Udo Lindenberg - Damenwahl - Cover
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Udo Lindenberg Damenwahl


  • Label: Starwatch/WEA
  • Laufzeit: 78 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Im Mai 2006 wird Udo Lindenberg 60 Jahre alt. Und wie es sich gehört, feiert die Branche den Mann mit dem Hut mit einer Veröffentlichungsflut.

An die erste selbstgekaufte Platte kann sich jeder Musikbegeisterte sein ganzes Leben lang erinnern. Das ist auch im Falle des Rezensenten so. Hier war es Udo Lindenbergs „Odyssee“ (1983). Gekauft für kleines Geld (Stichwort: Grabbeltisch) in den Sommerferien, irgendwo im tiefsten Nordrhein Westfalen, im zarten Alter von zehn Jahren. Ziel: Herauszufinden, was der werte Rockstar noch so zu bieten hat, außer mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu fahren, um einen gewissen Erich Honecker zu besuchen. Ergebnis: Lindenberg begeisterte mit unkonventionellen Texten und amerikanisierter Rockmusik, die den Kulturschock der Neuen Deutschen Welle vergessen machten.

In den 70er und 80er Jahren besaß Lindenberg sowohl musikalisch als auch inhaltlich eine sehr hohe Relevanz in der deutschen Musikszene, bevor er Mitte der 90er Jahre zu einem phrasendreschenden Rockopa mutierte, der im Eierlikörrausch absolut gar nichts mehr zu sagen hatte. Dennoch, um eine Leistung hatte sich der Kult-Rocker verdient gemacht: Er steckte den Rezensenten in jungen Jahren mit den Viren namens Musik und Sammelleidenschaft an, nicht ahnend, dass vor „Odyssee“ bereits geschätzte 20 Lindenberg-Alben erschienen waren und der Meister quasi im Jahresrhythmus neue Werke auf den Markt schmiss. So ließ sich Stück für Stück eine Plattensammlung aufbauen, die heute gut und gerne 50 Alben des gebürtigen Gronauers enthält.

Im Mai 2006 wird Udo Lindenberg 60 Jahre alt. Und wie es sich gehört, feiert die Branche den Mann mit dem Hut mit einer Veröffentlichungsflut aus „Best Of“-Platte (von denen es inzwischen mehr als ein Dutzend gibt), Re-Releases von 15 ausgesuchten Werken in remasterten „Special-Deluxe-Editionen“ sowie einer Duettsammlung namens „Damenwahl“, auf der 18 Duette u.a. mit Alla Pugatchowa, Annette Humpe, Marlene Dietrich (!) und Nina Hagen zu finden sind. Dazu kommen drei bisher unveröffentlichte Aufnahmen mit Kelly Cha, eine chinesische Sängerin und Moderatorin, Vanessa Mason und Ellen ten Damme.

Eröffnet wird „Damenwahl“ durch Udos größten Hit „Horizont“ (1986) in der 2003er Panikorchester Jubiläumsversion zusammen mit der „Pop-Praline“ Nena (Zitat Udo Lindenberg), die Udo auch bei „Jetzt bist du weg“ zur Seite steht. Yvonne Catterfeld singt mit ihrem Quasi-Förderer „Niemandsland“ und „Nangijala“, wirkt aber in ihren Interpretationen etwas blutleer. Mit Esther Ofarim performt Udo auf einen platten Euro-Trash-Pop-Groove, der typisch für die Mitte der 90er Jahre war („Salomon - Das hohe Lied“). Und auch die Zusammenarbeit mit Annette Humpe ist nicht wirklich der Knaller („Sex in der Wüste“).

Udo Lindenberg war nicht unbedingt ein Trendsetter. Trotzdem setzte er über viele Jahre seiner langen Karriere Maßstäbe in der deutschen Rockmusik. Später lief er um Innovationen bemüht musikalischen Modeerscheinungen hinterher und kam dabei öfters zu spät. Die wahren Großtaten in Lindenbergs Karriere fanden ganz klar in den 70er und 80er Jahren statt. Das hört man auch auf „Damenwahl“ sehr deutlich. Zum Beispiel in der „Cello“-Adaption „Sänger“ aus dem Jahr 1975 oder bei „Elli Pyrelli“ – eine der berühmten Namenskreationen des Panik-Rockers wie Bodo Ballermann, Jonny Controlletti, Riki Masorati, Gerhard Gösebrecht, Ole Pinguin und Rudi Ratlos.

Die Liste der Duettpartner stellt ein Abbild von Lindenbergs großer Karriere dar, die – wie schon gesagt – nicht nur geradeaus lief. Das belegen auch diverse „Damenwahl“-Stücke. Udos Duette zählen nämlich nicht automatisch zu seinen besten Songs. Nicht selten wirken die Kollaborationen übers Knie gebrochen (man höre nur die ungelenke „China-Version 2006“ von „Ich schwöre“ und das schräge „Seni kimler aldi/Messer in mein Herz“) oder konzentrieren sich so sehr auf inhaltliche Aussagen, dass der Meister offenbar vergaß, auf die Qualität der Musik zu achten. Sei’s drum. Wir drücken ein Auge zu und sagen herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Anspieltipps:

  • Nangijala
  • Elli Pyrelli
  • Ich schwöre
  • Jetzt bist du weg
  • You can’t run away (No future)
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