days“ ist kein Höllentrip wie „Aenima“ und nicht vergleichbar mit dem Wahnsinn von „Lateralus“. Zwischenzeitlich scheint es fast so, als hätte die Band mittels Pro Tools verschiedene Session-Versatzstücke zusammengekleistert. Aber nicht immer ergeben viele kleine Teile ein großes Ganzes.

Anspieltipps:

  • Jambi
  • The pot
  • Right in two
  • 10.000 days - Wings pt 2
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