Thom Yorke - The Eraser - Cover
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Thom Yorke The Eraser


  • Label: XL Recordings/INDIGO
  • Laufzeit: 41 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

„I want no crap about me being a traitor or whatever splitting up blah blah... this was all done with their blessing, and I don't wanna hear that word solo. It doesn't sound right“, sagt Thom Yorke zu seinem ersten Album außerhalb von Radiohead, das den Unheil verheißenden Namen „The Eraser“ trägt. Zuerst kommt die Erleichterung: Nein, Radiohead sollen nicht ausradiert werden. Aber dann folgt die Ernüchterung: Wie in aller Welt soll ich diese Kritik schreiben, ohne das böse S-Wort zu verwenden? Einzel-Album? Ein-Mann-Album? Ist auch nicht wirklich besser als ihr-wisst-schon-was. Also behalten wir einfach im Hinterkopf, dass es sich um Thom Yorkes Werk handelt. Schlicht das Album „The Eraser“ – erläuternde Adjektive unerwünscht.

Genau wie 2001 „Amnesiac“ ist auch „The Eraser“ nicht nur Thoms geistiges Kind, sondern auch einem seiner Kinder aus Fleisch und Blut gewidmet: Thoms 18 Monate alter Tochter Agnes Mair („Amnesiac“ enthält eine Widmung für den 2001 geborenen Noah). Mit simplen und doch konfusen Beatgerüsten, umgeben von entrückenden Elektrosounds und sphärischen Klanggalaxien, ist Thom Yorkes Album die Essenz aus „Amnesiac“ und „Kid A“. Trotzdem hat es Yorke unglaublicher Weise wieder geschafft, sich nicht selbst zu wiederholen. Anklänge an Radiohead-Alben sind bei ihm nie ausgelutschtes Zitat, sondern schöne Erinnerung in neuem Gewand.

Der Opener „The Eraser“ beginnt mit Klavierklängen, die zunächst disharmonisch erscheinen. Dann setzt der Beat ein. Gesang kommt hinzu. Ton um Ton verwandelt Yorke die Disharmonie in Harmonie, bis sie ganz ausradiert ist. Mit jedem neuen Sound bohren sich die Rhythmen tiefer in unser Bewusstsein. Je mehr wir versuchen, uns auf eine Tonspur zu konzentrieren, auf den Gesang, auf die Texte und je länger wir versuchen, Anderes auszublenden um Einzelnes ganz wahrzunehmen, um so mehr enthüllt sich uns das Gesamtwerk: „The more you try to erase me, the more... the more... the more that I appear“. Mit einem Zwinkern zwischen den Zeilen enthüllt uns Yorke ein Bruchstück seines Konzepts. „Analyse“ ist von solcher Düsternis und lyrischer Qualität, dass der Song von Edgar Allan Poe sein könnte, hätte er zu unserer Zeit gelebt. Das bedrohliche „Skip divided“ flößt uns mit Klapperschlange-artigen Sounds wohlige Angst ein. Zum Abregen zwischendurch: „Black Swan“ das zugänglichste Stück auf „The Eraser“, bei dem die gute alte Gitarre doch noch zum Einsatz kommt. 2003, während der Promotion zu „Hail to the Thief“, hat Yorke in einer Radiosendung gesagt, er würde eher ein Album nur mit einem Computer machen als nur mit einer akustischen Gitarre. Hört man „The Eraser“ wird diese Aussage zur Prophezeiung: Sind Yorke und der Computer eins geworden? Ist er die von Kraftwerk besungene Mensch-Maschine? Im Moment, nach dem zehnten Hördurchgang von „The Eraser“, ist Thom Yorke für mich der Robocop des Rock.

Seite um Seite könnte ich füllen mit Beschreibungen, Reminiszenzen, Assoziationen. Und würde doch nur eine Minute des faszinierenden Yorke-Sounds im Ansatz beschrieben haben: Einfach und doch kompliziert, nah und doch distanziert. Das Album besteht aus anziehenden Gegensätzen, die sich zu faszinierend-ambivalenten Klangrätsel auftürmen. Nur um am Ende vielsagend und doch nichts-beantwortend zu zerplatzen. Thom Yorkes Album ist ein Abenteuer-Spielplatz fürs Ohr: Es gibt unendlich viel zu erleben. Aber man muss selbst da gewesen sein, um ihn zu entdecken. Am besten jeden Tag, stundenlang. Zwanzig Mal das Gerüst hoch klettern, zum fünfzigsten Mal die Rutsch runter. Immer noch nicht genug? Dann ist es ein echter Yorke.

Anspieltipps:

  • The Eraser
  • Atoms for Peace
  • And it rained all night
  • Harrowdown hill
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