Johnny Cash - American V - A Hundred Highways - Cover
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Johnny Cash American V - A Hundred Highways


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Das makabere Schauspiel nimmt regelmäßig seinen Lauf. Stirbt ein großer Musiker, werden plötzlich auch die Menschen hellhörig, die zu Lebzeiten des Künstlers nicht besonders viel mit seinen Liedern anfangen konnten, geschweige denn jemals von ihm hörten. Was in den Siebzigern für Elvis Presley und Jahrzehnte später Falco galt, um zwei völlig konträre Beispiele zu nennen, gilt natürlich auch für „The Man in Black“ – Johnny Cash.

Nach dem Tod der Countrylegende am 12. September 2003, haben sich seine Platten schlagartig besser verkauft, als in den Jahren zuvor. Wobei es sich dabei hauptsächlich um Box-Sets („Unearthed“) und Kopplungen wie „Ring Of Fire: The Legend Of Johnny Cash“ oder ganz aktuell „Personal File“ handelt. Einen ganz besonderen Schub löste dazu die Hollywood-Cash-Biographie „Walk The Line“ aus, die im Kino mächtig abräumte und die Verkaufszahlen, insbesondere des Soundtracks, mächtig nach vorne trieb. Und damit scheint die Quelle noch nicht versiegt zu sein. Angeblich lagern im Homestudio von Johnny Cash mehrere Dutzend Tapes mit unveröffentlichten Songs, die es nun Stück für Stück zu sichten gilt. Und dann ist da ja noch ein gewisser Rick Rubin, jener Kult-Produzent, der Johnny Cash überraschend aus der Versenkung holte und mit der „American Recordings“-Reihe endgültig als Künstler unsterblich machte.

Rick Rubin gab vor einigen Monaten zu Protokoll, dass er und Johnny Cash bis kurz vor seinem Tod an neuen Stücken gearbeitet haben. Nachdem „American IV: The Man Comes Around“ (11/2002) fertiggestellt war, wurde in einem Zug weitergemacht. Rubin gab an, dass Cash auf diese Weise den Tod seiner Frau June Carter verdrängen wollte. Zudem spürte Johnny Cash wohl, dass auch ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Und so finden wir auf dem finalen Vermächtnis „American V: A Hundred Highways“ die wirklich letzten Aufnahmen des großen alten Mannes der Countrymusik. Mit „Like the 309“ (einem klassischen Blues über Züge) und „I came to believe“ (ein bedrückender Song, in dem Gott angerufen wird) befinden sich sogar zwei Eigenkompositionen unter den 12 Songs, die u.a. von Bruce Springsteen, Hank Williams und Gordon Lightfoot stammen.

Im Studio halfen neben Matt Sweeney (Gitarre) und Johnny Polonsky (Gitarre) wieder die alten Vertrauten aus, die schon die vorherigen Alben der „American“-Serie einspielten: Toningenieur David Ferguson, Mike Campbell (Gitarre), Benmont Tench (Keyboards) und Smokey Hormel (Gitarre). Einzelne Songs wurden dabei mit nachträglich eingespielten Instrumenten veredelt. Denn dass Johnny Cash gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe war, hört man ab und zu recht deutlich heraus. Dann beginnt er leicht zu nuscheln und die Stimme kommt an ihre Grenzen. Aber genau diese Eindringlichkeit, einen Sänger auf der Stufe zwischen Leben und Tod zu hören, macht die „American“-Reihe zu etwas ganz Besonderem – auch wenn es makaber klingen mag.

Immer wenn sich Johnny Cash fit genug für die Arbeit an neuen Songs fühlte, war Rick Rubin zur Stelle und ließ das Aufnahmegerät mitlaufen. So entstanden intime Stücke wie „Help me“, in dem sich Cash an Gott wendet und um Hilfe bittet, und wiederum sehr überraschende Neuinterpretationen wie „Further on up the road“, im Original von Bruce Springsteen, sowie Gordon Lightfoots „If you could read my mind“, das direkt in die Abteilung „Gänsehautsong“ einsortiert werden darf. Dazu gibt es düstere Blues-Tracks („God’s gonna cut you down“), Desperado-Spirituals („I’m free form the chain gang now”) und Dankbarkeitsbekundungen, die einem die Tränen in die Augen treiben („Love’s been good to me”, „Rose of my heart“).

Ab und zu hat man zwar das Gefühl, dass Rick Rubin die brüchigen Gesangsspuren mit der nachträglichen Instrumentierung (Streicher, Akustikgitarren) einen Tick zu stark aufpoliert hat (etwa Hank Williams „On the evening train“), aber das passt im Prinzip sehr gut zu der bedrückenden Stimmung, die von dem Album ausgeht. Diese lag auch schon auf dem herausragenden Vorgänger „American IV: The Man Comes Around“, der jedoch wesentlich spartanischer klang. Diese Rohheit ist einer versöhnlichen, wenn auch schwermütigen Abschiedsstimmung gewichen, in der man einfach nur danke sagen möchte.

Anspieltipps:

  • Help me
  • Like the 309
  • Further on up the road
  • Love’s been good to me
  • If you could read my mind
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