Bloc Party - A Weekend In The City - Cover
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Bloc Party A Weekend In The City


  • Label: V2/Rough Trade
  • Laufzeit: 51 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Es ist eine Freude, an dieser Gaumenfreude teilzuhaben.

„Ich habe meine Stimme neu definiert als Instrument. Habe die Spuren aufeinander getürmt, durch Verzerrer gejagt...“ – Bloc Party-Vorstand Kele Okereke hat versprochen, den Nachfolger zum 2005er Debüt „Silent alarm“ experimenteller und wesentlich reflektierter zu gestalten. Hier ist der Brocken endlich: Größer, vielschichtiger, posttraumatischer, politisch offener und ehrlicher. „A weekend in the city“– of London, natürlich.

Wenn der Erstling einer Band ohne großes Zutun über eine Million Einheiten absetzt und mit einer Dichte an aufbegehrenden Songs protzen kann, die selbst nach mehreren Monaten nichts von ihrer Überzeugungskraft und Tanzbarkeit eingebüßt haben, dann erstickt der Nachfolger praktisch an Vorschusslorbeeren, hohen Erwartungen und all dem Meßlatten-Gequatsche, noch bevor überhaupt ein Veröffentlichungstermin für das sukzessive Werk feststeht. Bloc Party ließen sich davon aber anscheinend überhaupt nicht irritieren, die Zusammenarbeit mit Produzent Jacknife Lee (U2, Snow Patrol, Kasabian) erwies sich als gelungener und gewichtiger Ausgleich um neue Dimensionen und Klangebenen zu betreten oder wie Kele es ausdrückt: „Unsere Augenbrauen gingen erst einmal nach oben, als sein Name ins Spiel gebracht wurde. Aber wir haben dann gesehen, was er früher alles gemacht hat. Er hat ja für sehr viel Musik im Dancebereich eine wichtige Rolle gespielt. Und genau diese Fähigkeiten waren es, die wir wollten.“

Dennoch blieb es Okereke, der mit der Manier eines Brian Wilson seine Vorstellungen durchbringen und umsetzen wollte, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf „etwas zu schaffen, dass großartig ist, nicht etwas, das einfach nur gut klingt.“ Russell Lissack (Gitarre), Gordon Moakes (Bass) und Matt Tong (Schlagzeug) wurden trotzdem nicht zu kopflosen Marionetten degradiert, sondern dürfen auf „A weekend in the city“ mit ihrem variablen und harmonischen Spiel die wichtigen Facetten der Platte hervorstreichen oder heben in genialer Präzisionsarbeit mit ihren Instrumenten das Tempo an („Waiting for the 7.18“, „I still remember“), steigern sich in geordneten phrenetischen Krach („Uniform“) oder in vielschichtige Melodieverliebtheit um die sie selbst Coldplay beneiden würden („SRXT“), selbst wenn es darin um den Selbstmord zweier guten Freunde geht. „SRXT“ steht übrigens für Seroxat, ein Antidepressivum.

Die neu gefundene Komplexität, die auf „Silent alarm“ eher aus trockenen, wenn auch energiegeladenen Ausbrüchen bestand, ist auf dem neuen Werk der Auseinandersetzung mit der Mehrspuraufnahmetechnik gewichen, ganz so als wäre das Credo gewesen ein zweites „Pet sounds“ zu erschaffen. Allein der Beginn von „Hunting for witches“, eine Collage aus Nachrichten-Schnipseln, die aus der Zeit von 9/11 und den Bombenanschlägen in London stammen, ist paradigmatisch für die Experimentierfreudigkeit mit der Bloc Party (besonders Kele Okereke) ans Werk gegangen sind („Als wir die Songs zu „Silent alarm“ aufnahmen, waren wir völlige Novizen, was die Möglichkeiten der Studiotechnik angeht“).

Fans, die der ungestümen Seite von „Silent alarm“ besonders viel abgewinnen konnten, werden mit „A weekend in the city“ einiges zu beißen bekommen oder die Platte schlicht und einfach ignorieren, denn zappelnde, kompakte Tracks wie „Luno“ fehlen gänzlich. Einzig und allein die erste Singleauskoppelung „The prayer“ schleift den Hörer auf die Tanzfläche um ihm eine Kostprobe einer stampfenden Disco-Nummer zu verabreichen, die neben kräftigem Bass, Handclaps und Summlauten alles beinhaltet um auch möglichst lang im Gedächtnis haften zu bleiben und den Körper zum Schwitzen zu bringen. Nichtsdestotrotz formen Bloc Party in den restlichen 10 Stücken dennoch ein eigenwilliges, vor unbändiger Energie strotzendes Monster, das im Vergleich zum Vorgänger schlicht und ergreifend unberechenbarer geworden ist.

War „Silent alarm“ die ausgelassene, feuchtfröhliche Party, so ist „A weekend in the city“ der Kater, das düstere Erwachen danach. Oder um es anders auszudrücken: Der zweite Longplayer der Engländer ist wie eine gute Flasche Rotwein, die auf 11 Gläser aufgeteilt wurde. Bemerkenswert daran ist, dass jedes Glas und jeder Schluck daraus einen eigenen, neuen Geschmack aufweist und es eine Freude ist an dieser Gaumenfreude teilzuhaben. Doch eines haben sie dann doch gemeinsam. Der letzte Tropfen rundet das Gesamtbild dermaßen phantastisch ab, das die Suchtgefahr besonders hoch ist. Also Vorsicht!

Anspieltipps:

  • SRXT
  • Uniform
  • Where Is Home?
  • Waiting For The 7.18
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