Art Brut - Bang Bang Rock´n´Roll - Cover
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Art Brut Bang Bang Rock´n´Roll


  • Label: Fierce Panda/CARGO
  • Laufzeit: 33 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer so streng sein möchte, Infantilität in die Nähe von Geisteskrankheit zu rücken oder an den Rand der Gesellschaft zu verbannen, für den ergibt der Bandname „Art Brut“ wahrscheinlich sehr viel Sinn. Wer die Texte der Band „Art Brut“ jedoch nicht infantil sondern ironisch findet, der wird sich schwer tun, eine direkte Verbindung zur Kunstrichtung „Art Brut“ herzustellen. Denn „Art Brut“ umfasst Werke von Künstlern, die außerhalb der Gesellschaft stehen, wie zum Beispiel psychisch Kranke und verurteilte Straftäter.

Ein bisschen krank ist das aber schon, was Eddie Argos und seine Band auf ihrem Debütalbum „Bang Bang Rock’n’Roll“ abliefern. Aber auf eine sehr unterhaltsame Weise. Der musikalische Stil der 2003 gegründeten Band ist eher retro als revolutionär und ihre Technik ist nicht gerade filigran, deswegen steht wohl auch ein „bang bang“ vor dem „Rock’n’Roll“. Die Texte der Londoner sind jedoch dermaßen gut, dass man ihnen jede kleine musikalische Unzulänglichkeit sofort verzeiht. Die Lyrics sind so großartig, dass eine kleine Zitat-Kostprobe in dieser Kritik nicht fehlen darf: „We’re gonna be the band, that writes the song, that makes Israel and Palestine, get along”; “And yes, this is my singingvoice, it's not irony, its not rocknroll, we`re just talking (dramatische Pause) to the kids”. Verwirrt, weil das so nur komisch wirkt und nicht komisch ist? Die Text-Fragmente entfalten ihre volle Bedeutung eben erst im Gesamtzusammenhang von „Formed a band“. Jetzt kommt also niemand, der auch nur ein kleines bisschen neugierig ist, mehr ums Hören herum...

Der sympathische britische Akzent von Argos zusammen mit schrillen Gitarren und einem abgehangenem bis straighten Schlagzeug-Beat machen die Musik von Art Brut nicht nur zum Anhören unterhaltsam, sondern auch extrem tanzbar, wie zum Beispiel bei „Good Weekend“ oder „Fight!“. Bei anderen Stücken muss man mindestens zweimal hinhören, bevor man den feinsinnigen Humor begreift – vergleiche den Text der ersten Single „Emily Kane“ oder den von „Formed a band“. „Emily Kane“ und „Good Weekend“ sind eher in der Poprock-Schublade zu stecken, während der Rest von „Bang Bang Rock’n’Roll“ eine amüsante Attitüde irgendwo zwischen Punk und Rock’n’Roll kultiviert. Ein weiteres Highlight des Albums ist „Moving to L.A.“ – auf seine Art schon fast ein Sommerhit für Freunde der gepflegten Gitarrenmusik. Auch das ohrwurm-verdächtige Gitarren-Intro von „Bad Weekend“ setzt noch mal einen positiven Akzent. Doch bei dem ganzen Lob fragt ihr euch jetzt sicher: „Warum dann nur sieben Punkte?“

Tja, es gibt eben auch ein paar weniger gute Songs, wie das nervige „Rusted guns of Milan“. Braucht die Welt wirklich einen Song über Impotenz? Ich würde sagen: Auf keinen Fall. „Stand Down“ und „18 000 Lira“ sind auch nicht gerade Perlen, wenn auch zum Pogen ziemlich gut geeignet. Schade ist auch, dass das Album nicht nur kurzweilig unterhält, sondern auch sehr kurz ist: Gerade mal 30 Minuten darf man mit und über Art Brut lachen. Das ist ein bisschen sehr wenig Material für ein ganzes Album.
„Bang Bang Rock’n’Roll“ ist ein wirklich gutes Debüt einer Band mit Potential. Wer Freude an ironischen Texten hat und nicht in jedem Fall auf Virtuosität à la Radiohead besteht, wird sehr viel Spaß beim Hören haben. Doch was so Manchem als Ironie erscheint, ist im Endeffekt vielleicht doch nur naive Kunst im Sinne der Kunstrichtung Art Brut - wenn man Eddie Argos glauben darf: „People think I'm being ironic all the time, but I'm not. I'm just really enthusiastic!”

Anspieltipps:

  • Good Weekend
  • Emily Kane
  • Moving to L.A.
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