Sylvan - Posthumous Silence - Cover
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Sylvan Posthumous Silence


  • Label: Point Music
  • Laufzeit: 70 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Neoprogressivem Rock sagt man nicht ganz zu Unrecht einen übersteigerten Hang zu Theatralik und Kitsch nach. Die Gründe dafür liegen vor Allem in der teils exzessiven Keyboardunterstützung, welche dafür sorgt, dass so manche Alben des Genres klingen, als hätte man sie in einer Schokoladenfabrik aufgenommen. Negativbeispiele wie die Polen Satellite bedienen mit ihren klebrigen Kompositionen jedes erdenkliche Klischee und würden wohl jedem Diabetiker den Rest geben. Zur Senkung des Blutzuckerspiegels hilft es nur noch, entweder diese Süßigkeiten völlig zu ignorieren (was natürlich mit einem unausgleichbaren Verlust an Lebensqualität verbunden wäre), oder zu Insulinspritzen mit der Aufschrift Arena, Ayreon, IQ, Marillion oder eben Sylvan zu greifen.

Die Hamburger legen mit „Posthumous silence“ bereits ihr fünftes Album vor, und noch in diesem Jahr wird mit „Presets“ Nummer 6 folgen. In Kenntnis der beiden unmittelbaren Vorgängerwerke waren die Erwartungen natürlich entsprechend hoch, denn „Artificial paradise“ (2002) und „X-Rayed“ (2004) gehören zum Besten, was dem Autor in diesem Genre bisher zu Ohren gekommen ist. Und weil der Druck der Fangemeinde für anspruchsvolle Künstler nie hoch genug sein kann, entschlossen sich Sylvan einen schwierigen Themenkomplex erstmalig in Form eines reinrassigen Konzeptalbums zu verwirklichen.

Die Geschichte des Albums handelt von einem Vater, der in den Seiten des Tagebuches seiner Tochter Antworten auf ihren Freitod zu finden erhofft. Fremd zu Lebzeiten, versucht der Vater nun die Gedankenwelt seiner Tochter zu erforschen, um den Beweggründen für ihre schreckliche Tat nachzuspüren und sie zu verstehen, selbst wenn er weiß, dass er sein Kind dadurch nicht wiederbekommen wird. In dem umfangreichen und ausgesprochen hübsch gestalteten Booklet kommt sowohl die Tochter (in Form von Auszügen aus dem Tagebuch) als auch der Vater (der sich immer mal wieder vom Buch abwendet um das Gelesene zu verarbeiten) zu Wort. Eine ausgiebige Beschäftigung mit der herzzerreißenden Geschichte lohnt also auch ohne die Musik zu kennen. Dennoch ist es gerade bei einem Konzeptalbum natürlich immer die musikalische Umsetzung, die letztlich darüber entscheidet, ob eine auch noch so gute Story die gewünschte Wirkung erzielt.

„Operation: mindcrime“ oder Dream Theaters „Scenes from a memory“ wären wohl kaum die Klassiker, die sie sind, würde die musikalische Qualität nicht der Handlung gerecht werden. Dieser einfachen Tatsache sind sich natürlich auch Sylvan bewusst und ziehen dementsprechend alle Register ihrer Kompositionskunst. Zwar klingen vereinzelte Momente wie schon mal gehört, da sie verdächtig an die beiden Vorgängeralben erinnern, und auch eine wirkliche Weiterentwicklung ist nicht herauszuhören, aber dennoch überzeugt das Werk auf ganzer Linie, was vor Allem der durch geschickten Instrumenteneinsatz entstehenden Atmosphäre zuzurechnen ist. Im Gegensatz zu anderen Keyboardern weiß Volker Söhl mit seinem Arbeitsgerät nämlich umzugehen. Seine Töne üben einen leichten Druck auf die Tränendrüse aus ohne sie auszuquetschen. Und droht es doch mal zu viel des melancholischen Wohlfühlsounds zu werden, setzen für Neo-Prog-Verhältnisse heftige Gitarrenriffs ein. Wie gewohnt versteht es die Band eine pietätvolle Balance zu wahren.

Ebenfalls überragend ist einmal mehr die Gesangsleistung von Marco Glühmann, der für mich zu den Top-3-Sängern des Genres zählt. Dadurch, dass er sämtliche Texte selbst verfasst hat, ist es ihm natürlich gegeben, diese überzeugender und mit größerer Emotionalität vorzutragen, als würde er von etwas singen, das dem Geist eines anderen entsprungen ist. Obwohl ich „Posthumous silence“ nicht deutlich vor „X-Rayed“ und „Artificial paradise“ sehe, ist es dennoch ein Meisterwerk, das den Vergleich zu gleichartigen Konzeptalben von Marillion & Co. nicht scheuen braucht. Somit kann eine klare Kaufempfehlung für Genrefans ausgesprochen werden, aber auch für erste Gehversuche im Neo-Prog bietet sich „Posthumous silence“ an, wobei die oben genannten Alben aufgrund höherer Eingängigkeit im Zweifelsfall vorzuziehen wären.

Anspieltipps:

  • Questions
  • Pane of truth
  • Answer to life
  • A kind of eden
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