Gianna Nannini - Grazie - Cover
Große Ansicht

Gianna Nannini Grazie


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 42 Minuten
Artikel teilen:
6.5/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Grundgerüst der Songs ist deutlich rockiger ausgelegt und melodiebezogen.

Im Juni 2006 wurde Gianna Nannini 50 Jahre alt und feierte auf einer vierwöchigen Tournee durch Italiens größte Spielstätten ihr inzwischen 30jähriges Bühnenjubiläum. Die aus Siena in der Toskana stammende Sängerin ist promovierte Philosophin und veröffentlichte im Alter von 20 Jahren ihr Debütalbum. Erste Erfolge feierte sie als Rockmusikerin, wobei sie stilistisch immer als sehr offen galt und genauso in der Pop- und elektronischen Musik zuhause war. Dennoch hat Gianna Nannini ihre Rock’n’Roll-Wurzeln in den letzten Jahren mit Alben wie „Aria“ (2002), „Perle“ (2004) immer mehr verlassen. Und auch ihr neuestes Werk „Grazie“ ist nicht die von vielen erhoffte, bedingungslose Rückkehr zum Sound der 70er Jahre.

Das im Februar veröffentlichte Album bestimmt seit Monaten die italienischen Charts und wurde mit Platin ausgezeichnet. Die erste Singleauskopplung „Sei nell’anima“ schaffte es sogar bis auf Platz eins. Die Platte wurde zwischen April und Oktober des vergangenen Jahres in Mailand und London aufgenommen. Produziert hat sie Will Malone (Iron Maiden, Skunk Anansie, Madonna), der Gianna Nannini einen modernen Sound auf den Leib geschneidert hat, der von den Streicherklängen des London Session Orchestras ummantelt wird. Hoppla, schon wieder Streicher?

Sehr gerne wird über die Beteiligung von Streichorchestern an Rockalben geschimpft. Meistens dann, wenn sie über die herkömmliche Instrumentierung aus Gitarre, Bass, Schlagzeug geklatscht werden und den Sound zu einem wuchtigen Kitschbrocken aus E- und U-Musik verwässern. Besonders live ist so ein Unterfangen ziemlich schlimm anzuhören und viele Bands sind damit schon grandios baden gegangen. Man denke nur an Metallica, wo Band und Orchester nicht mit, sondern gegeneinander spielten.

Auch auf „Grazie“ stellt der Einsatz des Orchesters eine Gratwanderung dar. Denn jeder Song wird mit einem zuckrigen Streichermantel überzogen, egal ob passend oder nicht. Ganz nach der Devise: Wenn schon, denn schon! Dabei hätte dem einen oder anderen Lied eine reduziertere Instrumentierung viel besser gestanden. Bei einer Akustikballade wie „Treno bis“ machen Streicher ja noch Sinn, aber in wütenden und düsteren Rocksongs wie „Possiamo sempre“ und „Babbino caro“, der einen Einblick in das schwierige Verhältnis zwischen Gianna und ihrem Vater gibt, will das Orchester so gar nicht hineinpassen. Perfekt harmoniert die klassische Begleitung dagegen in der tollen Singleauskopplung „Sei nell’anima“.

Doch schon der locker-flockige Reggae „Io“ wäre gut und gerne ohne die zusätzliche Wall of Sound ausgekommen. Aber nein, die Herrschaften aus England müssen überall ihren Senf dazutun. Ob im schleppenden „L’abbandono“, das von Schlagzeug und Bass dominiert wird, oder im balladesken „Le carezze“, das sich entfernt am Song „7 seconds“ orientiert, mit dem Neneh Cherry und Youssou N’Dour vor über zehn Jahren einen Riesenhit landeten – und dennoch einer der schwächsten Titel auf dem Album ist. Highlight sind ganz klar der Titeltrack „Grazie“, die erste Single „Sei nell’anima“ und die finale Pianoballade „Alla fine“, mit ihrer klar geäußerten Kritik an heuchlerischen Wohltätigkeitsveranstaltungen wie „Live 8“.

Die Ansätze auf „Grazie“ führen in die richtige Richtung. Das Grundgerüst der Songs ist deutlich rockiger ausgelegt und melodiebezogen. Nur muss der Hörer ein Faible für Orchestermusik mitbringen, die dem Album viel von der rockigen Attitüde wegnimmt. Ansonsten ist „Grazie“ eine schöne Platte, nicht nur für Gianna-Nannini-Fans.

Anspieltipps:

  • Grazie
  • Babbino caro
  • Sei nell’anima
  • Possiamo sempre
Neue Kritiken im Genre „Pop/Rock“
7.5/10

Colors
  • 2017    
Diskutiere über „Gianna Nannini“
comments powered by Disqus