Archive - Lights - Cover
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Archive Lights


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 60 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Das farbenfrohe und faszinierende Polarlicht ist die einzige Form von Licht, die dem Vergleich mit dem neuen Archive-Album „Lights“ standhalten kann: Polarlichter entstehen, wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen. Dort regen sie die vorhandenen Luftmoleküle zum Leuchten an. Einmal im CD-Player hat „Lights“ eine ähnliche Wirkung auf Menschen, wie die Erdatmosphäre auf Teilchen des Sonnenwinds: Es bringt sie zum Leuchten. Oder sollte ich sagen zum Strahlen?

Der Song „Veins“ ist pures Lächeln in Noten transponiert. Er ist poppig und hymnisch und die Stimme von Maria Q. bekommt bei mehrmaligem Hören mehr und mehr etwas Engelsgleiches. Eigentlich ist es fast sträflich, die Schönheit dieses Liedes überhaupt beschreiben zu wollen. „System“ ist ein richtiger Kracher und löst auf eine nicht ganz geklärte Weise die Assoziation zu „Rock’n’Roll Queen“ von den Subways aus. Irgendwie ähneln sie sich. Und dann ist „System“ doch wieder ganz anders. Das Mysteriös-Magische der Songs von Archive kommt auch beim 18-minütigen Mammutsong „Lights“ gut zur Geltung. Archive entführen den Zuhörer hier in ein Traumland von düsteren und hellen Soundlandschaften, die den ein oder anderen an den Rand der Synästhesie führen könnten: Farben hören und Musik schmecken nicht ausgeschlossen! Musikalische Tiefenhypnose, aus der man nicht wieder aufwachen möchte, wird nach einer Zeit zwar etwas anstrengend. Aber in der richtigen Stimmung ist „Lights“ ein Album, dass den grüblerisch veranlagten Musikfan der Lösung eines Problems ein Stück näher bringen könnte.

Neben diesem kontemplativen Moment hat „Lights“ jedoch auch tanzbare Stücke zu bieten, wie etwa den Opener „Sane“ oder „Programmed“. Die ruhige Klaviernummer „Fold“ ist ein sehr spartanisch arrangiertes Stück, das über weite Teile nur mit Vocals und Klavier bestritten wird und dem sonst eher beatlastigen Sound ein enormes Plus in Sachen Abwechslung verleiht. „Taste of Blood“ wäre auch auf einer Radiohead B-Seite nicht fehl am Platz gewesen und markiert den fantastischen Abschluss eines fantastischen Albums. In Richtung Portishead geht „I will fade“, das nicht so sehr zu begeistern und zu berühren weiß, wie die meisten anderen Songs auf „Lights“. Auch die beiden schwächsten Songs des Albums „Black“ und „Headlights“ lassen ein wenig die emotionale Tiefe vermissen.

„Lights“ wechselt zwischen Schwere und Schweben, zwischen Himmelhoch und Seelentief. Wenn überhaupt etwas zu kritisieren ist, dann vielleicht ein fehlendes Gesamtkonzept und ein zwei nicht ganz so tolle Songs. Die Opulenz des Sounds kann den Zuhörer über weite Teile des Albums aus dem eigenen Kopf verdrängen: Fast schlafwandlerisch folgt man dem melancholischen Verwirrspiel aus Elektro-, Progressive- und Rock-Elementen. Die Grenzen von Traum und Wirklichkeit sind hier nicht immer ganz klar: Was hab ich eigentlich die letzten sechzig Minuten gedacht? Alles. Nichts.

„Lights“ ist zwar kein Album für jede Stimmung, aber wenn man erstmal im lichterfüllten Soundlabyrinth von Archive angekommen ist, möchte man gar nicht wieder raus finden. Die Platte braucht ein paar Durchläufe, bis sie zündet, aber dann entfacht sie ein Feuerwerk an Lichtern: Das Polarlicht im eigenen Wohnzimmer sozusagen

Anspieltipps:

  • Taste of blood
  • System
  • Veins
  • Sane
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